Film der Woche

Filmtipp „Spuren“: Wie die Angehörigen der NSU-Opfer mit Trauer und Wut leben

Nils Michaelis14. Februar 2020
Enver Simsek (links) war das erste Opfer der NSU-Mordserie.
Enver Simsek (links) war das erste Opfer der NSU-Mordserie.
Die NSU-Mordserie erschütterte die Bundesrepublik in ihren Grundfesten und wirft noch immer viele Fragen auf. Von den Verletzungen, aber auch von der Hoffnung der Hinterbliebenen der Opfer erzählt der berührende Dokumentarfilm „Spuren".

Ein einsamer Blumenstand mitten im Grünen. Kein Mensch und kein Auto stören die sommerliche Idylle am Waldrand. Doch diesen beschaulichen Ort bei Nürnberg umgibt der Hauch des Todes. Der Blumenverkäufer Aly Toy spürt ihn auch knapp zwei Jahrzehnte nach der Bluttat. Am 9. September 2000 wurde dort sein Chef von acht Schüssen niedergestreckt. Zwei Tage später starb der 38-jährige Familienvater im Krankenhaus: Enver Simsek war das erste Opfer des NSU. Neun weitere sollten bis 2007 folgen: acht Männer mit türkischen Wurzeln, ein griechischstämmiger Münchener und eine in Thüringen geborene deutsche Polizistin.

Sieben Jahre töteten die Rechtsterroristen

Aly Toy zählt zu den Menschen, die in dem Dokumentarfilm von Aysun Bademsoy davon berichten, wie nach den von den Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verübten Morden das Leben weiterging, weitergehen musste. Bis heute mutet die quer über Deutschland verteilte Blutspur des NSU surreal an. Sieben Jahre lang konnten die untergetauchten Rechtsterroristen Menschen töten, ohne der Polizei ins Netz zu gehen. Es ist kaum zu glauben, dass ihr Netzwerk nur aus der beim Münchener NSU-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilten Komplizin Beate Zschäpe und der Handvoll Helfershelfern bestanden haben soll, die mit vergleichsweise milden Strafen davonkamen.

In „Spuren“ geht es auch, aber nicht in erster Linie, um die umstrittene juristische Aufarbeitung der NSU-Morde. Vielmehr beschreiben die Interviewpartner, wie der Mord, und was dann folgte, in ihr Leben einbrachen. Welche Lücke hinterließen die Getöteten und wie bewältigen ihre Nächsten den Verlust? Welches Bild haben sie sich von den Mordopfern, die lange Zeit von den Ermittlern kriminalisiert worden waren, bewahrt? Und welches Vertrauen haben sie in einen Staat, der diese Taten – begangen stets am helllichten Tag und am Arbeitsort der Kleinunternehmer – nicht verhindert und sich bei der Aufklärung der Hintergründe nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat?

Fünf Jahre Prozess vor dem OLG München

Der fünfeinhalb Jahre währende Prozess vor dem Oberlandesgericht München bildet allerdings den Ausgangspunkt dieser sehr behutsamen und atmosphärisch dichten Erzählung. Nachdem die Urteile im Juli 2018 gesprochen waren, nahm Aysun Bademsoy die Gespräche mit den Hinterbliebenen auf. Vor dem Justizgebäude bringen einige von ihnen ihre Wut und ihre Ohnmacht angesichts der für sie zu lasch abgestraften Mitangeklagten Zschäpes zum Ausdruck. Und darüber, seinerzeit von den Ermittlern verdächtigt worden zu sein, in den Tod ihres Ehemannes oder Vaters verwickelt gewesen zu sein. Nach den rassistischen Morden mussten sie auch noch die Vorurteile von Polizei und Medien ertragen.

Wer sich all diesen Schmerz bewusst macht, wird kaum überrascht sein, dass die Berliner Dokumentarfilmerin nicht allzu viele Hinterbliebenen vor die Kamera bekam. Doch die Familie von Enver Simsek wollte reden. Ebenso die Witwe und die Tochter von Mehmet Kubasik: Der Besitzer eines Dortmunder Kioskes starb am 4. April 2006. Auch ein Bruder von Süleyman Tasköprü öffnete sich. Letzterer wurde am 27. Juni 2001 im Obst- und Gemüseladen seines Vaters in Hamburg erschossen.

Den Hinterbliebenen endlich zuhören

Im Film bekommen die Erinnerungen, Beobachtungen und Gefühle dieser Menschen breiten Raum. Auch, weil ihnen bislang viel zu selten zugehört wurde, beklagt die 1960 in der Türkei geborene Regisseurin. Aysun Bademsoy gibt ihnen eine Stimme und fragt dabei auch, was passieren muss, um die Verletzungen der letzten Jahre zu heilen. Einige Befragte entschieden sich dafür, sich vom NSU-Terror nicht die Heimat in Deutschland nehmen zu lassen. Andere gingen in die Türkei, weil ihnen ein Leben im Land der Mörder nicht mehr möglich war.

„Spuren“ ist nicht der erste Film über das Leiden der Hinterbliebenen der NSU-Opfer. Wohl aber lebt diese Produktion von einer besonderen emotionalen Kraft, die sich aus dem ausschließlichen Fokus auf die Selbstzeugnisse von Menschen speist, die einen geliebten Menschen auf schrecklichste und schändlichste Weise verloren haben. Die Kamera läuft auch dann weiter, wenn der Gesprächsfaden an einem toten Punkt angelangt oder sich Wiederholungen einstellen. Die Regisseurin stellt nur selten eine Zwischenfrage, auf einen Off-Kommentar wie auch auf inszenierte Situationen verzichtet sie gänzlich. Das verschafft dem Ganzen den Eindruck von Unmittelbarkeit.

Momente der Hoffnung

Neben Trauer, Wut und Enttäuschung bietet „Spuren“ aber auch immer wieder Momente der Hoffnung. Zum Beispiel dort, wo heute ein an einem Baumstamm angebrachtes Foto an Enver Simsek erinnert. Weil der Kleinunternehmer alles liebte, was wächst, pflanzte Aly Toy nahe jenem Parkplatz im Fränkischen mehrere Bäume. Nicht nur für ihn und nicht nur dort lebt Enver Simsek weiter.

Info: „Spuren – die Opfer des NSU“ (Deutschland 2019), ein Film von Aysun Bademsoy, Baron, 81 Minuten

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