Film der Woche

Filmtipp „Die Schule auf dem Zauberberg“: Hinter den Kulissen der Elite

Nils Michaelis01. März 2019
Eliteschüler Berk hat einige Probleme.
Eliteschüler Berk hat einige Probleme.
Eliteschulen sind Orte, an denen einflussreiche Kreise ihren Nachwuchs heranziehen. Obendrein schotten sich die Kaderschmieden in der Regel hermetisch ab. Der Dokumentarfilm „Die Schule auf dem Zauberberg“ liefert interessenate Einblicke in eine mitunter gar nicht so abgehobene Welt.

Radek Wegrzyns Regiearbeit lässt mehrfach aufhorchen. Nicht nur, dass es ihm gelang, in dieses nicht übermäßig an Öffentlichkeit interessierte Reich vorzustoßen. Zugleich zeigt er, dass Millionärstöchter  und -söhne oftmals die gleichen Wünsche und innerlichen Kämpfe kennen wie Kinder aus weniger privilegierten Schichten. Sei es der Wunsch nach Anerkennung durch eigene Erfolge oder auch einfach nur nach Liebe.

Was passiert, wenn ein Heranwachsender sich auf einen Pfad begibt, wo er die Erwartungen weder der Lehrer noch der Eltern erfüllt? Wird dadurch nicht gar die Systemfrage gestellt? Oder gibt es an jenen Orten, wo alles darauf ankommt, die Großkapitalisten von morgen heranzuziehen, im Falle mieser Noten und einer fragwürdigen inneren Einstellung  einen Plan B?

Exponierte Lage

All diesen Fragen geht Wegrzyn am Beispiel einer Institution nach, die schon ihrer exponierten Lage inmitten der Schweizer Alpen wegen nicht nur hervorsticht, sondern auch Respekt einflößt. Die Leysin American School bietet all das, was man sich unter einer Eliteschule vorstellt: junge adrette Menschen aus allen Weltgegenden, eine rigide Hausordnung (keine Drogen und kein Sex), ein allumfassendes Bildungs- und Coaching-Programm und nicht zuletzt eine satte Jahresgebühr von rund 90.000 US-Dollar.

Wegrzyn, der selbst diverse internationale Internate besucht hat, begegnet dieser Sphäre weder mit Voyeurismus noch mit Ressentiments. Vielmehr gelingt es ihm, den eingangs erwähnten Widersprüchen am Beispiel einiger Schüler, die er das gesamte finale Schuljahr hindurch begleitete, subtil nachzugehen und ihnen erstaunliche Aussagen über ihre Wünsche und Pläne zu entlocken (während sich viele andere durch einen Pandabären im Bild anonymisieren ließen).

Im Mittelpunkt steht der Schüler Berk. Der Name bedeutet auf Türkisch „widerstandsfähig“. Eine Eigenschaft, die der Zwölftklässler gut gebrauchen kann. Sein Vater verlangt nicht, dass sein Sohn genauso gut sein muss wie er. Nein, für den Selfmademan aus Istanbul zählt nur eines, um den Erfolg an die nächste Generation weiterzugeben: Berk muss besser sein als er. Doch den Filius plagen allerlei Probleme. Er vermisst das unbeschwerte Leben mit den Freuden am Bosporus und hinkt beim Lehrstoff hinterher. Ausgerechnet Wirtschaftskunde wird für den Unternehmersprössling zum Fiasko.

Eigene Vorstellungen

Zunehmend wird deutlich, dass seine Vorstellungen mit dem Geschehen auf dem Berg und den Ideen des Vaters kaum noch zu vereinbaren sind. Ein Problem, mit dem er nicht alleine ist, das bei ihm jedoch besonders deutlich zutage tritt. Doch was passiert, wenn er auch noch die Abschlussprüfung vergeigt? Will er nicht ohnehin lieber ein Lokal eröffnen, als im Top-Management zu landen?

Immer wieder begleitet das Team Berk auf seinen Reisen in die Türkei. Es ist ein Spiel der Gegensätze: Dort der Ort von Frust und Qual, anderswo Unbekümmertheit und Spaß. Wegrzyn macht daraus eine atmosphärisch dichte Erzählung, in der beide Welten, schon aufgrund des Schnittes, fließend ineinander übergehen, anstatt schroff voneinander abgegrenzt zu werden.

Überhaupt ist der Blick auf die Schule angenehm klischeefrei. Willenskraft gilt dort als Wurzel des Erfolges. Erreichen kann man sie nur durch strenge Disziplin, auch gegenüber sich selbst. Es geht für die Schüler aber auch darum, andere durch eine vorbildhafte Haltung mitzureißen. Dieses auf das „absolut Positive“ fokussierte Treiben nimmt mitunter sektenartige Züge an. Zu erleben sind aber auch Momente von individueller Förderung, die man Kindern und Jugendlichen auch an staatlichen Schulen wünschen würde. Traurig, aber wahr: Manches Elementare ist eben doch eine Frage des Geldes. Immerhin: Auch an diesem megakapitalistischen Ort befasst man sich mit den Grenzen des Wachstums.

Und Berk? Seine Geschichte bleibt bis zum Ende spannend. Nicht nur, aber auch, weil sie sowohl das Potenzial als auch die Grenzen jenes exklusiven Systems aufzeigt, was den individuellen Erfolg betrifft. Schließlich geht es auch um die Frage: Wie gehen junge Leute mit den immensen materiellen Ressourcen, die ihnen in die Wiege gelegt wurden um, wenn sie das Edel-Abitur in der Tasche haben? Berks Beispiel zeigt, dass die Saat einer erstklassigen Bildung umso besser aufgeht, wenn man sich nicht ausschließlich auf den vorgesehenen Pfad verlässt.

Info: „Die Schule auf dem Zauberberg“ (Deutschland 2018), ein Film von Radek Wegrzyn, 87 Minuten.

Jetzt im Kino

weiterführender Artikel