Film der Woche

Filmtipp „Die Rückkehr der Wölfe“: Warum ein Raubtier den Kapitalismus stört

Nils Michaelis18. September 2020
Vertraut mit einem Raubtier: die bulgarische Biologin Elena Tsingarska
Vertraut mit einem Raubtier: die bulgarische Biologin Elena Tsingarska
Räuberischer Störenfried oder Symbol für ein intaktes Ökosystem? Wie kaum ein anderes Tier polarisiert der Wolf die öffentliche Meinung. Der Schweizer Dokumentarfilm „Die Rückkehr der Wölfe“ will den Konflikt entschärfen und zeigt, wie Mensch und Wolf es miteinander aushalten könn(t)en.

„Hat sich der Wolf in Kolochau satt gefressen?“ So lautete vor einigen Monaten die Überschrift eines Beitrags in der Lokalpresse über ein gerissenes Schaf im Süden Brandenburgs. Seit der Jahrtausendwende sind die Tiere dort und in anderen Regionen Deutschlands wieder heimisch geworden. 2019 wurden bundesweit 88 Wolfsterritorien und 73 Rudel gezählt. Nicht nur in Brandenburg, wo die meisten Wölfe leben, stehen sich Gegner und Freude des Raubtiers gegenüber. Immer wieder befeuern einseitige bis alarmistische Medienberichte die Debatte.

Derlei Mechanismen kennt der Dokumentarfilmer Thomas Horat aus der Schweiz. Seit der Rückkehr des Canis lupus tobt auch in der Eidgenossenschaft ein Konflikt zwischen Landwirten, die sich angesichts zerfetzter Schafe im Stich gelassen fühlen, und Naturschützern, die den Wolf als Teil eines intakten Ökosystems sehen. Beide Seiten haben schlüssige Argumente. Im Prinzip geht es um den Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie. Anders gesagt: In den Augen mancher Zeitgenoss*innen stört der Wolf die kapitalistische Ordnung, in der Tiere ausschließlich dem Nutzen des Menschen zu dienen haben. Derzeit diskutiert man dort über ein neues Jagdgesetz, das den Abschuss der geschützten Tiere ermöglichen würde.

Vorurteile abbauen, Diskurs entschärfen

„Es stellt sich bei uns nicht mehr die Frage, ob wir den Wolf wollen oder nicht, er ist einfach da“, sagt Horat. „Es geht nur noch darum, wie wir mit der Situation umgehen und wie wir darauf reagieren wollen.“ Mit seinem Film will er Vorurteile über das polarisierende Tier abbauen und damit den oftmals erbitterten Diskurs entschärfen. Dafür wirft er zwei simple, aber eben doch grundlegende Fragen auf: Sind Wölfe gefährlich für den Menschen? Ist ein Zusammenleben möglich? Um sie zu beantworten, sprach er mit Forschern und Tierhaltern in mehreren Ländern.

Ihren Ausgang nimmt die Spurensuche in der Schweiz. Vor gut 150 Jahren war der Wolf, seinerzeit vor allem ein Nahrungskonkurrent der Landbevölkerung, dort ausgerottet. 2012 wurde erstmals wieder nachgewiesen, dass sich ein Wolfspaar in dem Alpenland fortgepflanzt hat. Die Meinungen und Erfahrungen, die Horat zwischen Almen und Bergdörfern einfängt, sind wie eine Blaupause für den beschriebenen Grundkonflikt. Im weiteren Verlauf führt uns der Film nach Österreich, in die Lausitz, nach Polen, Bulgarien sowie in den US-Bundesstaat Minnesota. Auf dieser Tour ergeben sich jene Nuancierungen, die den Film erst für ein breites Publikum interessant machen.

Dabei geht es immer wieder darum, den Wolf jenseits brutalisierender Mythen zu betrachten, ihn aber auch nicht zu idealisieren. So ist zu erfahren, dass die Wölfe im dünn besiedelten Minnsesota, im Gegensatz zum Rest der USA, niemals ausgerottet waren und die Menschen daran gewöhnt sind, mit freilaufenden Wolfsrudeln zu leben. Das bedeutet aber auch, ihnen Grenzen zu setzen. „Ich hoffe, dass das Volk erkennt, dass wir zum Wohl des Wolfs das Tier unter Kontrolle haben müssen und nicht überall Wölfe haben können“, sagt der amerikanische Wolfsforscher Lucyan David Mech.

Auffallende Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Wolf

Nachdenklich stimmen die Momente, in denen das Verhältnis zwischen Mensch und Wolf auf die psychologische Ebene gehoben wird und durch den Blick auf den Wolf auch etwas über den Menschen preisgegeben wird. Der österreichische Verhaltensforscher Kurt Kotrschral führt aus, dass viele Menschen den Wolf hassen würden, weil er ihnen ähnlich sei. Er erkennt eine „unglaubliche Ähnlichkeit, im Sozialen, in der Ökologie und im Einfluss auf die Umwelt.“ Beide Spezies würden dazu neigen, jedes revierfremde Wesen skeptisch zu betrachten.

Horats filmische Reise führt durch eine Vielzahl an geistigen Welten und fängt obendrein die Landschaften ein, die dem Wolf wieder zur Heimat geworden sind. Letzterer ist allerdings selten in freier Wildbahn zu erleben. Das ist allerdings nicht der Grund dafür, dass aus der Bilderflut keine wirklich intensive Erzählung wird. In seiner nüchternen Grundhaltung stellt Horat die Argumente und Lebenssituation seiner Gesprächspartner*innen in den Vordergrund. Da passt es ins Konzept, durch schnelle Schnitte ein Übermaß an Atmosphäre oder Poesie zu vermeiden.

Auch laufen die verschiedenen, durchaus Potenzial für Kontroversen bietenden Perspektiven auf den Wolf nebeneinanderher, anstatt miteinander konfrontiert oder verknüpft zu werden. In Sachen Dramaturgie hätte so eine Verdichtung dem Film gutgetan. So aber bleibt es den Zuschauenden überlassen, sich ein eigenes und unaufgeregtes Bild von einem Tier zu machen, das wieder ein Teil unserer Zivilisation geworden ist, deren Grundlagen immer wieder überdacht werden sollten. So gesehen kommt Horats Film zur rechten Zeit.

Info: „Die Rückkehr der Wölfe“ (Schweiz 2019), ein Film von Thomas Horat, 90 Minuten, FSK ab sechs Jahre.

www.mythenfilm.ch

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