Filmtipp der Woche

Filmtipp „Return of the Atom“: Mein Nachbar, der Skandal-Reaktor

Nils Michaelis11. August 2017
Dieser Atommeiler hat nicht nur ein Imageproblem.
Eurajoki in Finnland: Dieser Atommeiler hat nicht nur ein Imageproblem.
Aus dem Start in ein neues nukleares Zeitalter wurde ein Pannenprojekt. Die Dokumentation „Return of the Atom“ zeigt, wie die Menschen einer finnischen Gemeinde im Schatten einer Reaktor-Dauerbaustelle leben und wie ein Stromkonzerne einen ganzen Landstrich kontrolliert. Ein Film, der nachdenklich stimmt.

Seit Fukushima ist das Image der Atomenergie endgültig im Keller. Das war vor wenigen Jahren noch ganz anders. Kurz nach der Jahrtausendwende erlebten Atomkraftwerke eine Renaissance. 2002 wurde in Finnland der Neubau eines Atommeilers genehmigt. Es war in Europa der erste und bislang einzige nach der Katastrophe von Tschernobyl 16 Jahre zuvor.

Finnlands größter Bau aller Zeiten

Den Zuschlag dafür bekam die kleine Gemeinde Eurajoki. Groß waren die Versprechungen des künftigen Betreibers und die Hoffnungen bei der Mehrheit der Bevölkerung, schließlich sollte es Finnlands größtes Bauvorhaben aller Zeiten werden. Doch vom Glanz der Anfangstage ist nicht viel geblieben.

Vielmehr erinnert das Ganze an die Pannenserie am Berliner Hauptstadtflughafen BER: Die Eröffnung war ursprünglich für 2011 geplant, jetzt geht das deutsch-französische Baukonsortium von 2018 aus. Derweil kletterten die Baukosten von drei auf knapp neun Milliarden Euro.

Gefahren für Mensch und Umwelt

Bei der seit Jahren währenden Debatte um Baumängel, Lohndumping und missachtete Vorschriften geht es immer auch um die Frage, inwiefern davon Gefahren für Mensch und Umwelt ausgehen. Zehn Jahre lang haben die finnischen Dokumentarfilmer Mika Taanila und Jussi Eerola das Geschehen vor Ort verfolgt, düstere Zeitraffer-Aufnahmen geben den Baufortschritt wieder.

Im Grunde genommen erzählen sie die Geschichte der Atomkraft am Beispiel eines abgelegenen Landstrichs im finnischen Westen. Vertreter des Siemens-Arevo-Konsortiums oder des finnischen Stromerzeugers TVO malen die Verdienste und die Potenziale der strahlenden Energie in den schönsten Farben. Passend dazu sind sowjetische und amerikanische Propagandafilmchen aus der Frühzeit der Kernenergie zu sehen. Man kann es lustig oder beängstigend finden, dass sich an der Art und Weise, den Menschen die Atomkraft schmackhaft zu machen, wenig geändert hat.

Stolz auf „Finnlands elektrischste Gemeinde“

Viele Dokumentationen zu Energie, Umwelt oder Klima wählen heutzutage eine globale Perspektive, zeigen mehrere Schauplätze und lassen unabhängige Experten zu Wort kommen. „The Return of the Atom“ lebt hingegen von einem sehr engen, geradezu lokalen Fokus. Vor allem ist der Film ein Porträt des 6000-Seelen-Städtchens Eurajoki, das sich stolz „Finnlands elektrischste Gemeinde“ nennt. Seit den 70er-Jahren sind dort zwei Kernkraftwerke auf einer Insel in Betrieb, der im Bau befindliche Reaktor wäre der dritte. Die Menschen sind es gewohnt, mit der Atomenergie zu leben. Stolz führt der Bürgermeister das Filmteam durch den Schutzraum unterm Rathaus, wo die Schutzmasken für ein mögliches Reaktorunglück bereitliegen.

Dass es dazu wirklich kommen kann, glauben hier allerdings nur wenige. Lieber erfreuen sich die Einwohner an den Wohltaten von TVO, wie zum Beispiel dem schicken Eisstadion. Trotzdem merkt man schnell, dass es unterhalb dieser glückseligen Oberfläche auch Ängste und Sorgen gibt. Ausgesprochen werden sie von den wenigen Atomkraftgegnern in der Gegend.

Kampf der Anti-Atom-Aktivisten

Einer von ihnen hat sogar jahrelang in einem der Kraftwerke gearbeitet. Seit Langem beurlaubt, konfrontiert er TVO bei öffentlichen Veranstaltungen immer wieder mit Fragen zur Strahlenbelastung und präsentiert Hinweise auf Gesundheitsschäden durch die bereits aktiven Meiler. Man fragt sich: Wie lange hält dieser Mann das noch durch? Eine andere Aktivistin haben die so stoisch anmutenden Landbewohner längst mit offenem Terror vertrieben.

Tannila und Eerola vermeiden es, eindeutig Stellung beziehen. Gegner wie Befürworter des Atomstroms bekommen viel Raum, hinzu kommen Ausschnitte aus den zahlreichen Fernseh-Nachrichten, die die Pannen beim Reaktorbau aufgreifen. Wohl aber hatten sich die beiden ganz bewusst dafür entschieden, eine der kleinen finnischen Gemeinden in Nachbarschaft eines Atommeilers unter die Lupe zu nehmen, um zu zeigen, welch immensen Druck ein Stromgigant wie TVO aufzubauen in der Lage ist. Selbst wenn dieser Druck  in Gestalt eines TVO-Oberen, der sich mit Anwohnern zu Kaffee und Kuchen trifft, meist ein freundliches Gesicht aufsetzt. Auch deswegen stimmt diese spröde filmische Erzählung nachdenklich.

Info: „Return of the Atom – die Rückkehr der Atomkraft“ (Finnland/Deutschland 2015), ein Film von Mika Taanila und Jussi Eerola, 110 Minuten, OmU.

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