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Filmtipp „RBG“: Wie eine Richterin zum Gesicht eines besseren Amerika wurde

Nils Michaelis14. Dezember 2018
Ruth Bader Ginsburg (2.v.r.) ist seit 1993 Richterin am Obersten Gericht der USA.
Sie machte Amerika gerechter, nicht nur aus Sicht der Frauen: Der Dokumentarfilm „RBG“ setzt der prominenten Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg ein Denkmal.

Wenn eine Richterin wie ein Popstar verehrt wird, dann muss mehr dahinter stecken als rein juristische Expertise. Zum Beispiel eine gesellschaftliche Vision. Von wem ließe sich das besser sagen als von Ruth Bader Ginsburg? In Zeiten, in denen niemand weiß, wohin die gesellschaftliche Polarisierung unter Präsident Donald Trump die USA noch führen wird, verkörpert die 1933 geborene Rechtsexpertin, die vor 25 Jahren als seinerzeit zweite Frau in der Geschichte an den Supreme Court, also das Oberste Gericht der USA, berufen wurde, für viele Menschen die Hoffnung auf ein liberales, wenn nicht gar besseres Amerika. Trump soll angeblich darauf lauern, Ginsburg durch einen ihm genehmen konservativen Kandidaten zu ersetzen.

Unerschrockenen Verteidigerin der Bürgerrechte

Untrennbar ist Ginsburgs Name mit eine Reihe von juristischen Erfolgen gegen Geschlechterdiskriminierung und andere Formen von Benachteiligung verbunden. Nach der Jahrtausendwende wurde „RBG“, wie sie von ihren Fans genannt wird, gar zu einem Pop-Phänomen: Ihr Kürzel und Konterfei zieren T-Shirts, Tassen und Tattoos, und zwar nicht nur unter Jurastudentinnen und -studenten. Im US-Fernsehen wurde sie zu einem beliebten Gegenstand von Parodien.

Auch die US-amerikanischen Regisseurinnen und Produzentinnen Betsy West und Julie Cohen zählen zu den Anhängerinnen dieser unerschrockenen Verteidigerin der Bürgerrechte. Ihr Film, um nicht zu sagen: ihre Hommage, macht zeigt das mehr als deutlich. Ginsburgs in den letzten Jahren rapide gewachsene Fangemeinde, gerade auch in sozialen Netzwerken, gab einen wesentlichen Ausschlag dafür, den Aufstieg der Migrantentochter aus Brooklyn bis in höchste juristische Sphären zu beleuchten. Der Film geht dabei chronologisch vor, springt aber immer wieder zurück in die Gegenwart oder die jüngere Vergangenheit. So wird deutlich, dass Ginsburgs Karriere in einer vom Machismo geprägten akademischen Welt alles andere als selbstverständlich war. Gleichzeitig zeigen all die Interviews, warum ihr Werdegang und Wirken bis heute so viele Menschen beeindrucken.

Die Geschlechterverhältnisse auf den Kopf gestellt

„Wut ist Zeitverschwendung, kämpfe lieber mit Argumenten“: Diesen Satz ihrer Mutter beherzigt die heute 85-Jährige seit ihrer Jugend. Dabei hätte sie genug Gründe gehabt, sich aufzuregen. Beim Jurastudium in Harvard, wo Frauen seinerzeit eine belächelte Minderheit darstellten, hielt ihr ein Professor vor, Männern den Studienplatz wegzunehmen. Kaum eine Kanzlei in New York, wo sie ihre Ausbildung fortsetzt, beschäftigte seinerzeit Anwältinnen. Doch die zweifache Mutter beißt sich durch. 1963 wird sie Professorin für Rechtswissenschaften.

Bekanntheit erlangt Ginsburg, als sie als Anwältin in den 70er-Jahren mit einer Reihe von gewonnenen Prozessen die damaligen Geschlechterverhältnisse auf den Kopf stellt. 1973 verlangt sie in ihrer ersten mündlichen Verhandlung vor dem Supreme Court einen Wohnkostenzuschuss für eine verheiratete Soldatin der U.S-Luftwaffe, in der gleichen Höhe, wie sie ein Mann erhalten würde. Der Gerichtshof hebt das diskriminierende Bundesgesetz auf. Diese und weitere Stationen ihrer Vita werden in Audioprotokollen aus dem Gerichtssaal und Erinnerungsberichten wieder zum Leben erweckt.

Kleine Veränderungen, die wichtige Impulse setzen

Gerade jener legendäre „Fall Frontiero gegen Richardson“ veranschaulicht, was Ginsburgs Streben nach Gerechtigkeit ausmacht: Anstatt zur großangelegten Revolution zur blasen, bemüht sie sich um evolutionäre Verbesserungen, die, von außen betrachtet, klein aussehen mögen, aber wichtige Impulse setzen. Dabei lässt sie sich von keiner Seite vereinnahmen, auch nicht von Feministinnen. Weil ihrer Ansicht nach Männer und Frauen gleichermaßen durch diskriminierende Geschlechterverhältnisse benachteiligt werden, erstreitet sie 1975, dass einem verwitweten Vater das gleiche Kindergeld gezahlt wird wie einer Frau. 1980 beruft Präsident Jimmy Carter Ginsburg ans Bundesberufungsgericht.

Man könnte kritisieren, dass in „RBG“ fast ausschließlich der Protagonistin wohlgesonnene Menschen, darunter Ex-Präsident Bill Clinton, zu Wort kommen. Dennoch ist es den Filmemacherinnen gelungen, ein Bild zu zeichnen, das auch die Schwächen und Misserfolge der Heldin benennt. Es sind nicht zuletzt die selbstironischen Rückblicke von Ginsburg selbst, die hinter die Fassade einer Ikone blicken, die eine unerschütterliche Haltung mit bescheidenem Auftreten kombiniert. So wird die Lichtgestalt, die in Trumps Amerika dringender denn je gebraucht wird, immer wieder geerdet und als Mensch erfahrbar.

RBG – ein Leben für die Gerechtigkeit (USA 2018), ein Film von Betsy West und Julie Cohen, 97 Minuten. Jetzt im Kino

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