Film der Woche

Filmtipp „Ray & Liz“: Aufwachsen zwischen Dreck und Zärtlichkeit

Nils Michaelis10. Mai 2019
Ist das noch Liebe? Ray (Justin Salinger) und Liz (Ella Smith) in ihrer guten Stube.
Ist das noch Liebe? Ray (Justin Salinger) und Liz (Ella Smith) in ihrer guten Stube.
Hätte damals jemand geahnt, dass diese kaputte Kindheit ein gutes Ende nimmt? „Ray & Liz“ blickt in kunstvollen Bildern zurück auf ein Leben ohne Ziel und Richtung, ganz unten in England. Ein Leben, in dem es irgendwann nur noch bergab geht. Der Blick zurück ist mitunter drastisch, aber niemals plump.

Wenn Menschen die Kontrolle über ihr Leben verlieren, ist es meist ein schleichender Prozess. Am Anfang kann eine massive Krisenerfahrung stehen, manchmal passiert es aber einfach so. Wo ist der Ursprung dafür zu suchen, dass Ray, dieser alte, schmale und vereinsamte Mann, im Schlafzimmer seiner Sozialwohnung am Rande von Birmingham vor sich hin dämmert und nur noch das Bett verlässt, um sich, auf der Bettkante sitzend, zu betrinken und aus dem Fenster zu schauen? War es jener Tag Ende der 70er-Jahre, als die britische Industrie weitgehend am Boden lag und der Familienvater seinen Job verlor?

Es geht abwärts im Elternhaus

Vielleicht war es auch ganz anders. Regisseur Richard Billingham will mit seinem Film allerdings keinerlei Fragen aufwerfen oder gar beantworten. Dem renommierten Fotografen geht es in seinem Spielfilmdebüt darum, die Welt seiner Kindheit und Jugend erlebbar zu machen. Es war ein Leben ohne Ziel und Richtung, wenn man davon absieht, dass es für die Eltern und ihre zwei Söhne irgendwann nur noch bergab ging. Der Vater: ein Alkoholiker, der völlig passiv durchs Leben stolpert und meist irgendwo zuhause starren Blickes herumsteht oder -sitzt. Die Mutter: immer gelangweilt, aber doch zu beschäftigt, um sich um jemand anderen zu kümmern. Lieber fängt die übergewichtige und tätowierte Kettenraucherin mit der Vorliebe für geblümte Kleider immer wieder ein Puzzle an, ohne es zu vollenden.

Die Kinder Jason und Richard, der Haushalt und die vielen Haustiere sind sich selbst überlassen. Der Hund pinkelt auf einen der vielen Rechnungsbriefe, die ungeöffnet in der versifften Schublade landen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Familie längst von einem abgetakelten Häuschen in eine Sozialwohnung gezogen, die mittlerweile nicht minder abgetakelt ist. Die Jungs suchen nach eigenen Wegen, um dem Elend zu entkommen, und sei es nur für ein paar Stunden.

Der Filmemacher schafft die Flucht

Billingham ist die Flucht bekanntermaßen gelungen. Heute lebt er mit Frau und Kindern nicht mehr im düsteren Black Country, der einstigen Herzkammer der britischen Schwerindustrie, sondern im idyllischen Wales. Doch immer wieder greift der heute 49-Jährige die ersten gut 20 Jahre seines Lebens auf.

In den 90er-Jahren fotografierte er als Kunststudent seine Eltern, um daraus Vorlagen für Gemälde zu machen. Daraus entstand das Fotobuch „Ray`s A Laugh“. Aus der Malerei wurde nichts, umso wichtiger wurden filmische Arbeiten. Ende der Neunziger strahlte die BBC Billinghams Dokumentarfilm „Fishtank“ aus, der sich ebenfalls mit seiner schwierigen Familie befasste. 2001 stellte er bei der Biennale in Venedig aus und wurde für den Turner Prize nominiert. Mittlerweile hängen Billinghams Fotos, darunter auch immer wieder Arbeiten zu Landschaften und Zootieren, in Museen in London, New York und San Francisco.

Gesichter werden zu Landschaften

In „Ray & Liz“ erweckt Billingham die Bilder seiner Familie zu neuem Leben. In zwei Episoden erzählt er von jenen, wie er es ausdrückt, gelebten Erfahrungen seiner frühen Jahre. Wir erleben, wie der geistig zurückgebliebene Onkel, der auf Jason aufpassen soll, im Wohnzimmer beklaut und übel zugerichtet wird. In der zweiten Episode verschwindet Jason über Nacht, ohne dass es die Eltern merken. Bis das Jugendamt vor der Tür steht. So schafft es der Junge endlich, das ungeliebte Zuhause hinter sich zu lassen. Anfang und Ende drehen sich allein um den alten Ray.

Die Aufnahmen des tristen Alltags zwischen zerfetzten Tapeten und einer verdreckten Küche folgen dem Realismus britischer Sozialdramen, erreichen aber eine ganz andere Intensität und Qualität. Formale Strenge paart sich mit warmen Farben. Menschen, vor allem ihre Gesichter, werden zu Landschaften, die man erleben, aber nicht immer logisch erfassen kann. Anders als um politische Botschaften bemühte Filmemacher wie Ken Loach verweigert Billingham in „Ray & Liz“ derlei Klarheit, wenngleich die soziale Misere der Thatcher-Jahre mitschwingt.

Humor als Überlebensstrategie

Kritiker warfen Billingham vor, Sozialvoyeurismus zu betreiben. Doch kann man seine eigene Vergangenheit voyeuristisch betrachten? Zumal der Blick zurück durchaus drastisch, aber niemals plump ausfällt. Das Ganze lebt von sorgsam komponierten Details. Und sei es nur die Großaufnahme einer Fliege auf der vergilbten Tapete. Immer wieder gibt es in dieser Sphäre, wo jeder nur an sich selbst denkt, überraschende Momente voller Zärtlichkeit, die zeigen, dass diese Menschen dieses Leben, mag es auch verrückt klingen, gerne leben. Humor wird zur Überlebensstrategie.

Mit effektheischenden Bildern vom Elend anderer, wie sie im Privatfernsehen zu sehen sind, hat all das nichts zu tun. Wohl aber mit großer Kunst, die trotz der engen, fast durchgängig auf die vier Wände der Familie beschränkten Perspektive erstaunliche Zwischentöne bietet.

Info: „Ray & Liz“ (Großbritannien 2018), Regie: Richard Billingham, Kamera: Daniel Landin, mit Ella Smith, Justin Salinger, Patrick Romer, Deirdre Kelly u.a., 108 Minuten.

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