Film der Woche

Filmtipp „Picture a Scientist“: US-Forscherinnen kämpfen gegen Diskriminierung

Nils Michaelis30. April 2021
Kampf gegen die Dominanz der Männer: Chemie-Professorin Raychelle Burks setzt sich für Gleichberechtigung ein.
Kampf gegen die Dominanz der Männer: Chemie-Professorin Raychelle Burks setzt sich für Gleichberechtigung ein.
Sie wollten nur forschen, doch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern machte sie zu Aktivistinnen: Der Dokumentarfilm „Picture a Scientist“ zeigt, mit welchen Hürden ehrgeizige Wissenschaftlerinnen zu kämpfen haben.

Als Nancy Hopkins zu Beginn ihrer Karriere von einem angesehenen Forscher betatscht wurde, existierte der Begriff „sexuelle Belästigung“ noch gar nicht. Stillschweigend nahm sie den Übergriff im Labor hin und arbeitete sich im Wissenschaftsbetrieb nach oben. So war das in den frühen 1970er-Jahren. Später wurde die 1943 geborene Molekularbiologin Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Traditionelle Dominanz der Männer

Heute kommen derlei Vorfälle meist schneller ans Licht. Nicht erst seit der MeToo-Bewegung ist nicht nur die US-Gesellschaft – gerade in der Welt der Wissenschaften – um mehr Geschlechtergerechtigkeit bemüht. Das ist auch das Verdienst von Nancy Hopkins. Mitte der 1990er-Jahre brachte sie mit anderen Forscherinnen, die ebenfalls immer wieder gegenüber ihren männlichen Kollegen benachteiligt und ausgegrenzt wurden, eine Studie zur Situation von Frauen am MIT auf den Weg. Das hatte zur Folge, dass das MIT und weitere Hochschulen sich des Themas annahmen und Konsequenzen zogen.

Als die MIT-Studie im Jahr 1999 veröffentlicht wurde, waren Jane Willenbring und Raychelle Burks, die beiden anderen Protagonistinnen dieses Dokumentarfilms, noch Studentinnen. Heute sind sie ebenfalls Professorinnen in sogenannten MINT-Fächern. Sie haben sich also in jenem technisch-naturwissenschaftlichen Bereich etabliert, der am jährlichen Girls'Day jungen Frauen und Mädchen auch in der Bundesrepublik schmackhaft gemacht werden soll.

Der Weg nach oben war voller Demütigungen

Auch für Jane Willenbring und Raychelle Burks war der Weg nach oben voller Demütigungen. Die Geomorphologin Wellenbring lässt Revue passieren, wie bei einem Strandspaziergang mit ihrer Tochter all die Gefühle herausbrachen, die sie jahrelang unterdrückt hatte. Der Satz „Mama, ich möchte auch Wissenschaftlerin werden“ war nicht nur ein Schock, sondern auch eine Initialzündung dafür, ihre Verletzungen öffentlich zu machen. Ihr Bericht über Schikane während einer Expedition in die Antarktis hat das Zeug zum Psychothriller.

Die Erzählungen von Raychelle Burks, Chemie-Professorin in Texas, bringen eine weitere Nuance ins Spiel. Als Afroamerikanerin wurde sie auch von weißen Frauen diskriminiert. Immer wieder musste sie glaubhaft versichern, wirklich zum wissenschaftlichen Team ihres Instituts zu gehören – und nicht zur Putzkolonne. Heute setzt auch sie den Kampf fort, den Nancy Hopkins und ihre Mitstreiterinnen einst begonnen haben.

Mächtige Klischees auch unter Wissenschaftlern

Nicht nur dadurch macht „Picture a Scientist“ deutlich, dass Geschlechtergerechtigkeit eine Aufgabe für Generationen ist. Und zwar ausgerechnet in jener Sphäre, von der das Klischee sagt, es würde sich nur die oder der Beste durchsetzen, sozusagen im Namen der reinen und hehren Wissenschaft. Die US-Filmemacher*innen Sharon Shattuck und Ian Cheney zeigen, wie mächtig ganz andere Klischees – und zwar über Frauen – in der noch immer männlich dominierten Forschungswelt sind.

Drei US-Amerikanerinnen, zwei Generationen und viele gemeinsame Probleme: Die Kraft dieses in seiner Grundhaltung sehr engagierten, in seiner Umsetzung aber sehr zurückgenommenen und über weite Strecken atmosphärisch starken Films liegt in der schonungslosen Offenheit der Protagonistinnen. Unterfüttert werden ihre Selbstzeugnisse, die jede für sich Brücken zwischen unterschiedlichen Zeitebenen bauen, mit statistischen Angaben und den Aussagen weiterer Interviewpartner*innen. Dass das Anliegen dieser Doku, nämlich auf mehr Geschlechtergerechtigkeit hinzuwirken, nicht nur die USA betrifft, liegt auf der Hand.

Die Erfolge müssen verteidigt werden

Schonungslos sind Nancy Hopkins, Jane Willenbring und Raychelle Burks nicht zuletzt gegenüber sich selbst: Es muss sie einige Überwindung gekostet haben, all das auf den Tisch zu legen, was Begriffe wie „Benachteiligung“ mit Leben füllt. Zu diesem grundehrlichen und doch meist um Distanz und Sachlichkeit bemühten Blick kommt gerade bei den beiden jüngeren Frauen das Bewusstsein, dass sie auch weiterhin Verbündete brauchen. Und dass vieles von dem, was Nancy Hopkins und Co. ermöglicht haben, im Einzelfall immer wieder neu erkämpft und verteidigt werden muss. Noch heute kann es der Karriere schaden, über Baustellen der Gleichberechtigung in der akademischen Welt öffentlich zu reden. Auch deswegen standen die Gesprächspartnerinnen für diesen Film nicht gerade Schlange, heißt es vom Verleih.

Der Film konzentriert sich auf Naturwissenschaftlerinnen und genießt somit die Vorteile einer klaren inhaltlichen Klammer. Andererseits wäre es ausgewogener gewesen, zum Beispiel auch die Geistes- und Sozialwissenschaften in den Blick zu nehmen. Es entsteht der Eindruck, als wolle der Film das Vorurteil widerlegen, der typische Naturwissenschaftler sei im Wortsinn männlich. Dabei – so ist zu hoffen -- sollte dieses Bild selbst in konservativsten Kreisen nicht mehr aktuell sein. Andererseits spricht die Berufsstatistik des US-Wissenschaftsbetriebs für sich.

Info: „Picture a Scientist“ (USA 2020), ein Film von Sharon Shattuck und Ian Cheney, mit Nancy Hopkins, Jane Willenbring, Raychelle Burks u.a.

Als Video On Demand auf https://mindjazz-pictures.de/filme/picture-a-scientist/

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