Film der Woche

Filmtipp „Die Odyssee": Ein Flüchtlingsdrama in märchenhaften Bildern

Nils Michaelis22. April 2022
Auf der Flucht: Kyona und Adriel wurden in ein neues Leben geworfe
Auf der Flucht: Kyona und Adriel wurden in ein neues Leben geworfen.
Der Animationsfilm „Die Odyssee“ erzählt die uralte Geschichte von Flucht und Migration. Auch dank einer besonderen Technik erleben wir sie völlig neu.

Bilder von Geflüchteten begleiten die Kriege und Krisen unserer Zeit. Wer „Die Odyssee“ gesehen hat, behält ganz andere Motive im Kopf. Im Mittelpunkt stehen zwei Kinder, die von einem Tag auf den anderen erwachsen werden: die 13-jährige Kyona und ihr ein Jahr jüngerer Bruder Adriel. Als Angehörige einer verfolgten Minderheit müssen sie mit Eltern und Geschwistern ihr Dorf verlassen. Während der Flucht werden die beiden vom Rest der Familie getrennt. Nun stehen sie vor der Herausforderung, sich allein bis zum verabredeten Ort jenseits der Grenze durchzuschlagen: dem Dorf mit dem mythisch anmutenden Namen Arcata.

Trotz vieler Schrecken auch ein Abenteuer

Menschenhändler, Diebesbanden und die Häscher des Regimes, das sie als minderwertige Wesen betrachtet: Auf ihrer aussichtslos anmutenden Reise sind Kyona und Adriel vielen Gefahren ausgesetzt. Immer wieder holt sie der Krieg ein, der weite Teile des namentlich nicht genannten Landes erfasst hat. Trotz all der Schrecken ist es aber auch ein großes Abenteuer, das den einstigen Bewohner*innen eines abgelegenen Dorfes völlig neue Eindrücke bietet und sie über sich hinauswachsen lässt.

„Die Flucht hatte unsere Kindheit und unser bisheriges Leben verschlungen“, sagt die Erzählerin, die alt gewordene Kyona, gesprochen von der Schauspielerin Hanna Schygulla. Auf ihren Erinnerungen basiert die Erzählung. Genauer: Auf den Skizzen in ihrem Zeichenheft, in dem sie auch während der endlosen Wanderung Menschen und Landschaften festgehalten hat. Immer wieder werden diese Bilder zum Leben erweckt und zum Teil dieser Geschichte.

Ungewöhnliche Technik

Es sind Bilder voller Zartheit und Grausamkeit. Farbenfrohe Effekte einer märchenhaften Natur weichen wabernden Grau- und Schwarztönen der Gewalt. Lebensfreude und Schrecken stehen im ständigen Wechselspiel. Vor allem aber visualisieren die fein nuancierten und gerade deswegen wirkungsmächtigen Animationen Kyonas Gefühlswelt, ihre Fantasie und ihre Wahrnehmung der Außenwelt.

Dass diese Bilder so berührend sind, liegt auch an der besonderen Technik. Die französische Regisseurin und ursprünglich als Grafikerin gestartete Florence Miailhe nutzte keine glattgebügelten Computeranimationen à la Disney, sondern handgemalte Ölzeichnungen auf Glas. Die Animationen entstanden direkt vor der Kamera. Diese Ästhetik ist weit entfernt vom Anspruch einer oberflächlichen Perfektion und bricht mit den gängigen Sehgewohnheiten. Das macht sie umso reizvoller. Drei Jahre nahm die Produktion mit einem internationalen Team aus Animatorinnen in Anspruch. Wegen Problemen bei der Finanzierung vergingen insgesamt 15 Jahre, bis der Film fertiggestellt wurde.

Für Kinder und Erwachsene interessant

 „Die Odyssee“ ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene interessant. Das ist dem Stoff an sich und dem filmischen Genre zu verdanken. Aber auch der Art und Weise, wie das Thema Flucht mittels Drehbuch aufgearbeitet wurde. Viele Figuren und Schauplätze tragen märchenhafte und archetypische Züge. Wie Hänsel und Gretel irren Kyona und Adriel durch eine düstere Welt voller Bedrohungen und zwielichtiger Gestalten. Dort gibt es aber auch unverhoffte Helfende in der Not und treue Begleiter*innen.

Die Inspiration dazu fand Miailhe allerdings in der Realität. Vor allem in den Migrationsbewegungen seit der Jahrtausendwende. Aber auch in ihrer Familiengeschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts flohen die Urgroßeltern der 1956 geborenen Künstlerin vor judenfeindlichen Pogromen von Odessa nach Frankreich. Auch Aharon Appelfelds autobiografischer Roman „Geschichte eines Lebens“ oder Filme wie Elia Kazans „Amerika“ haben Spuren hinterlassen.

Märchen und Realität zugleich

Gemeinsam mit der Autorin Marie Desplechin, bekannt für Kinder- und Erwachsenenbücher, entwickelte die Regisseurin die Handlung. Diese steckt voller subtiler Verweise auf das reale Elend von Geflüchteten, um uns den vergangenen, aber auch den gegenwärtigen Schrecken, der Millionen von Menschen heimatlos macht, ins Bewusstsein zu rufen.

Hinter den mitunter rauschhaften Bildern steht eine klare Haltung und eine unmissverständliche Aussage: Kein Mensch ist illegal. Die mitunter Gravuren ähnelnden Bilder suggerieren eine künstlerische Distanz, sind tatsächlich aber voller Empathie. Und öffnen uns gerade dadurch die Augen.

Info: „Die Odyssee“ (Frankreich/Deutschland/Tschechien 2020), Regie: Florence Miailhe, Drehbuch: Marie Desplechin, Florence Miailhe, 84 Minuten, FSK ab zwölf Jahre.

https://grandfilm.de/die-odyssee/

Kinostart: 28. April

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