Film der Woche

Filmtipp „Der Der nackte König“: Wenn die Menschen die Angst vor der Diktatur verlieren

Nils Michaelis12. Februar 2021
Teheran Ende der 1970er-Jahre: Zusammen fühlt man sich stark, aber wohin führt die Revolte?
Teheran Ende der 1970er-Jahre: Zusammen fühlt man sich stark, aber wohin führt die Revolte?
Auf die Unfreiheit folgte ein Gastspiel der Freiheit und schließlich erneute Unterdrückung: Vor 40 Jahren durchlebten Polen und Iraner ein Wechselbad der Extreme. Der Dokumentarfilm „Der nackte König“ erforscht, was in den Menschen vorging.

Was bringt Menschen dazu, sich gegen eine scheinbar unbezwingbare Übermacht aufzulehnen? Für Ryszard Kapuściński war die Sache klar. „Die Revolte ist ein Abenteuer des Herzens“, so der polnische Reporter und Schriftsteller. „Der Mensch schüttelt die Angst ab und fühlt sich frei.“

Umbrüche zur gleichen Zeit

In Deutschland kennt man Kapuściński (1932-2007) vor allem wegen seines Reportagebandes „Imperium“ über die Sowjetunion. In „Der nackte König“ geht es um zwei andere Schauplätze, die ebenfalls eng mit ihm verknüpft sind: die Volksrepublik Polen während der Gründung der Solidarność, der ersten freien Gewerkschaft im sozialistischen Lager. Und der Iran zwischen den Massenprotesten gegen den Schah und der Islamischen Revolution, die Kapuściński als Auslandskorrespondent begleitete.

Die dramatischen Wendungen in Polen und im Iran vollzogen sich in etwa zur gleichen Zeit. Damals hielt sich der Schweizer Journalist Andreas Hoessli für ein Forschungsstipendium in Warschau auf und lernte Kapuściński kennen. Gut vier Jahrzehnte später begab er sich auf Spurensuche. Angelehnt an Kapuścińskis Diktum ging er der Frage nach: Wie kam es dazu, dass die Menschen ihre Angst ablegten? Wieso standen die einst so Mächtigen in Warschau und Teheran plötzlich entblößt da?

Plötzlich dreht sich die Richtung

Hoessli skizziert aber auch, wie die Ereignisse plötzlich eine Richtung einschlugen, die die Hoffnung vieler zerstörte: Mit der Verhängung des Kriegsrechts schien der Traum von einem freien Polen am Ende. Und die Iraner erlebten die Islamische Revolution, die anders orientierte Revolutionäre brutal verfolgte und neue Unfreiheit mit sich brachte.

Obendrein verknüpft der Filmemacher das Ganze mit seiner persönlichen Geschichte: Jahrelang wurde er vom polnischen Geheimdienst überwacht. In seinem Film reflektiert Hoessli diesen Umstand, den er nach 1989 anhand von Geheimdienstakten nachvollziehen konnte.

Konspirative Bilder vom Streik

Nicht zuletzt geht es darum, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Damit ist die Frage verbunden: Wie bewerten die Akteur*innen von einst die damaligen Ereignisse? Um diesen Aspekten nachzugehen, springt auch der Film beständig zwischen den Zeitebenen. Neben Interviewsequenzen und dokumentarischen Aufnahmen von heute sind immer wieder auch filmische Fragmente aus jener Zeit zu sehen.

Heimlich aufgenommene Bilder zeigen, wie die polnische Staatsmacht gegen streikende Arbeiter vorging. Besonders eindrucksvoll, auch im cineastischen Sinne, sind die Porträtaufnahmen, die der polnische Dokumentarfilmer Jacek Petrycki von Solidarność-Anführer Lech Walesa und seinen Mitstreiter*innen auf der Leninwerft festhielt.

Aufgebrachte Menschenmassen in Teheran

Ganz anders die Eindrücke aus Teheran. Immer wieder strömen aufgebrachte Menschenmassen durchs Bild. Erst recht, als der aus dem Exil heimgekehrte Revolutionsführer Ruhollah Khomeini im Konvoi durch die Stadt fährt. Im Grunde braucht es den Off-Kommentar – gesprochen von Bruno Ganz – gar nicht, um sich auszumalen, was kommen wird. Die Aufnahmen, die seinerzeit größtenteils im Fernsehen gezeigt wurden, setzt die Erinnerung an eine hoffnungsvoll gestartete und so düster geendete Entwicklung prompt in Gang. Das Kopfkino funktioniert.

Viele Schauplätze werden auch zeitlich aus verschiedener Perspektive gezeigt. Das erschwert anfangs die Orientierung, hat aber auch seinen Reiz. Nicht nur, weil Hoessli überwiegend visuell starke Motive zu bieten hat. Eben dadurch begeben wir uns auf eine Reise, die dazu einlädt, Parallelen zu suchen und mitunter auch zu entdecken.

Das Regime zeigt sich erstaunlich offen

Zudem überrascht die Offenheit gerade der iranischen Gesprächspartner*innen, die nicht nur, aber auch dem Establishment des Regimes entstammen. „Können wir Revolutionäre bleiben und gleichzeitig kritisieren, was in jenen Zeiten geschah?“, fragt Masoumeh Ebtekar. „Können

wir in eine selbstkritische Diskussion eintreten und dabei den Werten der Revolution treu bleiben?“ Seit 2017 ist sie Vizepräsidentin. 1979 gehörte sie zu den Student*innen, die die US-Botschaft in Teheran stürmten und Geiseln nahmen.

Berührend, aber etwas konturlos

Kaum jemand würde von diesem gerade wegen seiner Fülle an subjektiven Details so atmosphärisch dichten Film endgültige Antworten auf die aufgeworfenen Fragen erwarten. Wohl aber wäre es zu begrüßen gewesen, wenn Hoessli gegenüber dem, was er mit den Augen der anderen beschreibt oder selbst erlebt hat, zumindest an einigen Stellen deutlicher Position bezogen hätte. So bietet „Der nackte König“ zwar vielerlei berührende Momente, bleibt unterm Strich aber seltsam konturlos.

Info: „Der nackte König – 18 Fragmente über Revolution“ (Schweiz, Polen, Deutschland 2019), ein Film von Andreas Hoessli, 108 Minuten ab 12 Jahre

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