Film der Woche

Filmtipp „Marie Curie“: Intime Seiten einer Kultfigur

Nils Michaelis16. Juni 2017
Marie Curie (Karolina Gruszka) kämpft gegen vielerlei Widerstände an.
Marie Curie (Karolina Gruszka) kämpft gegen vielerlei Widerstände an.
Ihre Leidenschaft galt nicht nur dem Radium: Das biografische Drama „Marie Curie“ bemüht sich um einen neuen Blick auf die Ikone der Naturwissenschaften und der Frauenbewegung. Ihr Kampf um Gleichberechtigung ist bis heute aktuell.

So hat man Marie Curie noch nie gesehen: Nach der ersten Liebesnacht mit Paul Langevin plündert die verwitwete Nobelpreisträgerin die heimische Küche, kippt den Klaren und beißt herzhaft in eine Gurke.

Marie Curie, die einzige Frau mit zwei Nobelpreisen

Genau das war das Anliegen der Regisseurin Marie Noëlle. In ihrem Film, der im vergangenen Dezember im Kino lief und jetzt auf DVD und als Video-on-Demand erhältlich ist, zeigt sie weithin unbekannte private Seiten einer Frau, die für wissenschaftliche Superlative steht. Sie war die erste Nobelpreisträgerin und die einzige Frau, die diese Auszeichnung zweimal, zumal in zwei Disziplinen, erlangt hat. Außerdem gab es vor ihr keine Professorin an der altehrwürdigen Pariser Sorbonne.

Schon zu ihren Lebzeiten formte sich das Bild von einer ebenso unerschrockenen wie pflichtbewussten und beharrlichen Frau, die sich, ähnlich einer Nonne, ganz der Wissenschaft und dem Ziel verschrieben hatte, mit der von ihr und Pierre Curie entwickelten Radiumtherapie möglichst viele Menschen vor dem Krebstod zu bewahren.

Weiterleben nach dem Unfalltod ihres Mannes

Doch es gab auch eine andere Marie Curie. Nach dem frühen Unfalltod ihres Mannes Pierre trat sie nur mit Mühe aus dessen Schatten als Forscher hervor. Wissenschaftlich begabte Frauen hatten entweder einen Protegé oder waren eine Art Alien, jedenfalls nach Auffassung des männlich dominierten Wissenschafts-Establishments des frühen 20. Jahrhunderts. Die weltberühmte Physikerin war aber auch ein Mensch, der nicht nur in Arbeit und Kindererziehung aufging, sondern sich auch nach geistiger und emotionaler Nähe sehnte.

Im Spannungsverhältnis zwischen der bekannten und unbekannten Marie Curie bewegt sich dieser Film. Inspirieren ließ sich Noëlle von Tagebucheinträgen, Briefen und Zeitungsberichten jener Zeit. Nicht zuletzt, was die bislang wenig beachtete Affäre mit Paul Langevin betrifft. Diese hätte ihr im Jahr 1911 beinah den zweiten Nobelpreis, diesmal für Chemie, gekostet. Langevins Ehefrau trat mithilfe der Boulevardpresse eine verheerende Kampagne gegen Curie los. Anstelle der gefeierten Forscherin galt die gebürtige Polin nun als Aussätzige und Ehebrecherin, wurde gar antisemitisch beleidigt.

Leben in einer Zeit der Extreme

Ziemlich viel Stoff für einen 95-minütigen Film. „Marie Curie“ ist allerdings kein Biopic im herkömmlichen Sinne. Es wird nicht ein Leben von der Wiege bis zur Bahre auserzählt, sondern die Phase zwischen den beiden Nobelpreisen 1905 und 1911, zweifelsohne eine Zeit der Extreme.

Mit einer Ästhetik, die ganz der Erzählung dient, anstatt sie mit Effekten zu überfrachten, macht es Noëlle den Zuschauenden leicht, sich auf diese – größtenteils auf Tatsachen beruhende – Geschichte einzulassen. Da wäre das stimmige historische Flair, das nicht zuletzt von originalen physikalischen Gerätschaften aus dem Labor der Curies in einem Pariser Hinterhofschuppen profitiert.

Schwelgerische und dramatische Momente

Dass die Schauspieler weitgehend in natürlichem Licht auftreten, steht für einen gewissen Realismus. Nichtsdestotrotz hat die Bildsprache immer wieder auch schwelgerische und dramatische Momente am Rande des Kitsches, zumal das weitgehend gemächliche Erzähltempo immer wieder angezogen wird.

Doch formt sich aus all dem wirklich ein unverbrauchtes Bild von Marie Curie? Zweifelsohne ist es eine Lust, Hauptdarstellerin Karolina Gruszka zuzusehen. Äußerlich ihrer Figur alles andere als ähnlich, bildet die in Polen mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin umso ausdrucksstärker deren Innenleben vor dem Hintergrund all der Glücksmomente und Rückschläge ab.

Einsam und lakonisch

Was bleibt, ist das Bild einer Frau, der nichts geschenkt wird, die sich alles erkämpft und dabei weder auf sich noch auf andere Rücksicht nimmt. Und die auch immer wieder gegen die Einsamkeit ankämpft. Sei es in ihrem Herzen oder in der Welt der Wissenschaft. Die Regisseurin findet dafür immer wieder symbolträchtige Bilder. Zum Beispiel, wenn die Curie bei einem Strandspaziergang am Rande einer Konferenz zwischen all den Anzugträgern kaum zu erkennen ist. Obendrein zeigt sie ihre lakonische Seite: Im Gespräch mit Albert Einstein betont sie auf dessen Kompliment hin, nicht nur eine der Klügsten und Besten unter den Frauen, sondern auch unter den Männern zu sein.

So lässt sich sagen, dass am Ende doch das ikonografische Bild der Einzelkämpferin Marie Curie vorherrscht, wenngleich es Noëlle um einige Nuancen erweitert. Sehenswert ist der Film auch deswegen, weil er viele Dinge berührt, die bis heute aktuell sind, zum Beispiel die Gleichberechtigung in Bildung und Forschung. Seit 1901 haben 747 Männer den Nobelpreis bekommen, aber nur 47 Frauen. Und im vergangenen Jahr nicht eine einzige.
 

Info: „Marie Curie“ (Deutschland, Polen Frankreich 2016), ein Film von Marie Noëlle, mit Karolina Gruszka, Arieh Worthalter, Charles Berling, Daniel Olbrychski u.a., 95 Monaten, Sprache: OmU (Französisch/Deutsch), Deutsch. Als Bonusmaterial bieten die DVD ein Making-of sowie Interviews, unter anderem mit Karolina Gruszka und Marie Noëlle.

Jetzt auf DVD und als Video-on-Demand

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