Film der Woche

Filmtipp „Mein liebster Stoff“: Intensives Kammerspiel über Träume in Syrien

Nils Michaelis11. Januar 2019
Hoffnungszeichen: Für Nahla (Manal Issa) öffnen sich neue Türen.
Hoffnungszeichen: Für Nahla (Manal Issa) öffnen sich neue Türen.
Das Erzittern der Macht beflügelt eine junge Frau: „Mein liebster Stoff“ erzählt von einem Syrien, in dem es noch Hoffnung gibt. Eine ebenso faszinierender wie erschütternder Seelen-Trip.

Als vor bald acht Jahren die Proteste gegen das Assad-Regime begannen, mochte sich niemand ausmalen, dass Syrien wenig später in Schutt und Asche versinkt. Vielen dort schien die Freiheit zum Greifen nah, und zwar erstmalig im eigenen Land. AlIes schien möglich. In dieser offenen Situation beginnt die Geschichte von Nahla. Mehr als mit dem Arabischen Frühling ist die 25-Jährige mit ihrem persönlichen Leben beschäftigt. In Kürze wird sie einen aus den USA angereisten Mann treffen, der sie in Damaskus ehelichen und anschließend mit nach Amerika nehmen möchte. In das Paradies all jener, die in dem isolierten arabischen Land keine Zukunft mehr sehen.

Aufbruch und zerstörte Hoffnungen

Mittlerweile trauen sich immer mehr Menschen, ihrem Frust auf die Diktatur Ausdruck zu verleihen. Die alte Ordnung wackelt. Aus Nahlas Sicht auch überkommene Traditionen wie eine arrangierte Hochzeit. Ist für die Boutique-Verkäuferin ein Neuanfang in (einem neuen) Syrien möglich? Lässt sich ihr Traum von einem Leben in Freiheit, also auch frei von konservativen Konventionen, in ihrer Heimat leben?

In ihrem ersten Langfilm verarbeitet die syrische Regisseurin Gaya Jiji (geboren 1979) eigene Erfahrungen: den Aufbruch und die Demonstrationen gegen Assad, die brutale Antwort des Regimes und die zerstörten Hoffnungen. 2012 floh sie von Damaskus nach Frankreich, wo sie seitdem lebt und arbeitet.

Erlösung durch den Traummann?

Der Fokus ihres Films richtet sich auf Nahla und ihr unmittelbares Umfeld in einem Mittelklasse-Viertel der Hauptstadt, wo sie mit zwei Schwestern und ihrer Mutter wohnt. Es ist ein Alltag voller eingefahrener Konfliktmuster und Rollenbilder. Von ebenso störrischer wie empfindlicher Natur, sucht sich Nahla eine Nische, stets getrieben von der Frage, wie und wo sie ihre Träume und Sehnsüchte ausleben soll. Der eingeflogene Bräutigam soll es nicht sein. Aber wer dann? Ist es der Mann, dem sie in ihren Träumen begegnet? Nahla lebt für eine Fiktion und wird ihren Nächsten zunehmend unerträglich.

Fast scheint es, als drückt sich in ihrem Suchen und in ihrem Schmerz die ungewisse Situation des ganzen Landes im Frühjahr 2011 aus. Sie verschmäht Samir und ein Leben in den USA. Der umgarnt daraufhin ihre bildhübsche Schwester Myriam. Als die geheimnisvolle Madame Jiji zwei Etagen über ihr einzieht, um dort ein geheimes Bordell aufzumachen, öffnen sich für Nahla ganz neue Türen, selbst wenn die resolute Dame ihre Geschichte von einem angeblichen Geliebten durchschaut. „Wie oft am Tag berührst du dich eigentlich selbst?“, blafft sie ihre junge Nachbarin an. Als eine der wenigen Figuren in diesem Film hat Madame Jiji den vollen Durchblick. Immer wieder holt sie Nahla auf den Boden der Tatsachen zurück. So wie auch ihre kleine Schwester Line. „Du wirst wohl im Bombenhagel heiraten müssen“, sagt sie, als die Zeichen noch auf Hochzeit stehen.

Rätselhafte Reise

Überhaupt brechen die zunehmende Gewalt und der Schrecken im Land immer häufiger in Nahlas Alltag ein. Vom Taxi aus sieht sie, wie Soldaten auf Hausdächern in Stellung gehen. Internetvideos zeugen vom zunehmenden Raketenbeschuss. Und doch bleiben Nahlas Träume übermächtig. So orientierungslos wie die junge Frau geistern auch die Zuschauer durch die Handlung, immer mit der Frage im Kopf: Wohin geht die Reise? In zahlreichen Nahaufnahmen meinen wir, ihr Innerstes zu erfassen und doch bleibt alles immer ein Stück weit rätselhaft. Bis Nahla in Madame Jijis Wohnung von der Realität eingeholt wird und sie sich zu einem Akt der Selbstbefreiung aufrafft.

Bis dahin verharrt die Erzählung in einem permanenten Schwebezustand, der immer wieder die inneren Spannungen der Protagonistin wie auch Syriens offenbart. Mal verdichtet sich die Gesamtsituation in jenen zwei Wohnungen, dann wieder erscheint die übersichtliche, kammerspielartige Situation vor dem Hintergrund des aufziehenden Chaos wie eine Scheinwelt. Eine ebenso faszinierender wie erschütternder Seelen-Trip.

Info:  „Mein liebster Stoff“ (Frankreich/ Deutschland/ Türkei, 2018), ein Film von Gaya Jiji, mit Manal Issa, Ula Tabari, Souraya Baghdadi u.a., 94 Minuten.

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