Film der Woche

Filmtipp „Auch Leben ist eine Kunst“: Der Fall Max Emden als Auftrag an die Politik

Nils Michaelis26. April 2019
Max Emden: naturverbunden, Genussmensch und von den Nazis ausgeplündert.
Max Emden: naturverbunden, Genussmensch und von den Nazis ausgeplündert.
Kaufhauskönig, Mäzen und Lebemann: Lange Zeit ging es für den Unternehmer Max Emden nur aufwärts. Dann kamen die Nazis. Der Dokumentarfilm „Auch Leben ist eine Kunst“ erzählt von einem dramatischen Abstieg und dem mühevollen Kampf um Wiedergutmachung.

Ohne Max Emden sähen viele deutsche Innenstädte anders aus. In den 20er-Jahren machte der Hamburger ein Vermögen mit Kaufhaus-Immobilien, darunter das KaDeWe in Berlin und der Oberpollinger in München. Der einer jüdischen Handelsfamilie entstammende Hanseat tat viel für seine Heimatstadt. Er sponserte die Gründung der Universität, kaufte das Grundstück für Hamburgs ersten Poloclub und gründete einen Golfclub. Obendrein war er ein begeisterter Kunstsammler.

Für die Nazis blieb er Jude

Mit dem Machtantritt der Nazis begann für Emden, der längst im Schweizer Exil lebte und die dortige Staatsbürgerschaft annahm, der Abstieg. Obwohl er zum Christentum konvertiert war, sahen die neuen Machthaber in ihm „den Juden“. Er verlor fast seinen ganzen Besitz. Bis heute bemühen sich seine Hinterbliebenen um Wiedergutmachung. Und das nicht nur im finanziellen Sinne.

„Ich kämpfe um Gerechtigkeit“, sagt Juan Carlos Emden, der Enkel des 1940 am Lago Maggiore verstorbenen Kaufhauskönigs, der zu diesem Zeitpunkt nach mehreren Enteignungswellen längst keiner mehr war. Seit Jahren wartet der Nachkomme auf eine Antwort vom Hamburger Senat auf die Frage, was nach 1933 mit all den Häusern, Grundstücken und Kunstschätzen des Großvaters geschehen ist.

Viele Gründe für reichlich Wut

Warum hat die Familie außer für ein Grundstück in Potsdam keinen Cent Entschädigung bekommen? Was steht ihr noch zu? Dabei schwingt auch immer die Frage mit, wie es dazu kommen konnte, dass der bedeutende Mäzen in seiner Geburtsstadt längst vergessen ist. Einzig ein unscheinbarer Weg am Rande einer Grünanlage trägt seinen Namen.

Der aus Chile angereiste ältere Herr sieht sich als Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft. Ähnlich vergeblich waren bisher seine Bemühungen um Klarheit, aber auch um eine würdige Erinnerung an diesen bedeutenden Spross der Hansestadt. Die Dokumentarfilmer Eva Gerberding und André Schäfer begleiten ihn dabei, wie er auf eigene Faust versucht, Licht ins Dunkle zu bringen. Keine Frage: Das Schicksal der Familie Emden bietet Stoff für epische Momente und Emotionen, allen voran Wut. Mit all dem gehen die Regisseure sehr sparsam um.

Beschämendes Agieren der Behörden

In einem Interview gestand Eva Gerberding, selbst Hamburgerin, dass sie sich für die abweisende Haltung der Stadtoberen, die bis heute auf keines der durch Juan Carlos Emdens Anwälte eingereichten Schreiben reagiert haben, schämt. Der Film verfolgt eher eine nüchterne Rekonstruktion von Ereignissen, die tief ins Innere der nationalsozialistischen Raub- und Mordpolitik führen, wenngleich die Emdens dem Völkermord entkamen.

Intensiv wird die Spur einiger Kunstschätze verfolgt. Wie war es möglich, dass es eine kostbare Dresden-Ansicht von Canaletto aus Emdens Besitz in Hitlers Hände geriet und später in der Dienstvilla des Bundespräsidenten hing? Die Bundesregierung hat bislang nicht eines der Kunstwerke aus der Sammlung Emden, die die Nazis geraubt oder weit unter Wert gekauft hatten, an seine Erben zurückgegeben. Wir erleben obendrein, mit welch zynischer Argumentation die Hamburger Verwaltung Restitutionsgesuche von Emdens Sohn abbügelte, dem während der Jahre der Vernichtung die Flucht nach Chile gelungen war.

Flucht ins eigene Paradies

Aber auch der Privatmensch Max Emden wird eingehend betrachtet. Ende der 20er-Jahre verkaufte er seine Unternehmensbeteiligungen und seilte sich vom grauen Norden ins sonnige Tessin ab. Der 1874 geborene Geschäftsmann kaufte die Brissago-Inseln im Lago Maggiore, wo er fortan einem Leben mit jungen Frauen und schnellen Booten nachging. Und dies nicht nur als genussorientiert, sondern auch als ein Anhänger des seinerzeit propagierten Neuen Lebens. Im Geiste von Kunst und Ästhetik schuf er sich ein eigenes Paradies.

Fast meint man in den privaten Filmaufnahmen und Fotos zu sehen, dieser stets braungebrannte Mann kurz vor dem Rentenalter meine sich denkbar weit von seinem bisherigen Dasein als Teil einer angesehenen Rabbiner- und Kaufmannsfamilie in einer unwirtlichen Metropole entfernen zu wollen. Doch der Arm der Nazis, die er immer wieder öffentlich kritisierte, reicht bis nach Ascona.

Urenkel kehrten nach Hamburg zurück

Allerdings gibt es auch Hoffnung. Nicht nur, weil jüngst zu hören war, dass sich zumindest bei der Rückgabe zweier Gemälde bald etwas tun könnte. Zwei Urenkel Max Emdens sind nach Hamburg zurückgekehrt. Sie und ihre Familien sind der lebendige Beweis dafür, dass sich die Vergangenheit nicht verleugnen lässt. Politik und Verwaltung sollten das als Auftrag sehen.

Info: „Auch Leben ist eine Kunst – der Fall Max Emden“ (Deutschland 2018), ein Film von Eva Gerberding und André Schäfer, 90 Minuten. Jetzt im Kino

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