Film der Woche

Filmtipp „Der Krieg in mir“: Der 2. Weltkrieg und die Nachgeborenen

Nils Michaelis07. Mai 2021
Einblick ins kollektive Gedächtnis: Auf seinem Trip durch Belarus nimmt Regisseur Sebastian Heinzel an einer inszenierten Schlacht des Zweiten Weltkriegs teil.
Einblick ins kollektive Gedächtnis: Auf seinem Trip durch Belarus nimmt Regisseur Sebastian Heinzel an einer inszenierten Schlacht des Zweiten Weltkriegs teil.
Wie viel von dem Großvater, der an Hitlers Vernichtungskrieg im Osten teilnahm, steckt in ihm? In „Der Krieg in mir“ erforscht Dokumentarfilmer Sebastian Heinzel seine Träume und die Geschichte seiner Familie.

Oberflächlich betrachtet lebt Sebastian Heinzel wie im Paradies. Mit seiner Familie wohnt er auf einem Bio-Bauernhof im Schwarzwald. Tatsächlich geht der Filmemacher jahrelang durch die Hölle. Immer wieder kämpft er sich nachts als Wehrmachtssoldat durch sowjetische Sümpfe und Wälder. Irgendwann sind die Albträume nicht mehr zu ertragen. Doch woher rühren sie? Sind sie die Folge verdrängter Schuldgefühle? Ist er gerade ihretwegen so oft nach Belarus, Polen und in die Ukraine gereist?

Heinzel ist ein sogenannter Kriegsenkel. Beide Großväter erlebten den Zweiten Weltkrieg als Soldaten, auch in der Sowjetunion. Wie sich die – oftmals traumatischen – Erfahrungen von Armeeangehörigen auf das Leben von Kindern und Kindeskindern auswirken, wird seit einiger Zeit erforscht. Die Bücher der Journalistin Sabine Bode haben viel dazu beigetragen, eine breite Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren.

Wie Erfahrungen vererbt werden

Heinzel nutzt dieses Wissen, um seine Träume und seine Familiengeschichte zu entschlüsseln. Und auch, um sich davon zu befreien. Auf seiner Spurensuche trifft er Wissenschaftler*innen und Therapeut*innen. Diese geben aus der Sicht ihrer jeweiligen Disziplin einen kompakten Überblick über den aktuellen Forschungstand in Sachen Traumata und auch Denkanstöße zur persönlichen Geschichte des Regisseurs, Drehbuchautors, Protagonisten und Erzählers. Wer hätte gedacht, dass Ratten – vereinfacht dargestellt – Stresserfahrungen an ihren Nachwuchs weitergeben und dies auch etwas über die menschliche Psyche aussagt?

In einem zweiten Erzählstrang versucht der 42-Jährige, das Nachkriegsleben des Vaters seines Vaters zu rekonstruieren und zu deuten. Eines Tages steht er vor dem Mehrfamilienhaus, das der Opa in den 70er-Jahren gebaut hat. Es gibt Fotos von einer Kaffeetafel zu sehen. Die perfekte Illusion von Normalität? Von Krieg und Flucht wollten die Verwandten, die das alles überlebt hatten, nicht reden. Die Erinnerung von Vater und Sohn stößt an ihre Grenzen. Und damit auch die etwas behäbig inszenierte Spurensuche. Andererseits zeichnen sich ähnliche Persönlichkeitsmuster zwischen den Generationen ab, die weder Heinzel noch seinem Vater, der ihn an vielen Schauplätzen begleitet, vorher bewusst waren.

War Opa an Kriegsverbrechen beteiligt?

Zum Glück erweitert Heinzel den Kontext. Fahrt nimmt das Ganze in dem Moment auf, als die Recherche nach Belarus führt. Auf vorherigen Reisen hatte der Dokumentarfilmer Orte besucht, die auch jener Großvater gesehen haben muss. Mit Hinweisen aus einem Militärarchiv ausgestattet, geht er den biografischen Verbindungen vor Ort auf den Grund. War der Opa dort an Kriegsverbrechen beteiligt?

Mit einem Berg von Fragen besucht Heinzel Dörfer und Menschen in einer Region, wo Wehrmacht und SS besonders gewütet haben: Ein Viertel der Bevölkerung der damaligen Sowjetrepublik starb durch Hitlers Krieg, weit über 600 Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Schwer vorstellbar, dass ein deutscher Soldat dort ohne Schuld blieb.

Die Reise nach Belarus hat Folgen

Was wird Heinzel in Belarus finden? Lässt sich das Rätsel seiner Träume dort lösen? Diese Fragen stehen über dem Trip gen Osten und machen die Sache spannend. Manche Entdeckung überrascht, gerade im Hinblick darauf, wie die Menschen vor Ort mit ihren Kriegserfahrungen umgehen und wie das kollektive Bewusstsein diese Zeit widerspiegelt. Wir haben Teil an Heinzels Bewusstseinsprozess, wenn er sich auf Menschen und Situationen einlässt. Nicht auf jede Frage gibt es eine Antwort. Dass diese Reise für Heinzel nicht ohne Folgen ist, lässt sich trotzdem spüren.

Vor dem Hintergrund all dessen fällt die äußerst nüchterne und zurückgenommene Erzählweise dieses Films auf. Um die Zuschauenden an seiner Suche nach Erkenntnis teilhaben zu lassen, konnte Heinzel ihn wohl auch nur so erzählen. Gleichwohl wird diese Linie wiederholt gebrochen.

Ein Trip ins Unbekannte

Immer wieder geht Heinzel mit uns in den Wald. Animationen entwerfen Bilder für seine Träume. Reale Aufnahmen zeigen tiefes Grün in vielen Nuancen. Das setzt mehr als rein atmosphärische Akzente: Der Wald steht für das Dickicht, das Heinzel und seine Familie seit Generationen umgibt und in das er nun Licht bringen will. Manchmal ist der Wald allerdings so undurchdringlich, dass auch der genaue Blick nur das Ungefähre einfängt. Am Ende ist es wie bei einer Psychotherapie: Er oder sie hat ungefähre Vorstellungen davon, wohin die Reise führen soll. Doch wer weiß schon, wo und wann sie endet?

Info: „Der Krieg in mir“ (D 2019), ein Film von Sebastian Heinzel, mit Sebastian Heinzel, Klaus Heinzel, Isabelle Mansuy, Peter Levine, Diana Darazhok u.a., 90 Minuten.

Abrufbar in der ZDF-Mediathek und als VoD/DVD erhältlich:

https://www.zdf.de/filme/das-kleine-fernsehspiel/der-krieg-in-mir-106.html

derkrieginmir.de

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