„Nur ein Augenblick“

Filmtipp: Der Krieg gegen Assad ohne Terror und Islamismus

Nils Michaelis14. August 2020
Lilly (Emily Cox) und Karim (Mehdi Meskar) machen schwere Zeiten durch.
Lilly (Emily Cox) und Karim (Mehdi Meskar) machen schwere Zeiten durch.
Vom Hamburger Hörsaal in den Bürgerkrieg: „Nur ein Augenblick“ erzählt davon, wie ein junger Syrer in einen Teufelskreis der Gewalt gerät – ganz ohne den Fundamentalismus des Islamischen Staats.

Wenn von jungen Menschen Rede ist, die sich von Deutschland aus in den syrischen Bürgerkrieg stürzen, dann meist im Zusammenhang mit dem „Islamischen Staat“. Doch wie viele – zudem gut ausgebildete – Männer oder Frauen mag es geben, die jenseits religiöser oder ideologischer Verblendung zur Waffe greifen, um gegen Assad zu kämpfen? Möglicherweise, weil sie meinen, dadurch ihnen nahestehende Menschen zu helfen?

„Nur ein Augenblick“ erzählt, was der Krieg mit diesen „ganz normalen Menschen“ anstellt. Im Mittelpunkt stehen der syrische Student Karim und seine isländische Freundin Lilly. Beide führen ein scheinbar sorgloses Leben in Hamburg. Dorthin war Karim geflohen, als einige Jahre zuvor der Arabische Frühling Syrien erreichte und das Regime brutal zurückschlug. Karims Eltern und sein Bruder Jassir blieben dort zurück.

Sorgloses Leben in Hamburg endet schnell

Als Karim erfährt, dass Jassir in einem Folter-Gefängnis festgehalten wird, ist es aus mit der Sorglosigkeit. Diese wird ohnehin so plakativ ausgebreitet, dass man frühzeitig ahnt, dass das gemeinsame Glück von Karim und Lilly unter keinem guten Stern steht. Das zeigt sich erst recht, als Karim beschließt, an die syrisch-türkische Grenze zu reisen, um die Befreiung seines Bruders zu organisieren. Es bedarf tatsächlich „nur eines Augenblicks“, dass er zum – wie der weitaus aussagekräftigere internationale Verleihtitel „The Accidental Rebel“ suggeriert – „zufälligen Rebell“ wird.

Der schmächtige Nachwuchsakademiker landet in einer Einheit der Freien Syrischen Armee. Dort erlebt er genau das, was er zuvor be- und gefürchtet hat. Wird Karim dem Teufelskreis der Gewalt jemals wieder entkommen und die Schrecken des Krieges hinter sich lassen?

Der Film der deutschen Regisseurin Randa Chahoud folgt der Geschichte aus zweierlei Perspektive. Während Karim zunehmend mit den Schrecken des Krieges konfrontiert wird, gerät auch das Leben der hochschwangeren Lilly aus den Fugen. Plötzlich stehen Karims Eltern vor der Tür. Spätestens jetzt hat Syriens Tragödie die verschuldete Betreiberin einer Fahrradwerkstatt voll erwischt. Und doch kommt ihr die Rolle zu, so etwas wie Lebensbejahung zu verkörpern. Um das zu unterstreichen, greift Chahoud mitunter zu plakativen Mitteln. So ist in einer Parallelmontage zu sehen, wie an der Front in Syrien gestorben wird und derweil in Hamburg der Sohn von Lilly und Karim zur Welt kommt.

Plakative Filmszenen demontieren große Ambitionen

Derlei Plakatives und Vorhersehbares bietet „Nur ein Augenblick“ leider immer wieder. Das überrascht umso mehr, als das Drehbuch durchaus von großen Ambitionen zeugt. Etwa, wenn es darum geht, von Karims Wanderung zwischen den Extremen und vom Horror des Kriegshandwerks zu erzählen. Tatsächlich gelingt es ihm, wieder nach Hamburg zurückzukehren. Doch ist er tatsächlich noch der alte?

Allerdings berühren einen die Bilder und Szenen dieses persönlichen und kollektiven Dramas eher selten in dem Maße, das man bei diesem Stoff erwarten würde. Das gilt erst recht für das ohnehin gewagte Finale. Das liegt nicht etwa daran, dass man einigen Settings ein offenbar knappes Budget ansieht (gedreht wurde unter anderem auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Sachsen-Anhalt). Entscheidend ist vielmehr, dass einige dramatische Wendungen kurz und oberflächlich gestreift werden, während Beiläufiges zu breiten Raum findet. Dennoch gelingt es dem Film, ein gewisses Spannungslevel zu halten, zum Beispiel, indem das Erzähltempo immer wieder angezogen wird.

Fehlende erzählerische Tiefe

Dass die emotionale und atmosphärische Note zu kurz kommt, verwundert aus zwei Gründen. Erstens zeugen die vielen Details, die – auch in Erzählungen – zum Alltag in Syrien eingestreut werden, von der jahrelangen Vorbereitung der Regisseurin und von ihrer tiefen Vertrautheit mit der Materie: Auch Randa Chahouds Vater floh einst von Syrien nach Deutschland. Gespräche der Eltern mit syrischen Oppositionellen gehörten zum Familienleben wie selbstverständlich dazu.

Zweitens unterstreicht Chahoud, die sich zuvor mit TV-Formaten wie „Tatort“ oder „Ijon Tichy: Raumpilot“ einen Namen gemacht hat, wie sehr es ihr am Herzen lag, anhand von Karims Schicksal zu zeigen, welche inneren Konflikte jene Syrer durchleben, die Assads Gewaltherrschaft entkamen. „In einer Zeit der anwachsenden Angst vor Terroranschlägen, denken wir in Europa oft, Gewalttäter sind ,anders' als wir“, sagt sie. „Wer andere tötet, ist ,anders als wir'. Jemand der eine Waffe in die Hand nimmt und nach Syrien in den Krieg zieht, ist ,anders als wir'. Ich möchte mit diesem Film sagen – Nein. Ist er nicht. In vielen Fällen ist er sogar ganz genau so wie wir.“

Vor diesem Hintergrund würde man sich mehr erzählerische Tiefe wünschen. Immerhin gelingt es dem Film, auf ein unerschöpfliches Thema aufmerksam zu machen, das weit über Syrien hinausreicht.

„Nur ein Augenblick“ („The Accidental Rebel“) Deutschland/ Großbritannien 2019), ein Film von Randa Chahoud, mit Mehdi Meskar, Emily Cox, Jonas Nay, Amira Ghazalla u.a., 108 Minuten