Film der Woche

Filmtipp: Wie eine Komödie Rumäniens Beteiligung am Holocaust aufarbeiten will

Nils Michaelis31. Mai 2019
Regisseurin Mariana Marin (Ioana Iacob) hat wenig Berührungsängste.
Regisseurin Mariana Marin (Ioana Iacob) hat wenig Berührungsängste.
Eine junge Regisseurin bekämpft mit radikaler Kunst eine verzerrte kollektive Erinnerung: Die Tragikomödie „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ verbindet Rumäniens braune Vergangenheit mit der Gegenwart.

Wenn Kunst politisch wird, dann wird das Ganze oft besonders heikel. Gewinnt die Botschaft zu viel Raum gegenüber der ästhetischen Qualität? Sollte die Weise, gesellschaftliche Konflikte aufzugreifen, sachlich und aufklärerisch sein oder braucht es gerade im Falle monströser Stoffe wie Holocaust und Zweiter Weltkrieg radikale und provokante Formen, um die Leute wachzurütteln? Ist nicht bereits mancher Inhalt an sich schon pure Provokation?

Rumäniens Beteiligung am Holocaust

Mit derlei Fragen plagt sich die Regisseurin Mariana Marin herum. Sie steht vor der Herausforderung, die Verstrickung Rumäniens in den Massenmord an den Juden als Theaterperformance aufzuarbeiten. Und zwar auf einem Platz in bester Lage im Zentrum der Hauptstadt Bukarest. Dabei geht es nicht nur, aber gerade um die Rolle des Diktators Ion Antonescu, auf dessen Befehl hin während des Zweiten Weltkrieges rund 380.000 Juden in Rumänien und den besetzten Gebieten der Sowjetunion sowie rund 25.000 Sinti und Roma den Tod fanden. Mit den Mitteln der Bühne will die Protagonistin unter anderem ein Massaker in Odessa und die Deportationen nach Transnistrien in Erinnerung rufen.

Auf Antonescu geht das Zitat zurück, das dem Film seinen Namen gab. Nach dem Ende des Ceausescu-Regimes erfuhr der Hitler-Vasall eine Renaissance als Bewahrer der Nation. Ihm zu Ehren wurden Denkmäler errichtet und Straßen umbenannt. Im Vorfeld des EU-Beitritts wurde dieser Kult zumindest offiziell kassiert, doch in den Köpfen vieler Menschen ist die Verehrung des Marschalls tief verwurzelt.

Marianas Kampf gegen den Zensor

Das bekommt Mariana, die den Namen einer oppositionellen Dichterin aus sozialistischen Zeiten trägt, auch in ihrer Theatergruppe zu spüren. Kaum jemand teilt ihren Drang, der rumänischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Einigen der Komparsen – viele von ihnen sind fortgeschrittenen Alters – geht es nur darum, sich etwas dazuzuverdienen. So wird die auf 25 Minuten angesetzte Aufführung für die Regisseurin im mehrfachen Sinne zur Herausforderung. Zur Einstimmung versammelt sich das Ensemble zwischen ausrangierten Panzern und Gewehren in einem Museumshof. Mehrere gemeinsame Proben, die immer wieder zur Tour de Force in Sachen Coaching werden, sollen folgen.

Als wären all die Selbstzweifel rund um das Projekt und die Mühen der täglichen Regiearbeit nicht genug, muss sich Mariana auch noch mit einem Zensor von der Stadtverwaltung herumschlagen. Der verlangt, die geplante Show zu entschärfen. Marianas Kompromisslosigkeit wird auf eine harte Probe gestellt. Die als Weckruf gedachte Aktion droht zur Farce zu werden. Obendrein hat die Enddreißigerin mit Beziehungsproblemen zu kämpfen. Dennoch bewahrt sie sich ihre scheinbare Leichtigkeit. Wie die Performance werden soll, bleibt bis zum Schluss offen. Dass deren Ausgestaltung eine Grenzerfahrung für alle Beteiligten ist, dürfte kaum überraschen. Nicht weniger verstörend sind die Reaktionen des Publikums während der Aktion, die sich in voller Länge im Film wiederfindet.

Eine Gratwanderung zwischen Komik und Krise

Die Tragikomödie des rumänischen Filmemachers Radu Jude richtet sich gegen eine selektive Erinnerungspolitik in Europa. Dabei geht es zugleich auch um das Damoklesschwert des Scheiterns über jeglicher politischer oder politisierter Kunst. Radu erzählt beides in mitunter grotesken Szenen, die oft die Unmittelbarkeit eines Dokumentarfilms haben. Schnell vergisst man, dass es sich um, wenn auch in der Realität verankerte, Fiktion handelt. Zugleich wird die Handlung immer wieder auf den ernsthaften Kern des Ganzen, also Marias Intention, zurückgeführt. Eine gelungene Gratwanderung zwischen Komik und Krise, die in mehr als zwei Stunden nichts an Intensität verliert, selbst wenn Zuschauer manchmal Mühe haben, sich im Geschehen zu orientieren.

„Ich glaube nicht daran, dass sich Geschichte wiederholt“, sagte Radu Jude in einem Interview. „Aber auch in der Gegenwart sehen wir, dass es Rassismus und Antisemitismus sowie die Leugnung von Völkermorden gibt. Darum ist eine Geschichte aus der damaligen Zeit für uns von Bedeutung. Und gerade deshalb verbinde ich die Gegenwart mit der Vergangenheit.“ Ein Grund, das Thema anzugehen, sei auch gewesen, dass der 42-Jährige einer Generation angehöre, die belogen wurde und der niemand von den dunklen Teilen der rumänischen Geschichte erzählte.

Der Film feierte im vergangenen Jahr seine Premiere beim Internationalen Filmfestival Karlovy Vary. Dort gewann er zwei Preise. Außerdem wurde er von Rumänien ins Rennen um die Oscars geschickt. Optimisten sehen das als Ausdruck eines neuen Geschichtsbewusstseins.

Info: „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen““ (Rumänien/Bulgarien/Deutschland/Frankreich/Tschechische Republik 2018), ein Film von Radu Jude, mit Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alex Bogdan, u.a., 139 Minuten, OmU.

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