Film der Woche

Filmtipp „Klasse Deutsch“: Neue Sprache als Chance oder Hürde

Nils Michaelis17. Mai 2019
Nur nicht die Nerven verlieren: Realschullehrerin Ute Vecchio zeigt vollen Einsatz.
Nur nicht die Nerven verlieren: Realschullehrerin Ute Vecchio zeigt vollen Einsatz.
Ganz Deutschland diskutiert über Zuwanderung. Doch was bedeutet es, damit jenseits politischer oder medialer Debatten zu tun zu haben? Der Dokumentarfilm „Klasse Deutsch“ bietet ungewohnte Einblicke in den Schulalltag.

Im Mittelpunkt des Films „Klasse Deutsch“ stehen die Kinder einer sogenannte Vorbereitungsklasse („VK“) und ihre Lehrerin an der Henry-Ford-Realschule im Kölner Norden. Zwei Jahre lang werden die Mädchen und Jungen aus zugewanderten Familien auf den Eintritt in das reguläre Schulsystem vorbereitet. Und das bedeutet, dass zunächst vor allem eines auf dem Stundenplan steht: Deutsch pauken.

Eine Klasse, unterschiedliche Temperamente

Ein halbes Jahr lang begleitete Regisseur Florian Heinzen-Ziob die Heranwachsenden mit der Kamera dabei, wie sie daran arbeiten, sich über die Sprache nicht nur schulisch, sondern auch in einer neuen Gesellschaft zu etablieren. Es klingt banal, doch hier ist es eine Herausforderung: Jeder dieser Teenager – manch einer von ihnen gibt „Container“ als sein Zuhause an – bringt andere Voraussetzungen mit. Seien es die Einstellung zum Lernen oder die persönliche Migrationsgeschichte.

Während die fleißige Camilla bald ans Gymnasium wechseln kann, kann Klassenclown Kujtim noch nicht einmal in der ihm von Geburt an vertrauten Sprache Romanes richtig schreiben. Kein Wunder, dass er nur Fünfen und Sechsen auf dem Zeugnis hat. Sein Kumpel Schach, er stammt aus Kirgisien, kann immerhin ein paar Dreien vorweisen. Seine ehrgeizigen Eltern würden allerdings lieber Einsen sehen.

Potenziale und Probleme

In diesem Durcheinander von Temperamenten, Potenzialen und Problemen muss Ute Vecchio den Überblick bewahren. Mit einer Mischung aus Härte, Nüchternheit und Zuwendung vermittelt die Klassenlehrerin den Kindern immer wieder, was für sie auf dem Spiel steht. Nicht nur Ferdi stößt bei den Übungen vor der Kamera immer wieder an seine Grenzen. Vom Kosovo kam er über Italien und Frankreich nach Deutschland. Nun träumt er von einer Ausbildung zum Automechaniker. Doch vorher muss er erst einmal vier Jahre Schulstoff nachholen. „Es ist einfach zu wenig“, sagt Ute Vecchio über seine Leistungen. „Aber für mich ist es zu viel“, antwortet Ferdi.

Eines wird schnell klar: Nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, auch für die erfahrene Pädagogin ist die „VK“ ein kräftezehrendes Unternehmen. Man fragt sich, wie es Ute Vecchio schafft, auch in manch hoffnungslosem Moment, wenn sie sich ihre Schützlinge wieder einmal einzeln vornimmt, nicht die Nerven zu verlieren.

Mobbing in der Schule

Natürlich findet der Unterricht nicht im luftleeren Raum statt. Immer wieder halten auch die Lebensumstände der jungen Migranten Einzug. Als Pranveras beste Freundin abgeschoben wird, droht sie am Mobbing der deutschen Schüler zu zerbrechen. Ansonsten fällt sie dadurch auf, dass sie die Jungen im Armdrücken schlägt. Auch sonst möchte sich Pranvera durchsetzen, doch immer wieder packt sie das Heimweh nach Albanien.

„Klasse Deutsch“ folgt dem Anspruch, zum Migrationsthema andere als die aus den Nachrichten gewohnten Bilder zu liefern. Das ist in mehrfacher Hinsicht gelungen. So beschränkt sich der Fokus fast ausschließlich auf den Unterrichtsraum jener Klasse B206.

Kein Blick ins „Problemviertel“

Der als „Problemviertel“ verschriene Stadtbezirk Chorweiler bleibt buchstäblich außen vor. Schwarz-Weiß-Aufnahmen sollen dafür sorgen, dass sich das Auge ganz und gar auf die Schüler und ihre Lehrerin konzentrieren, anstatt von dem bunten Drumherum abgelenkt zu werden. Dass der Film mit einer einzigen Kamera gedreht wurde, unterstreicht diesen Ansatz. Dieser Mikro-Perspektive entsprechend gibt es weder einen Off-Kommentar noch weitergehende Informationen zu den Akteuren. Umso mehr ist die Konzentration des Publikums gefragt, wenn es darum geht, sich das Geschehen zu erschließen.

Lange Einstellungen bieten der Interaktion im Klassenzimmer viel Raum, enden mitunter aber auch abrupt. Meist scheint niemand die Kamera zu bemerken. Insgesamt zwei Jahre lang hat Florian Heinzen-Ziob mit den jungen Leuten zusammengearbeitet, auch indem er ihnen Kurzfilm-Workshops anbot. Das gewachsene Vertrauen ermöglichte eine ebenso warme wie nüchterne Erzählatmosphäre. So entstand auf engstem Raum ein unaufgeregtes Panorama zu einem Thema, das sonst oft von Effekten und Affekten jedweder Art begleitet wird.

Info: „Klasse Deutsch“ (Deutschland 2018), ein Film von Florian Heinzen-Ziob, 89 Minuten.

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