8. Mai 1945

Filmtipp „Kinder des Krieges“: Narben, die niemals verheilen

Nils Michaelis30. April 2020
Von Buchenwald in die USA: Beniek Ajnszydler (links) erlebt das Kriegsende als Zwölfjähriger.
Sie überlebten Krieg und Völkermord und blieben gezeichnet fürs Leben. Der ARD-Dokumentarfilm „Kinder des Krieges – Deutschland 1945“ beleuchtet aus vielerlei Perspektiven traumatische Erfahrungen in einem Jahr zwischen Niederlage und Neuanfang.

Weil die Corona-Krise größere Feierlichkeiten unmöglich macht, wäre dieser Jahrestag im öffentlichen Bewusstsein fast untergegangen: Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa zum 75. Mal.

8. Mai 1945: „Stunde Null“

In der frühen Nachkriegszeit bezeichnete man dieses Datum gerne als „Stunde Null“: Als wäre nach dem Kollaps des NS-Staates und der Kapitulation der Wehrmacht von einem Moment zum anderen etwas völlig Neues entstanden. Als wäre das, was bis dahin passiert war, vorbei und vergessen. Wie irreführend dieser Begriff ist, zeigt sich nicht zuletzt anhand der Menschen, die das Kriegsende als Kind erlebt haben. Ob im Luftschutzbunker, im KZ oder auf der Flucht: Die traumatischen Erfahrungen jener Zeit präg(t)en die Mädchen und Jungen ein Leben lang.

In den letzten Jahren ist diesen Zeitzeug*innen einige Aufmerksamkeit zuteilgeworden, wovon ein reicher Fundus an TV-Dokumentationen und Sachbüchern zeugt. Mit einem multimedialen Projekt knüpft die ARD daran an. Auch aus dem Grund, die mittlerweile Hochbetagten möglicherweise ein letztes Mal zu Wort kommen zu lassen. Dazu zählt der Dokumentarfilm „Kinder des Krieges – Deutschland 1945“, der am 4. Mai im Ersten ausgestrahlt wird und in der ARD-Mediathek verfügbar ist. Im Hörfunk läuft die fünfteilige-Feature-Reihe „Kinder des Krieges - Erinnerungen an die Kindheitstage im Jahre 1945“. Flankiert wird das Ganze von einer wissenschaftlichen Studie zu den Erfahrungen der Kriegskinder, die ebenfalls online abgerufen werden kann.

Gegensätzliche Lebenswelten

Man könnte also sagen, dass Jan N. Lorenzens Fernseh-Dokumentation kein Neuland betritt. Zumindest nicht, was die große inhaltliche Linie betrifft. Wohl aber lohnt es sich, sich näher mit der Form zu beschäftigen, die der Filmemacher für diesen Stoff gewählt hat. Anstatt einige wenige Protagonist*innen, die aus ihrem Leben berichten, in den Mittelpunkt zu stellen, wird vor der Kamera ein vergleichsweise üppiges Personal aufgefahren. Abgedeckt werden nicht nur verschiedenste Regionen Deutschlands zwischen Norden, Süden, Osten und Westen, sondern auch Lebenswelten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Wir hören die Geschichte von Lydia Bohling aus Bremerhaven. Als begeisterte Nazi-Mitläuferin empörte sie sich über ihre kriegsmüde Tante und befürchtete von den heranrückenden Alliierten das Schlimmste.

Von Günter Lucks aus Hamburg: Als 16-Jähriger landet er unfreiwillig bei der Waffen-SS, lernt im Kampf gegen die Rote Armee das Töten und quält sich mit Gewissensbissen. Von Beniek Ajnszydler aus Polen. Er ist zwölf Jahre alt, als US-Soldaten das KZ Buchenwald erreichen, wo er mit seinem Vater festgehalten wurde. Als Einziger aus seiner Familie erlebt er das Kriegsende. Kurz nach seiner Befreiung wandert er in die USA aus.

Selbstzeugnisse und konkrete Erlebnisse

Von Gisela Jäckel aus Wetzlar, die – wie zuvor ihre jüdische Mutter – mit ihrer Schwester beinahe deportiert worden wäre und auch nach 1945, da ist sie zehn Jahre alt, Ausgrenzung erfährt. In ihrer Heimatstadt erinnert ein Stolperstein an die Mutter. Noch immer schmerzt die Tochter der Verlust. Zu Wort kommt auch Niklas Frank, der Sohn von Hans Frank, Hitlers berüchtigten Generalgouverneur im besetzten Polen.

Und dies sind nur einige wenige Beispiele. Lorenzen verknüpft die episodenhaften Erzählungen, die sehr anschaulich von konkreten Situationen und Erlebnissen, die sich den Berichtenden für immer einbrennen sollten, handeln, mit Archivaufnahmen vom übergeordneten Geschehen und lässt auch die NS-Propaganda einfließen. Mitunter streifen die Selbstzeugnisse Ereignisse, die später wissenschaftlich und medial aufgearbeitet wurden, so etwa die Welle von Selbstmorden im vorpommerschen Demmin vom Mai 1945.

Der Tod war allgegenwärtig

So ergibt sich eine Vielzahl an Perspektiven und es wird noch einmal deutlich, wie sehr die Erinnerung an 1945 davon abhängt, in welchem Bereich der NS-Gesellschaft man beheimatet war. Und doch ziehen sich viele Gemeinsamkeiten durch die Berichte: vor allem die Allgegenwart des Todes und die Erfahrung, auf sich allein gestellt zu sein. Aber auch unverhoffte Momente der Hoffnung finden in diesem Mosaik Platz.

Vor allem aber gibt der Film nicht vor, dass Erinnerung etwas Abgeschlossenes ist. Vielmehr zeigt sich, wie sehr sich das Erinnern im jeweiligen Moment vollzieht und damit einer ständigen Veränderung unterliegt. Unterstrichen wird dies durch ein werkstattartiges Ambiente der Gesprächsszenen. Immer wieder sehen wir ein „Kind des Krieges“ durch ein lagerhallenartiges Setting zum kleinen Podium laufen, wo ein selten unterbrochener Monolog beginnt. Allerdings kostet dieses fast schon revuehafte Prozedere wegen der Menge an Befragten viel Zeit. Zeit, die man sich für fundiertere Einblicke in die spätere Verarbeitung der Erlebnisse gewünscht hätte. Andererseits liefern die Interviews genügend Anknüpfungspunkte, um die Narben jener Zeit zumindest zu erahnen.

Info: „Kinder des Krieges – Deutschland 1945“ (Deutschland 2020), Buch und Regie: Jan N. Lorenzen, 90 Minuten. Am 4. Mai, um 20.15 Uhr, in der ARD und ab sofort in der ARD-Mediathek

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