Film der Woche

Filmtipp „Innen Leben“: Ein Tag in der Kriegshölle von Syrien

Nils Michaelis23. Juni 2017
Filmdrama „Innen Leben“
Ein Zuhause der Angst: Oum Yazan (Hiam Abbass) und Delhani (Juliette Navis) erwarten von da draußen nichts Gutes.
Die Schrecken des syrischen Bürgerkrieges auf engstem Raum: Das Filmdrama „Innen Leben“ zeigt drastische Bilder vom Überlebenskampf zweier Familien in einer Wohnung. Doch in diesem Reich der Angst gibt es auch kurze Momente der Hoffnung.

Wer sich ein Bild von den blutigen Kämpfen in Syriens Städten machen will, ist weitgehend auf verwackelte Internetvideos angewiesen, doch die geben naturgemäß nur einen winzigen Ausschnitt der brutalen Realität wieder, oftmals aus Sicht von Kämpfenden oder Rettern. Wenig ist darüber bekannt, wie  Zivilisten, die zwischen den Fronten ausharren, ihr Dasein fristen. Wie erleben sie das jahrelange Gemetzel in Aleppo und anderswo, womöglich eingeschlossen in der eigenen Wohnung?

Der sichere Hafen wird zur Falle

Diese Leerstelle will der belgische Regisseur Philippe van Leeuw mit dem von realen Erlebnissen inspirierten Drama „Innen Leben“ füllen, wenn auch mit den Mitteln der Fiktion. Ort und Zeit der Handlung sind klar begrenzt: Der Schauplatz ist die Wohnung von Oum Yazan. Draußen knattern Maschinengewehre, rattern Hubschrauber heran: Lange Zeit zeigt sich der Krieg vor der Haustür allein akustisch.

Oum Yazans vier Wände wirken wie ein sicherer Hafen, der sogar der ausgebombten Familie aus dem Geschoss darüber Platz bietet. Aus Angst vor Scharfschützen haben sie die Fenster verhängt, die Wohnungstür wurde mit dicken Balken verrammelt. Ansonsten trägt die gutbürgerliche Bleibe – davon zeugen etwa der Buffetschrank oder der lange Esstisch – kaum Spuren des Krieges. Doch im Laufe der 24 Stunden währenden Handlung zeigt sich, dass diese eingebildete Festung im fünften Stock eines Wohnblocks eine Falle ist.

„Vergiss die Welt da draußen, sie zählt nicht mehr“

Resolut und fürsorglich versucht Oum Yazan, der kleinen Gemeinschaft, die sich hier verbarrikadiert hat, so etwas wie Normalität zu bieten: Da ist Abou Monzer, ihr Schwiegervater, der stumm in der Ecke seine Zigaretten raucht und seinen Enkelsohn unterrichtet. Oder die beiden Töchter sowie der Freund von einem der Teenager: Ständig hängen sie am Smartphone und freuen sich über jenen kurzen Moment, wenn es Internet gibt. Oder die philippinische Haushaltshilfe Delhani, die im Auftrag der Matriarchin, ohne fließendes Wasser und meist ohne Strom, die Logistik mühevoll am Laufen hält. Und schließlich die Nachbarn Halima und Samir mit ihrem Baby. Während Oum Yazan ihr Zuhause um keinen Preis verlassen will, gedenkt das junge Paar noch am Abend in den Libanon fliehen. Zu dieser Zeit wird auch Oum Yazans Mann zu Hause erwartet.

„Vergiss die Welt da draußen, sie zählt nicht mehr“: Abou Monzers lakonische Worte klingen wie eine Vorhersehung. Was soll von draußen schon kommen? Die Kamera verlässt fast nie die Wohnung, folgt den Bewohnern beim Gang durch den Korridor oder beim vorsichtigen Blick durchs Fenster. Eben dabei erfüllt Delhani plötzlich ein stummer Schrei. Am Morgen wollte Samir zur Universität gehen und die Flucht vorbereiten. Nun liegt er auf dem Parkplatz, niedergestreckt von einem Scharfschützen. Halima hat davon allerdings nichts bemerkt und das soll auf Geheiß der Hausherrin auch so bleiben. Mit der scheinbaren Ruhe ist es aber endgültig  vorbei.

Lichte Momente in der Dunkelheit

Immer wieder ist zu erleben, wie gefährdet das Refugium im ansonsten menschenleeren Wohnhaus ist. Die Explosionen werden immer heftiger. Irgendwann stehen fremde Männer im Wohnzimmer und die Gewalt eskaliert. Oum Yazan und Halima durchleben eine Extremsituation,  in der es darum geht,  mit einem persönlichen Opfer die Gruppe zu retten oder alle in den Abgrund zu reißen. Halima zahlt für ihre Entscheidung einen hohen Preis. Gleichzeitig merken sie und die anderen, dass es angesichts einer massiven Bedrohung keine richtige Entscheidung geben kann.  Doch in diesem Reich der Angst gibt es auch lichte Momente. Manches nimmt eine hoffnungsvolle Wendung. Doch Abou Monzer, der eine Welt und damit auch sein Leben zusammenbrechen sieht, wartet am Ende noch immer auf seinen Sohn.

„Innen Leben“ ist ein wahrer Alptraum, den man gerade wegen seines schonungslosen Realismus atemlos verfolgt. Naturgemäß wächst sich das Kammerspiel klaustrophobisch aus. Der auf Halima, Delhani und Oum Yazan lastende psychische Druck steigert sich bis ins Unerträgliche. Dabei gehen die israelisch-palästinensische Hauptdarstellerin Hiam Abbass (Oum Yazan) und die Libanesin Diamand Abou (Halima) bis an ihre Grenzen. Die von außen einbrechende Brutalität ist selten sichtbar und doch ständig präsent.

Kein Platz für Voyeurismus

Die behutsame Inszenierung schafft einen kontinuierlichen Rahmen, der Voyeurismus keinen Platz bietet, wohl aber kurzen Momenten der Hoffnung. So bleibt die scheinbar ausweglose Situation der Eingeschlossenen letztlich offen. Und es formt sich zumindest eine Ahnung dessen, was die Menschen in den zerschossenen Häusern seit Jahren durchmachen. Gedreht wurde im Libanon, vorwiegend mit aus Syrien geflüchteten Schauspielern. Auf der diesjährigen Berlinale gewann der Film den Preis in der Sektion Panorama.

Info: „Innen Leben“ („InSyriated“, Belgien/Frankreich/Libanon 2017), ein Film von Philippe van Leuuw, mit Hiam Abbass, Diamand Abou, Juliette Navis u.a., OmU, 85 Minuten.

Jetzt im Kino

Tags: 

weiterführender Artikel