Film der Woche

Filmtipp „Human Flow“: Ai Weiwei zeigt Gesichter der Flucht

Nils Michaelis11. Mai 2018
Kinder der Rohingya-Minderheit auf der Flucht
In Myanmar wurden sie als Muslime verfolgt: Kinder der Rohingya-Minderheit in einem Camp in Bangladesch.
Von Krisenherden in Südostasien über Nahost bis nach Mexiko: Mit überwältigenden Bildern wirbt Ai Weiweis Dokumentarfilm „Human Flow“ um Empathie für Geflüchtete.

Inmitten unendlicher blauer Weiten bewegt sich ein kleiner heller Fleck von links in die Bildmitte. Im langsam vergrößerten Fokus wird klar: Die von einer Drohne aufgenommenen Bilder zeigen ein überfülltes Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer. In späteren Szenen ist zu sehen, wie verzweifelte, aber dennoch zu allem entschlossene Menschen den Strand von Lesbos erreichen. Endlich in Europa, doch die Odyssee ist längst nicht überstanden.

Der Wechsel von Distanz zu Nähe, vom Bild der Masse hin zu längeren Einstellungen mit einzelnen Persönlichkeiten, ist ein wichtiges Grundmotiv des Dokumentarfilms von Ai Weiwei, dem bekanntesten Künstler und Dissidenten Chinas dieser Zeit. Dieser Tage ist „Human Flow“ auf DVD erschienen. 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung Richtung Europa begab er sich nach Lesbos, um das Geschehen aus nächster Nähe zu beobachten. Als der Film Ende des Jahres 2016 im Kasten war, hatte er mit seinem 200-köpfigen Team insgesamt 23 Länder bereist, um Menschen zu porträtieren, die für ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Würde keinen anderen Weg als die Flucht sahen. Es entstanden Bilder von bedeutendem allegorischen Gehalt, die zugleich die Individualität der Auftretenden unterstreichen.

Akt der Selbstbestimmung

Die Flucht wird nicht als Tragödie, sondern als Akt der Selbstbestimmung erzählt. Gleichwohl will Ai die Zuschauer aufrütteln, sich mit den Fluchtursachen und den Schrecken auf dem Weg in die Fremde auseinanderzusetzen. Dabei nimmt der im letzten Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigte Film verschiedene Fluchtetappen in den Blick. Das Team begab sich unter anderem in die frühere irakische IS-Hochburg Mossul, an die Grenze zwischen Mexiko und den USA und viele andere Orte, um zu schildern, wo viele Flüchtlingsströme ihren Ausgang nehmen oder Menschen gute Gründe hätten, alles hinter sich zu lassen. Die Kamera begleitet Geflüchtete aber auch „live“ auf dem Weg ans erhoffte Ziel, etwa beim illegalen Grenzübertritt von Griechenland nach Mazedonien.

Auch an Etappenzielen in Flüchtlingscamps, etwa im kenianischen Lager Dadaab, dem weltweit größten seiner Art, wurden  berührende Geschichten eingefangen. Durch den kontinuierlichen Orts- und Perspektivenwechsel bekommen Einzelschicksale eine globale, wenn nicht gar allgemeingültige Dimension. Auch wiederholte Einblendungen literarischer Zeugnisse machen deutlich, das „Human Flow“ im Grunde ein zeitloses Phänomen einfängt. Für den Zuschauer erschließt sich der konkrete Schauplatz oft erst nach einiger Zeit. Ein mitunter abrupter Bruch zwischen Schönheit und Schrecken zieht sich ebenfalls durch die mehr als zweistündige Produktion. Etwa im Gaza-Streifen: Hier das aufgepeitschte Meer mit seinem endlosen Horizont, dort das überfüllte, marode Häusermeer, das nach einem der zahllosen Stromausfälle wieder mal in Finsternis versinkt. Dank einer Hilfsorganisation kann wenigstens ein Tiger aus dem Zoo dieser beengten Hölle entkommen.

Vom Regime drangsaliert

Die Überwindung von Zwang und Willkür beziehungsweise Visionen der Freiheit waren für Ai Weiweis Kunst schon immer fundamental. Auch aus persönlichen Gründen: Weil der Vater während der sogenannten Kulturrevolution in Ungnade gefallen war, wurde Ais Familie verbannt. Mit Installationen und Filmen versuchte er später, eine ästhetische Gegenwelt zur offiziell erwünschten Kunst zu schaffen. Das brachte dem heute 60-Jährigen immer wieder Drangsalierungen seitens des Regimes ein. 2015 ging er als Gastprofessor an die Berliner Universität der Künste. Für die Installation „Gesetz der Fahrt“ ließ Ai im Jahr 2016 das Berliner Konzerthaus mit einem knapp 70 Meter großen Schlauchboot und 258 Flüchtlings-Figuren, umhüllen, um an die Tausenden von Ertrunkenen im Mittelmeer zu erinnern.

Mit „Human Flow“ erweitere Ai erneut die Definition von Kunst, indem er das gesellschaftliche Gefüge zu verändern versucht, das er in seiner Arbeit reflektiert, heißt es aus dem Umfeld der Produzenten. Ob dieser außerordentlich episch angelegte, aber vergleichsweise bodenständig erzählte Film derlei Prozesse in Gang zu setzen vermag, darf bezweifelt werden. Doch offenbart sich darin ein Anspruch, der eher mit den Mitteln visueller und erzählerischer Kunst als der politischen Analyse verfolgt wird, wenngleich auch ein gesundes Maß an Zahlen und Fakten zur weltweiten Migration geboten wird.

„Als menschliches Wesen glaube ich, dass wir jede Krise oder Notlage, die andere Menschen erleben, so betrachten sollten, als wäre es unsere eigene“ sagt Ai. „Wenn wir einander nicht derart vertrauen können, dann stecken wir tief in Schwierigkeiten.“

Info: „Human Flow“ (D/USA 2017), ein Film von Ai Weiwei, 135 Minuten.

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