Film der Woche

Filmtipp „Hotel Jugoslavja“: Vom Schaufenster zum Friedhof

Nils Michaelis15. Februar 2019
Zwischen Pracht und Verfall: Belgrads legendärste Absteige.
Zwischen Pracht und Verfall: Belgrads legendärste Absteige.
Was bleibt von Titos Sozialismus? Wie tickt Serbien heute? Der Dokumentarfilm „Hotel Jugoslavija“ erforscht verlassene Flure und verunsicherte Menschen im berühmtesten Hotel Belgrads, scheut aber klare Antworten.

Jugoslawien ist Geschichte, doch „das Jugoslawien“ gibt es immer noch. Gemeint ist ein wuchtiger Betonriegel, der im Jahr 1969 als „Hotel Jugoslavija“ in Belgrad eröffnet wurde. Für viele Menschen in den früheren Teilrepubliken ist der Bau mit 600 Zimmern, 1.000 Betten und bestem Blick auf die Donau ein mythischer Ort. Unter dem sozialistischen Autokraten Tito zunächst als Aushängeschild eines neuen, modernen Hauptstadtquartiers konzipiert und fortan, nachdem die Pläne abgespeckt wurden, als Staatshotel betrieben, diente es lange Zeit als Schaufenster des Vielvölkerstaates und gesellschaftlicher Mittelpunkt. Willy Brandt, Königin Elisabeth II. oder Richard Nixon logierten dort. Doch mit dem Zerfall der Föderation brachen auch für die größte Absteige des Balkans neue Zeiten an. Während des Kosovo-Kriegs vor 20 Jahren zerstörten zwei Nato-Raketen den Westflügel. Wenige Jahre später begann der Leerstand.

Auch der Schweizer Filmemacher Nicolas Wagnières hat eine besondere Beziehung zu dem Hotel. Seine Mutter wanderte in den 60er-Jahren, als in Titos Reich noch der Geist des Aufbaus und damit gute Zeiten für Mammutprojekte herrschten, in die Eidgenossenschaft aus. Dem Sohn blieb das Geburtsland seiner Mutter lange fremd. Erst die Krisen und Kriege der 90er-Jahre führten dazu, dass sich Wagnières intensiv mit der Region beschäftigte. Immer wieder reiste er mit der Kamera durch Belgrad. Das Hotel wurde zum Mittelpunkt dieser Trips in die Vergangenheit in Zeichen einer unruhigen Gegenwart.

Starke Verbindung

Friedhof, Fundgrube und Schicksalsort: Im Film kommen verschiedene Facetten der Stätte, wo einst rund 400 Menschen aus allen Ecken und Ethnien Jugoslawiens arbeiteten und eine unbekannte Zahl an Gästen übernachtete, zum Vorschein. „Durch Erforschen der Epochen und Räume des Hotels und beim Treffen von Menschen, die eine starke Verbindung zum Gebäude hatten, möchte ich meinen Blick auf ein Land teilen, das nicht mehr existiert“, sagt der Regisseur laut Verleih. Immer wieder fährt die Kamera durch ausgestorbene Flure und das verfallene Foyer. Hinter den ausladenden Fenstern schimmert die blaue Donau. Zwischendurch immer wieder Relikte klassischen 60er-Jahre-Wohlfühl-Interieurs. Wo sich einst sozialistische Eliten, Prominente und später auch Kriminelle drängelten, stechen zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, während das Hotel dreimal den Besitzer wechselt, Leere und Verfall ins Auge.

Ausgehend von eigenen Aufnahmen und Archivmaterial schlägt Wagnières immer wieder einen Bogen zum Geschehen außerhalb dieser Mauern. Wenn Tito, von den Massen umjubelt und von Losungen wie „Brüderlichkeit und Einigkeit“ begleitet, durch eine nagelneue Hochhaussiedlung kurvt, wird schmerzhaft deutlich, mit welch verheißungsvollen Versprechen dieses Land in die Zukunft gestartet war und letztendlich am eigenen System gescheitert ist. Dafür hätte es keine Bilder des begnadeten Demagogen Slobodan Milosevic gebraucht.

Der Fokus liegt aber ganz klar auf dem Hotel selbst. Geschichten zu erzählen gäbe es genug. So soll die Nato das Gebäude auch deswegen beschossen haben, weil der verbrecherische Milosevic-Intimus und Paramilitär „Arkan“ dort angeblich ein Restaurant besaß. Wenn frühere Mitarbeiter vom Alltag im Sozialismus berichten, wirken ihre Erzählungen wie von einem anderen Planeten. Deutlich wird aber auch, dass die Wirren der letzte Jahrzehnte zwar viel Vertrautes weggespült, aber wenig Dauerhaftes, auch im Sinne von Wertvorstellungen, hervorgebracht haben. Was wiederum eine Beziehung zur allgegenwärtige Leere herstellt.

Heutige Realität

„Wenn dem Film eine starke Form von Nostalgie innewohnt, dann die eines Landes, das ich nicht wirklich gekannt, sondern nur aus meiner Kindheit in Erinnerung habe“, sagt Wagnières. „Als Erwachsener habe ich entdeckt was davon übrig blieb.“ Der Graben zwischen dem sozialistischen Ideal Titos und der Realität des Lebens der Leute sowie der Art und Weise, in der sie sich vertreten fühlen konnten, sei echt gewesen. „Aber welchen Typ von Identifikation kann die heutige Realität erlauben?“

Diese Frage lässt der essayistisch gehaltene Film, der jenes Hotel als Architektur gewordene Identifikation begreift, offen. Eher ist er bemüht, den Bewusstseinsstrom abzubilden, den der Regisseur dort durchlebt. Für den Zuschauer ist dies ein dramaturgisch ausbaufähiger, mitunter gar zäher Genuss, der allerdings die Fantasie beflügelt und das Bewusstsein für die jüngere Vergangenheit schärft.

Info: „Hotel Jugoslavija“ (Schweiz 2018), ein Film von Nicolas Wagnières, OmU, 78 Minuten.

Kinostart: 21. Februar

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