Film der Woche

Filmtipp „Hitlers Hollywood“: So funktionierte das Kino als Waffe der Nazis

Nils Michaelis24. Februar 2017
Micky Maus und Heimatfront: Marianne Hoppe in „Auf Wiedersehen, Franziska“
Micky Maus und Heimatfront: Marianne Hoppe in „Auf Wiedersehen, Franziska“
Ästhetisch wertlos oder unerträglich propagandistisch: So sehen die meisten das Kino der NS- Zeit. Dem Filmemacher Rüdiger Suchsland ist das zu einfach. In seiner Dokumentation „Hitlers Hollywood“ zeigt er eindrucksvoll, wie sich das deutsche Kino an der „Traumfabrik“ Hollywood orientierte.

Nichts anderes als ein braunes Hollywood sollte und wollte die von Propagandaminister Joseph Goebbels kontrollierte Filmindustrie darstellen. „Jeder Film kann Propaganda sein“, so Hitlers oberster PR-Mann. „Unmerkbare und doch wirkungsvolle Propaganda. In dem Augenblick, da eine Propaganda bewusst wird, ist sie unwirksam." Sein Mittel zum Zweck war das Staatsunternehmen UFA Film.

Die UFA als Instrument der Nazis

1942, als dem Regime die militärischen Erfolge ausgingen, schluckte die UFA alle anderen Filmproduktionsgesellschaften im deutschen Herrschaftsgebiet. Eine der zentralen Botschaften, die es jetzt erst recht galt, unters Volk zu streuen, um damit die Reihen zu schließen, war: Hingabe für ein höheres Ideal bis hin zur Todessehnsucht. Oder das Aufgehen in der Masse. Sei es als Teil einer Bewegung oder einer perfekten geometrischen Form, wie es Leni Riefenstahl bereits 1934 in ihrem Reichsparteitagsfilm „Triumph des Willens“ vorgemacht hatte. Nicht viel anders war die Stoßrichtung der Revuefilme mit Marika Rökk und ihrer aufdringlichen Choreografie.

Anhand etlicher Ausschnitte führt Regisseur Rüdiger Suchsland vor, wie subtil im Führerstaat die Indoktrination auf der Leinwand mitunter vonstatten ging. Etwa in Helmut Käutners Drama „Auf Wiedersehen, Franziska“ von 1941. Darin bedrängt eine Frau ihren sehr reise-, aber wenig kampffreudigen Ehemann, endlich als Soldat an die Front zu gehen. Und das, obwohl der sonst so abenteuerlustige Pressefotograf Frau und Kinder zuvor arg vernachlässigt hat. „Jetzt kannst du’s nicht, wo es zum ersten Mal einen Sinn hat?“, fragt sie. Gleichzeitig werden Beispiele „ungefilterter“ aggressiver Ideologie präsentiert. Wie in dem Hetzfilm „Der ewige Jude“: pseudodokumentarisch in der Methodik und zugeschnitten auf die zentrale Botschaft, das europäische Judentum auszulöschen.

Das Kino zwischen Unterhaltung und Hetze

Die Bevölkerung auf Massenmord und Herrenmenschentum einschwören: Immer wieder enttarnt Suchsland die ebenso perfiden wie subtilen Wege, diesem Anspruch gerecht zu werden. Besonders beklemmend wird dies anhand von Veit Harlans Machwerk „Jud Süß“ deutlich: Gerade die stilistische Brillanz, seine suggestive Kraft – und nicht zuletzt ein Frauenschwarm in der Hauptrolle – lockten die Massen ins Kino.

In seiner Dokumentation „Von Caligari bis Hitler“ (2015) hat der seit Jahren auch als Kritiker tätige Suchsland das Filmschaffen der Weimarer Republik essayistisch durchleuchtet. Nun geht er einen chronologischen Schritt weiter. Erneut porträtiert er das Medium Film als ein Werkzeug, der Realität zu entfliehen. Nicht etwa aus einem expressionistischen Kunstsinn heraus, sondern mit klarer propagandistischer Absicht, die inhaltlich äußerst flexibel war.

Kreative Nischen im Nazi-Kino

Rund 1150 Filme wurden zwischen 1933 und 1945 in Deutschland hergestellt. Eindeutige hetzerische oder agitatorische Werke waren die Ausnahme. Stattdessen wurden vor allem Melodramen, Abenteuerstreifen, Komödien oder Musikfilme gedreht, die sich mit aufwendigen US-Produktionen messen wollten. Werke, die mit Komik, Exotik, Sehnsucht und Leidenschaft für Ablenkung in düsteren Zeiten sorgten, häufig aber auch eine schwärmerische Weltsicht transportierten. Damit waren sie alles andere als unschuldig.

Gleichzeitig wird deutlich, dass es Nischen für vergleichsweise nonkomforme Stoffe und Formen gab. So dreht sich die Liebeskomödie „Vier Gesellen“ (1938) um junge Grafikerinnen, die es den Männern zeigen wollen und sich am Ende doch für die Ehe opfern. Ingrid Bergman ist darin in ihrer ersten deutschsprachigen Rolle zu erleben. Vier Jahre später spielte sie in „Casablanca“ eine Antifaschistin.

NS-Filme werden nicht rehabilitiert

Suchsland geht es nicht darum, die Nazifilme zu rehabilitieren, sondern deren ästhetische Qualität auch dann zu erkennen, wenn man den ideologischen Hintergrund ablehnt. Gerade dadurch macht er klar, warum das Kino als wichtigstes Werkzeug der Kommunikation zwischen NS-Führung und Volk so erfolgreich war. Dass die Bildebene fast ausschließlich aus Filmausschnitten jener Zeit besteht, sorgt für eine atmosphärisch dichte Erzählung, birgt zugleich aber die Gefahr, sich überwältigen zu lassen.

„Hitlers Hollywood. Das deutsche Kino im Zeitalter der Propaganda 1933-1945“ (Deutschland 2017), ein Film von Rüdiger Suchsland, 104 Minuten, jetzt im Kino

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