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Filmtipp „Herr von Bohlen“: Der schrille Krupp packt aus

Nils Michaelis08. Juli 2016
Traurig, aber reich: Arndt von Bohlen und Halbach
Traurig, aber reich: Arndt von Bohlen und Halbach
Schwul, reich und Müßiggänger: Arndt von Bohlen und Halbach war für Klatschreporter und Spießer die Hassfigur schlechthin. Der Film „Herr von Bohlen“ porträtiert einen Mann, der ein schweres Erbe mit sich trug.

Eben jenes Erbe dürften die meisten ausgeblendet haben, wenn sie sich über Arndt von Bohlen und Halbachs Erscheinung und Lebensweise mokierten. Eigentlich hätte der einzige Sohn von Patriarch Alfried Krupp jenes Unternehmen – das wie kaum ein anderes von der Mord- und Eroberungspolitik der Nazis profitiert hatte und nach dem Krieg entflechtet wurde – in den 1960er-Jahren übernehmen sollen. Doch es kam anders. Gläubiger setzten durch, dass die weltbekannte Friedrich Krupp AG in eine Stiftung überführt wurde. Dafür musste Arndt allerdings auf das Familienerbe verzichten. Dank anderer millionenschwerer Zuwendungen wurde er fortan als „Deutschlands reichster Frührentner“ verlacht, der sein Geld bei Jet-Set-Vergnügungen verpulvert. Ohnehin wäre er als Homosexueller, der eine sogenannte Vernunftehe mit einer österreichischen Adligen einging, kaum an der Konzernspitze durchsetzbar gewesen – zu einer Zeit, als schwules Leben noch im Knast enden konnte. 1986 starb Arndt von Bohlen und Halbach mit 48 Jahren an Mundbodenkrebs.

„Herr von Bohlen“: Flucht in Sex und Drogen

„Herr von Bohlen“ erzählt von einem Menschen, der sich seit seiner Kindheit nach unvoreingenommener Liebe und Bestätigung sehnte. Und der sich, als in der Familie und im Unternehmen beides ausbleibt, zunehmend in einen skurrilen Schönheitskult, Sex und Drogen flüchtete. Regisseur und Drehbuchautor André Schäfer zeigt Facetten, die dem überlieferten Bild neue Elemente hinzufügen. Auf Jugendfotos fällt Arndts hoch aufgeschossene Erscheinung auf, die an seinen Vater und andere Granden des Clans erinnert. Wären da nicht die großen traurigen Augen und die weichen Züge, die jede Strenge vermissen lassen. Einige Jahre und diverse Schönheitsoperationen später ist daraus eine überschminkte Fratze geworden.

Arndt Klawitter in der Hauptrolle

Es sind Äußerlichkeiten, die viel über das Innere dieses Menschen aussagen. Eben das zu ergründen, hatte sich Schäfer vorgenommen, nach klassischer Manier eines Dokumentarfilms. Allein, es mangelte an Bildern. Dokumentarische Filmaufnahmen sind rar. Das Krupp-Archiv soll sich gesperrt haben. Stattdessen wählte er einen Weg, der Raum für Fiktionales lässt. Die Hauptfigur wird von dem Schauspieler Arndt Klawitter verkörpert. Ende der 70er-Jahre, auf einer Reise zu wichtigen Lebensstationen, lässt sich der Krupp-Spross von einem Journalisten über sein Leben und das Bild von sich selbst befragen. Schäfer stand vor der Herausforderung, eine öffentliche Figur mit vielen schrägen Seiten nicht zur Karikatur verkommen zu lassen. Das ist ihm gelungen. Wenngleich Klawitter die theatralischen und komischen Züge des Arndt von Bohlen und Halbach keineswegs unterdrückt. Trotz einer mehr als stimmigen Maske gibt er der Figur dennoch ein ganz eigenes Gepräge. Inwiefern es mit der Realität übereinstimmt, bleibt offen, doch es lädt ein, darüber nachzudenken, ob im bisherigen Bild nicht ein paar entscheidende Puzzleteile gefehlt haben. Zum Beispiel seine Freigiebigkeit. Und zwar nicht nur, wie unzählige Male berichtet, gegenüber Partygästen und Gespielen in Palm Beach oder Marrakesch, sondern auch, was Spenden für Menschen in Kriegs- und Krisengebieten betrifft.

Selbstironie und Traditionsbewusstsein

Oder seine Neigung, sich durchaus als Teil einer Familientradition zu sehen, und das nicht nur in peniblen Umgangsformen. Was ihn nicht daran hindert, selbstironisch sein Unvermögen einzusehen, in jener Welt Verantwortung zu übernehmen. „Arbeiten? Das hat mir gerade noch gefehlt“, so eines der Zitate, auf deren Grundlage sich Klawitter einen eigenen Text erarbeitet hat. Flankiert werden die mit der etwas schweren Zunge eines Dauertrinkers vorgezogenen Passagen von Aussagen aus der Entourage des Herrn von Bohlen und Halbach, darunter der frühere Promi-Reporter Michael Graeter und sein Nachlassverwalter. Letzterer gibt den Kronzeugen und ist sichtlich darum bemüht, das Bild des Verstorbenen zurechtzurücken. Was umso leichter fällt, wenn kritische Stimmen fehlen.

Dennoch lohnt der Blick hinter die Fassaden dieses entrückten Lebens.

Info: „Herr von Bohlen“ (Deutschland 2015), ein Film von André Schäfer, mit Arndt Klawitter, Michael Graeter u.a., 90 Minuten

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