Filmtipp der Woche

Filmtipp „Meine glückliche Familie“: Endlich raus aus der Mama-Falle

Nils Michaelis14. Juli 2017
Befreit sich sebst: Hauptfigur Manana
Befreit sich selbst: Manana (Ia Shugliashvil ) tut endlich, was allein sie für richtig hält.
An ihrem 52. Geburtstag zieht Manana aus, und zwar für immer. Das georgische Drama „Meine glückliche Familie“ erzählt vom späten Akt der Emanzipation einer Ehefrau und Mutter. Es zeigt Georgien zerrissen zwischen Tradition und Moderne.

Man fragt sich, wie diese Frau das aushält. Mit drei Generationen lebt Manana in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Georgiens Hauptstadt Tbilisi. Das Filmdrama „Meine glückliche Familie“ zeigt uns dieses Leben. Während ihre Mutter den Haushalt wie ein tyrannischer Feldwebel führt, wartet ihr Vater nur noch auf den Tod. Ihr Sohn klebt autistisch vor dem Laptop und die verheiratete Tochter hat ihre ganz eigenen Probleme. Mananas Ehe ist längst in Routine erstarrt. Es ist ein Leben in Enge und ohne Privatsphäre, wo jeder vor allem auf seine eigenen Bedürfnisse achtet. Bis auf Manana.

Zwischen Konservatismus und Individualismus

Eines Tages ist es der Literaturlehrerin zu viel. Als Manana ihre Entscheidung im Familienkreis verkündet, glaubt ihr niemand, das sie ihren Plan durchzieht. Zumal sie sich nicht groß mit Erklärungen aufhält. Was für ein Irrtum! Wenig später findet sich Manana in einer kleinen Mietwohnung wieder. Und die anderen müssen sehen, wie sie zurechtkommen.

Wie auch in vielen anderen ehemaligen Sowjetrepubliken sind in Georgien konservative Werte wieder auf dem Vormarsch. Unter den Kommunisten wurde die berufliche und soziale Selbstentfaltung der Frau propagiert, doch heute redet die orthodoxe Kirche ihrer Aufopferung für Kinder und Familie das Wort. So wird wird das traditionell weitverbreitete Leben in Großfamilien, zumal auf engem Raum, ideologisch überhöht. Junge Menschen beginnen wesentlich früher, ans Heiraten und Kinderkriegen zu denken. Andererseits gerät die Rückbesinnung auf die Tradition in Konflikt mit dem Individualismus, der viele Georgier über Konsum und Popkultur ebenfalls erreicht hat.

Überraschende Unterstützung durch Männer

Diese Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne ist auch in Mananas Familie zu spüren. Als sie ihre Sachen packt, wird ausgerechnet ihre Mutter zu ihrer ärgsten Widersacherin und wirft der Akademikerin vor, sich nicht genügend für ihre Lieben aufgerieben zu haben. Ungewohntes Verständnis, gar Unterstützung, erfährt Manana ausgerechnet von männlichen Familienangehörigen.

Ihr Bruder sorgt sich allerdings zuerst um das Ansehen der Familie – schließlich ist Manana schon lange jenseits des „Scheidungsalters“ – , anstatt sich zu fragen, warum sie nach 30 Jahren Ehe partout alleine leben will. Zumal ihr Mann so gar nicht dem Klischee des kaukasischen Säufers und Prüglers entspricht, der seine Frau sprichwörtlich in die Flucht schlägt. Wohl aber wird sich Manana ähnlich verloren vorgekommen sein und unbeachtet gefühlt haben. Die gleichgültige Art und Weise, wie sie noch am Morgen des Schicksalstages von ihrem Mann begrüßt wird, spricht Bände.

Desillusionierung und Rückzug ins Private

Die aus Georgien stammende Regisseurin Nana Ekvtimishvili und ihr deutscher Kollege Simon Gross betten die Geschichte in den Transformationsprozess von Werten innerhalb der georgischen Gesellschaft ein. Dazu gehört auch eine nachhaltige Desillusionierung und der Rückzug ins Private nach all den Krisen und Kriegen der jüngeren Vergangenheit und angesichts einer von Korruption und Misswirtschaft geprägten Gegenwart. Diese Krisensymptome werden in dem Film, aber nur am Rande eingestreut.

Der Fokus liegt vor allem auf Manana. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie auf sich allein gestellt. Und zum ersten Mal tut sie, worauf sie Lust hat. Das setzt ungeahnte Energien frei. Wenn sie nach Jahren erstmals wieder zur Gitarre greift, liegt darin auch eine Selbstbefreiung. Manana dabei zu beobachten, bleibt bis zum Schluss spannend, auch weil der Film vieles von ihrer inneren Entwicklung nur andeutet.

Hin- und Hergerissen

So entschieden die Protagonistin ihre neue Unabhängigkeit auch verteidigt, bricht sie keinesfalls alle Brücken hinter sich ab. Das verleiht der Figur zusätzliche Größe, macht sie in ihrer Hin- und Hergerissenheit aber auch realitätsnaher. Auch für ihren Mann bleibt eine Tür geöffnet. „Und was hast du für ein Leben gelebt?“, fragt sie ihn zum guten Schluss.

 

Info: „Meine glückliche Familie“ (Deutschland/Georgien 2017), ein Film von Nana Ekvtimishvili und Simon Gross, mit  Ia Shugliashvil, Merab Ninidze, Berta Khapava u.a., 114 Minuten.

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