Film der Woche

Filmtipp „Get“: Ein Scheidungsdrama zeigt Israels Spaltung

Nils Michaelis19. Juni 2020
Drama und Farce zugleich: Viviane (Ronit Elkabetz) will nichts als den Scheidungsbrief.
Drama und Farce zugleich: Viviane (Ronit Elkabetz) will nichts als den Scheidungsbrief.
Eine Frau gegen mächtige Konventionen: Das Drama „Get“ erzählt von einer Israelin, die jahrelang darum kämpft, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Jetzt läuft der Film im Online-Kino an.

Der Konflikt zwischen säkular-progressiven und religiös-konservativen Kräften stellt Israels Gesellschaft und Politik immer wieder vor eine Zerreißprobe. Das zeigt sich auch im Familienrecht: Israel ist der einzige demokratische Staat, in dem Ehen allein in religiöser Weise geschlossen werden können. Im Falle von jüdischen Ehen geben Rabbinatsgerichte ihren Segen. Die meist orthodoxen Rabbiner sind auch für Ehescheidungen zuständig. Nichtreligiösen Israelis bleibt allein die Option, zur Trauung ins Ausland zu reisen.

Das Gesetz Israels und das Rabbinergericht

Welche Kämpfe vor allem Frauen in diesem Rahmen auszustehen haben, zeigt „Get“. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die seit Jahren von ihrem Mann getrennt ist. Um wieder völlig selbstbestimmt leben zu können, will sich Viviane von Elisha scheiden lassen. Das Gesetz sieht dafür nur einen Weg vor: Vor einem Rabbinergericht muss sie sich von ihrem Gatten den Scheidungsbrief, auf Hebräisch „Get“, in ritueller Weise übergeben lassen. Ohne dieses – wenn man so will – „zweite Jawort“ läuft gar nichts.

Im Falle von Viviane und Elisha ist dieser Rechtsakt alles andere als eine Formalie. Zunächst muss Viviane monatelang darum kämpfen, dass Elisha überhaupt vor Gericht erscheint. Dort sperrt er sich zunächst gegen sämtliche Versuche von Anwälten und Richtern, zu einer Einigung zu kommen. Er will nicht darauf verzichten, Viviane – wenn auch eher symbolisch – an seiner Seite zu wissen. Offenkundig ist auch Liebe im Spiel. Doch was in diesem so still und pedantisch auftretenden Traditionalisten wirklich vor sich geht, ist schwer zu ergründen. Immerhin weiß Elisha die Richter grundsätzlich auf seiner Seite. Auch, weil er sich aus althergebrachter Sicht gegenüber Viviane nichts hat zuschulden kommen lassen und eine Scheidung gegen seinen Willen somit ausgeschlossen ist.

Mischung aus Tragödie, Kömodie und Farce

Schnell wird klar, dass es für Viviane nicht nur um den Scheidungsbrief geht. Mit jedem Satz im Gerichtssaal wird auch über ihre Würde als Frau verhandelt. Und auch darüber, was die gemeinsame Vergangenheit mit Elisha wert ist. Im Gegensatz zu diesem Berg an Problemen steht das zähflüssige, weil von Elisha lange Zeit sabotierte und damit schier endlose Verfahren. Schnell wird klar, dass das Ganze auf eine Eskalation hinausläuft.

Der Weg dorthin wird in einer Mischung aus Tragödie, Komödie und Farce bestritten. Man besichtigt zwei Leben in Trümmern, und doch haben die Dialoge, die von vielerlei Verletzungen zeugen, oft auch etwas Komisches. Das gilt vor allem für die Redebeiträge der geladenen Zeugen, die Aufschluss über die Qualität der Ehe geben sollen, deren Auflösung hier verhandelt wird. Zugleich umgibt die Situation auch immer etwas Lächerliches, was nicht zuletzt an der Selbstüberschätzung einiger Herren liegt.

Die Energien kommen zur Entladung

Durch Vivianes Auftreten liegt jedoch auch eine Revolte in der Luft. Zunächst ist sie gar nicht zu sehen, es wird lediglich über sie gesprochen. Damit unterstreichen die israelischen Filmemacher*innen Ronit und Shlomi Elkabetz, wie Frauen in diesen Kreisen als Objekte wahrgenommen werden. Mit der Zeit wächst Viviane, die sich anfangs ganz bewusst zurückhält, um sich nicht angreifbar zu machen, zum aktiven Zentrum heran, das sich in der Verhandlung immer mehr Gewicht verschafft und die Dynamik der Geschichte bestimmt.

Der etappenweise zu verfolgende Gang vor Gericht lässt den Zuschauenden kaum eine Verschnaufpause, obwohl der Erzählfluss an sich vergleichsweise gemächlich ist. So bekommt man einen bleibenden Einblick in all das, was bei diesem Prozess mitschwingt. Immer wieder wird deutlich, wie schicksalshaft die zerstrittenen Eheleute noch immer miteinander verbunden sind. Prägt anfangs eine bedrückende Angespanntheit die Atmosphäre im Gerichtssaal, dem Zentrum dieses intensiven, aber letztendlich nüchtern inszenierten Kammerspiels, kommen die Energien schließlich zur Entladung. Die anfangs bewusst passiv auftretende Viviane ist immer wieder für Überraschungen gut.

Nominierung für den Golden Globe Award

Diese Figur bringt uns Ronit Elkabetz, die auch als Hauptdarstellerin agierte, mit sparsamen, aber umso wirkungsvolleren nahe. Zwei Jahre nach der Fertigstellung des 2015 in deutschen Kinos angelaufenen Films verstarb die Künstlerin, somit kann diese alles andere als vorhersehbare Rolle als ihr Vermächtnis gesehen werden.

„Get“ bildet den letzten Teil einer Trilogie der Geschwister Ronit und Shlomi Elkabetz über Viviane im Clinch mit sich selbst und ihrer Umgebung. 2015 lief der Film in Deutschland in Kino. Im gleichen Jahr wurde er als bester fremdsprachiger Film für einen Golden Globe Award nominiert. Zum Abschluss des „jüdischen Junis“ bringt ihn der Filmverleih Edition Salzgeber noch einmal als Video on Demand zur Aufführung.

Info: „Get – der Prozess der Viviane Amsalem“ (Frankreich/Israel/Deutschland 2014), ein Film von Ronit und Shlomi Elkabetz, mit Ronit Elkabetz, Menashe Noy, Simon Abkarian u.a., 115 Minuten, OmU.

Ab 25. Juni als Video on Demand

salzgeber.de/GET

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