Film der Woche

Filmtipp „Germans & Jews“: Tischgespräche über ein belastetes Miteinander

Nils Michaelis15. Mai 2020
Lockere Form: Juden und Nichtjuden erforschen ihr Miteinander beim gemeinsamen Abendessen.
Lockere Form: Juden und Nichtjuden erforschen ihr Miteinander beim gemeinsamen Abendessen.
Wie leben Juden und Nichtjuden mehr als 70 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes miteinander in Deutschland? Das erkundet der Dokumentarfilm „Germans & Jews: Eine neue Perspektive“ im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens.

Sagen wir es so: Bei der Aufarbeitung der NS-Zeit im Allgemeinen und des Holocausts im Besonderen hat sich Deutschland im Ausland durchaus Respekt erworben. Und doch genügt mitunter ein Satz, um dieses Selbstverständnis ins Wanken zu bringen. Zum Beispiel dieser: „Wenn ich jemanden Deutsch sprechen höre, bekomme ich Angst.“ Oder: „Wenn ich Deutsche treffe, frage ich mich insgeheim immer: Was denkt ihr wirklich über Juden?“

Die Vergangenheit wird und kann niemals vergehen

Die Zitate stammen von zwei jüdischen Amerikanerinnen, die zu Beginn des Films ihr Verhältnis zu Deutschland beschreiben. Am Ende des Zweiten Weltkriegs dürften sie Kleinkinder gewesen sein. Zwischen den Gesprächsszenen sind Bilder von jubelnden Deutschen am Rande einer Nazi-Kundgebung zu sehen. Hier zeigt sich: Die Vergangenheit wird und kann niemals vergehen.

„Germans & Jews: Eine neue Perspektive“ widmet sich allerdings vor allem der Gegenwart, wenn nicht gar der Zukunft. Wie leben Juden und Nichtjuden der jüngeren Generationen heute in Deutschland zusammen, zumal vor dem Hintergrund der Geschichte? Welche Identitäten und welches Verhältnis zu Deutschland haben sich bei denen herausgebildet, deren Eltern oder Großeltern nach dem Krieg als jüdisch-deutsche Remigranten ein neues Leben in der alten Heimat begannen? Wie erging es jenen Deutschen, deren Verwandte auf der Seite der Täter standen? Wie erleben junge Israelis dieses Land? Und was sagen all diese Einzelperspektiven über das große Ganze aus?

Beim Abendessen geht es ans Eingemachte

Diese komplexen Prozesse und Verbindungen haben die ausführende Produzentin Tal Recanati und Regisseurin Janina Quint in einem denkbar lockeren Ambiente erforscht. Sie versammelten eine Gruppe von Juden und Nichtjuden aus Deutschland in einem Berliner Wohnhaus zum Gespräch. Beim gemeinsamen Abendessen ging es dann ans Eingemachte.

Der Schauplatz kommt nicht von ungefähr: Berlin gilt als die Stadt mit der am schnellsten wachsenden jüdischen Gemeinschaft in Europa. In den frühen 1990er-Jahren kamen jüdische Sowjetbürger. Seit einigen Jahren zieht es besonders viele junge Menschen aus Israel in die deutsche Hauptstadt.

Komplizierte Annäherung zwischen Deutschen und Juden

Für Recanati hat dieser Dokumentarfilm viel mit persönlichen Erfahrungen zu tun: Während einer Reise nach Berlin war sie überrascht, wie sehr jüdisches Leben gerade jene Stadt prägt, wo einst der Massenmord an den Juden geplant wurde. Zudem sei sie von den Anstrengungen beeindruckt gewesen, mit denen man im Land der Täter an vergangene Verbrechen erinnere. Zu Hause in New York berichtete die jüdische US-Bürgerin ihre Eindrücke ihrer nicht-jüdischen deutschen Freundin Janina Quint. Sie beschlossen, einen Film zu drehen, um die komplizierte Annäherung ebenso wie die besondere Verbindung „zwischen Juden und Deutschen der zweiten und dritten Generation nach dem Krieg zu erforschen“, wie der Verleih mitteilt.

Deutsche und Juden: Diese Unterteilung von zwei Gruppen, die sich bis in den Titel hineinzieht, irritiert. Zumindest auf den ersten Blick. Was wirklich hinter der Formulierung stecken könnte, meint man aus der Aussage einer jüdischen Deutschen zu schließen. Wiederholt hätten ihr Menschen abgesprochen „wirklich“ deutsch zu sein, nachdem sie erfahren hatten, dass sie Jüdin sei, sagt sie bei Tisch. Ansonsten zieht sich ein eher optimistischer Ton durch die in englischer Sprache geführten Monologe und Dialoge. Der gipfelt in dem Satz eines Israelis: „Ehrlich, ich fühle mich in Deutschland sicherer als in Israel.“

Nur weltoffene Menschen aus bürgerlichen Kreisen

Der Film suggeriert: Nie war Deutschland toleranter als heute. Gezeigt wird aber auch, wie lang und mühsam der Weg zu diesem Zustand war. Zwischen den Dinnerszenen werden wichtige Etappen bei der juristischen, psychologischen und intellektuellen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in beiden deutschen Staaten referiert. Prominente wie der Sänger Herbert Grönemeyer oder der Publizist Rafael Seligmann schildern, wie sie die Phasen der „Vergangenheitsbewältigung“ persönlich erlebt haben.

Der Blick des Films ist allerdings recht verengt. Nicht nur, weil ausschließlich weltoffene Menschen aus bürgerlichen, intellektuellen und kreativen Kreisen eine Gemengelage beschreiben, die Angehöriger anderer Schichten und Milieus möglicherweise ganz anders bewerten würden.

Der neue Antisemitismus in Deutschland

Womit wir beim Thema Antisemitismus wären. Abgesehen von Schmierereien auf jüdischen Gräbern wird dazu so gut wie nichts gezeigt. Das liegt auch daran, dass der Film im Jahr 2016 fertiggestellt wurde – also lange vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale. Lange vor einem Gewaltakt, der auf besonders dramatische Weise unterstreicht, wie Judenhass und rechtsextremer Terror in Deutschland zunehmend um sich greifen.

So gesehen ist dieser an sich sehr wichtige Film, der in Deutschland erst jetzt einen Verleih gefunden hat, leider nicht auf dem neuesten Stand. Umso aktueller ist hingegen die Mahnung des Historikers Fritz Stern gegen Ende: „Es ist an der nachfolgenden Generation zu bewahren, was in Deutschland an Demokratie und ihren Institutionen geschaffen wurde.“ Es gibt auch künftig genug zu bereden.

Info: „Germans & Jews: Eine neue Perspektive“ (USA 2016), Regie: Janina Quint, 76 Minuten, OmU.
Jetzt als Online-Vorführung unter solidarischer Beteiligung von Partner-Kinos

https://www.wfilm.de/germans-and-jews

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