Film der Woche

Filmtipp „Der Funktionär“: Ein Großbürger im Dienst der sozialistischen Utopie

Nils Michaelis12. April 2019
Karriere in der DDR: Ex-Kulturminister Klaus Gysi vereinte vielerlei Widersprüche in sich.
Karriere in der DDR: Ex-Kulturminister Klaus Gysi vereinte vielerlei Widersprüche in sich.
Warum unterstützt ein wacher Geist ein sieches System? Der essayistische Dokumentarfilm „Der Funktionär“ bemüht sich um eine Annäherung an den früheren DDR-Kulturminister Klaus Gysi.

Wer sich heute an die DDR erinnert, wird nicht im ersten Moment an Klaus Gysi denken. Und doch lohnt es sich, seine Biografie näher zu betrachten. Allein, weil er, der es vom kommunistischen Emigranten zum Leiter des Aufbau-Verlages und zum Kulturminister brachte, in vielerlei Hinsicht nur wenig gemein hatte mit Walter Ulbricht, Willi Stoph, Erich Honecker und all an den anderen bieder-bornierten Spitzenkadern. Fernsehaufnahmen zeigen einen Mann, der noch im hohen Alter in Sprache und Mimik neben seinem Witz auch eine besondere Energie offenbart. Eine Energie, die sich wohl auch aus den Widersprüchen speiste, die im Inneren dieses Karrieristen tobten.

Ausnahme in der SED-Elite

Widersprüche, die Gysi (1912 bis 1999) allerdings niemals artikulierte, weil er sich stets in den Dienst der sozialistische Utopie gestellt hat, und zwar bis weit über das Ende der DDR hinaus. Gemäß einer seiner typischen Pointen: „Wir haben verloren. Das heißt aber nicht, dass wir nicht recht hatten.“ Die offensichtlichen Mängel im System blieben ihm nicht verborgen. Schließlich wurden Gysi, der schon seiner großbürgerlichen Herkunft wegen in der SED-Elite eine Ausnahmeerscheinung darstellte, ein wacher Geist und ein humorvoll-ironischer Blick auf die Dinge nachgesagt.

Die Frage, was er mit seinen Erkenntnissen anstellte, beantwortet sein Sohn Andreas Goldstein ganz schlicht: nichts! Der 1964 geborene Regisseur hat in diesem Jahr seine beiden ersten Langfilme herausgebracht. Anfang des Jahres erschien die Adaption von Ingo Schulzes Wenderoman „Adam und Evelyn“. Nun läuft „Der Funktionär“ im Kino. Kann man darin knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall einen Akt der Befreiung sehen? Der Filmemacher leitet die „Not“, die Geschichte seines Vaters zu erzählen, lieber etwas umständlich aus der Gegenwart ab. Deren Blick auf die DDR sei zu sehr auf den Gegensatz zwischen Repression und Freiheitswillen fixiert. Dabei herausgekommen ist ein sehr persönlicher Blick auf einen Menschen, den Goldstein nach eigenem Bekunden nach nur aus Momentaufnahmen kennt. Zugleich liefert er Einblicke in eine privilegierte Welt.

Von Honecker nach Rom abgeschoben

Als Goldstein neun Jahre alt war, wurde sein Vater als Botschafter nach Rom abgeschoben, wo er nicht nur beruflich ein neues Leben begann. Der Vertraute des kurz zuvor abgesetzten Staats- und Parteichefs Ulbricht war bei den neuen Mächtigen um Honecker in Ungnade gefallen und verlor sein Ministeramt.

In einer Archivaufnahme ist zu sehen, wie Gysi zu jener Zeit verloren in einer Talkrunde sitzt und fast genauso hölzern schwadroniert wie jene Granden, von denen er sich stets ganz bewusst abgesetzt hat. Es ist eine von vielen Lebensphasen, in der aus einer Karrierekrise auch eine private wird. Was bedeutet, dass er seine Familie verlässt. Wieder einmal. Ein anderes seiner sieben Kinder mit drei Frauen heißt Gregor Gysi. Die stimmliche wie äußerliche Ähnlichkeit ist unverkennbar. Seine Laufbahn in DDR-Diensten endet für Gysi Senior im Jahre 1989 als Staatssekretär für Kirchenfragen.

Nach außen stest linientreu

Auch Goldsteins Film besteht gewissermaßen aus Momentaufnahmen, die sich eher zu einem essayistischen Puzzle als zu einer epischen oder analytischen Erzählung formen. Es ist der Versuch einer Annäherung aus privater, freilich von Politik durchdrungener Perspektive. Und zwar, indem der Sohn gut 20 Jahre nach dem Tod des Vaters dessen Lebensweg im Allgemeinen und dessen politisches Taktieren im Speziellen seiner eigenen Sicht, nämlich auf die DDR, entgegenstellt.

Von frühester Jugend an hat Goldstein fotografiert und gefilmt. Die für „Der Funktionär“ zusammengestellten Fotos und Filmaufnahmen zeigen meist menschenleere – man könnte auch sagen: trostlose – Straßenszenen aus dem Ost-Berlin der 80er-Jahre. Sie wirken wie eine Antithese zu den Fortschrittsparolen der SED, die seinerzeit ideologisch und politisch längst in die Defensive geraten war. Vermutlich sei ihm die DDR damals wie ein Museum oder wie ein zum Untergang geweihtes Etwas erschienen, sagt Goldstein heute. Sein Vater, der als Kirchenstaatssekretär in den 80er-Jahren nicht zuletzt mit der wachsenden Oppositionsbewegung zu tun hatte, dürfte das ähnlich gesehen haben. Auch wenn er sich in all den Ausschnitten aus dem DDR-Fernsehen stets linientreu gibt.

Der unglückliche Sohn

Man mag es als Widerspruch sehen, dass sich „Der Funktionär“ als private Erzählung versteht, obwohl auf den ersten Blick kaum Privates geboten wird. Man muss sich auf die Nuancen in der rekonstruierten Erinnerung einlassen, um zu begreifen, was den offenkundig unglücklichen Sohn seinerzeit belastete und erst Jahre später in eine ästhetische Form gebracht werden konnte. Offenkundig hätte Goldstein viel mehr zu sagen, als sein Film zeigt.

Info: „Der Funktionär“ (Deutschland 2018), ein Film von Andreas Goldstein, 72 Minuten.

Jetzt im Kino

 

 

Tags: 

weiterführender Artikel