Film der Woche

Filmtipp „Eldorado“: Europas Grenzen der Menschlichkeit

Nils Michaelis27. April 2018
Gerettet, aber kein Ende der Odyssee: Geflüchtete auf dem Mittelmeer.
Gerettet, aber kein Ende der Odyssee: Geflüchtete auf dem Mittelmeer.
Viele Geflüchtete träumen vom Paradies, doch tatsächlich erleben sie in Europa die Hölle: Der subtile Dokumentarfilm „Eldorado“ hinterfragt den Umgang mit Zuwanderern und wagt einen historischen Vergleich.

Wie sind die mitunter unmenschlichen Lebensbedingungen von Flüchtlingen in einer Wohlstandsregion wie Europa, wo die Fahne der Humanität gerne hochgehalten wird, möglich? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Schweizer Dokumentarfilmer Markus Imhoof seit Jahrzehnten. Im Grunde genommen seit seiner Kindheit. Im Zweiten Weltkrieg hatte seine gut situierte Professorenfamilie ein italienisches Mädchen aus dem zerbombten Mailand aufgenommen. In der behüteten Bergwelt sollte Giovanna wieder zu Kräften kommen.

Fatale Entscheidung der Eltern

Zwischen 1940 bis 1945 profitierten rund 62.000 unterernährte und kranke Kinder von den Erholungsaufenthalten in der Schweiz. Doch in den 50er-Jahren war es mit der ohnehin begrenzten Barmherzigkeit aus. Nun duldeten die Eidgenossen billige italienische „Gastarbeiter“, nicht aber mittellose Kinder aus dem Nachbarland. Familiennachzug? Bloß das nicht! Imhoofs Eltern hielten sich treu an die Vorschriften und schickten Giovanna zurück. Eine fatale Entscheidung. Deren Folgen quälen ihn bis heute.

Mit den Augen jenes Jungen, dem sich in der Begegnung mit dem unglücklichen Mädchen aus dem Süden eine neue Welt offenbarte, blickt Imhoof auf die Situation von heute. Was verbindet den damaligen Umgang mit Menschen, die vor Hunger und Not flohen, mit den Flüchtlingsbewegungen der Gegenwart, die verschiedene Regierungen, Parteien und Medien bis heute als „Krise“ titulieren?

Immer wieder aufwühlende Szenen

Imhoof drehte auf hoher See, in Italien und im Libanon, um dieser Frage nachzugehen. Die, wenn man so will, zarte Emotionalität jener kindlichen Erzählung, die im Off-Text immer wieder das Zwiegespräch mit Giovanna sucht, wird von der Wucht der Realität gebrochen. Die Kamera fängt ein, wie im Rahmen der Operation Mare Nostrum afrikanische Männer, Frauen und Kinder in Todesangst in Nussschalen auf dem Meer treiben und wenig später im Bauch eines Marineschiffs landen.

Immer wieder finden sich aufwühlende Szenen, in denen sich die vielen Gesichter der heutigen Ausbeutung der Zuwanderer offenbaren. So etwa in einem völlig heruntergekommenen Camp in Süditalien. Die privaten Betreiber solcher Erstaufnahmeeinrichtungen verdienen sich eine goldene Nase, während für die Bewohner ein menschenwürdiges Leben unmöglich ist.

Szenen mit versteckter Kamera

Diesen Schreckensorten sind die Migranten, die bereits vor der Überfahrt traumatische Erfahrungen durchlitten haben, während des laufenden Asylverfahrens auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Von Tagelöhnerjobs in der Landwirtschaft versprechen sich viele einen zeitweiligen Ausweg aus der erzwungenen Untätigkeit.

Doch die Abhängigkeit von nicht eben menschenfreundlichen Strukturen wird dadurch noch größer. Mit verdeckter Kamera filmte Imhoof in einer Schattenwelt, die zu einem echten Wirtschaftsfaktor geworden ist. Manch einer behauptet gar, einzig die in Akkordarbeit schuftenden Geflüchteten würden den Tomatenanbau in Italien am Leben erhalten. Und das schafft neue Ungerechtigkeit: „Mit dem Geld, das die Arbeiter nach Hause schicken, kaufen ihre Verwandten in Westafrika in Büchsen die Tomaten, die sie in Europa geerntet haben“, so Imhoof.

Die Schweiz schottet sich ab

Deutlich wird aber auch, wie und warum viele Geflüchtete diesen Teil Europas wieder verlassen möchten. Wir erleben, wie die Grenze zur Schweiz erneut zu einem Symbol der Abschottung wird. Tagtäglich werden Menschen an der Einreise in die Schweiz gehindert. Im italienischen Grenzbahnhof entlädt sich die Ohnmacht und Wut eines afrikanischen Mädchens. Man bleibt erschüttert zurück. Unweigerlich fällt einem Giovannas Beispiel ein. „Eldorado“ verfolgt aber auch die Spuren jener, die es ins schweizerische Wohlstandsparadies geschafft haben.

Dass der Film, der seine Premiere im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale feierte, zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelt und von einer kindlichen, ergo unvoreingenommenen und mitunter auch erstaunten Perspektive lebt, mag auf den ersten Blick grenzwertig erscheinen. Gerade dadurch ergeben sich aber erhellende Einblicke in das Verhältnis zwischen „uns“ und „den anderen“, zwischen dem Ich und der Außenwelt. So wird Empathie gefördert. Mit dem Blick zurück verbindet sich zugleich die Hoffnung, aus der Vergangenheit zu lernen.

Info: „Eldorado (Schweiz, Deutschland 2018), ein Film von Markus Imhoof, Kamera: Peter Indergand, 92 Minuten, ab sechs Jahre

Ab sofort im Kino

 

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