Film der Woche

Filmtipp „El Entusiasmo“: Als Spanien von der Revolution träumte

Nils Michaelis17. Juni 2022
Morgenröte einer neuen Zeit? Nach dem Tod von Diktator Franco wünschten sich viele Spanier*nnen einen radikalen Neuanfang.
Morgenröte einer neuen Zeit? Nach dem Tod von Diktator Franco wünschten sich viele Spanier*nnen einen radikalen Neuanfang.
In Spaniens junger Demokratie kannte in den 1970er Jahren der Aufbruchsgeist keine Grenzen: In bewegenden Bildern erzählt der Dokumentarfilm „El Entusiasmo“ von der Kraft, aber auch vom Scheitern einer politischen Utopie

In vielen westlichen Gesellschaften war 1968 das Jahr, in dem angesichts des Höhepunktes progressiver Proteste alles oder zumindest vieles möglich schien. In Spanien kam dieser symbolträchtige Zeitpunkt einige Jahre später. 1975 starb der Diktator Francisco Franco. Auf dem Weg zur Demokratie erhofften sich viele Spanier*innen nicht nur politische Freiheiten, sondern auch eine grundlegende Umwälzung der Verhältnisse.

Von der Diktatur Francos zur Demokratie

Eine Heimstatt fanden diese Sehnsüchte und Utopien in der Confederación Nacional del Trabajo (CNT). Die Konföderation anarchosyndikalistischer Gewerkschaften war eine der wichtigsten Stützen des Widerstandes gegen Franco im Spanischen Bürgerkrieg. In einigen Regionen initiierte sie eine libertäre Revolution. Während der Diktatur zerschlagen und ins Exil getrieben, formierte sie sich nach 1975 in Spanien neu.

Die CNT steht im Mittelpunkt des spanischen Dokumentarfilms „El Entusiasmo“. Sein Titel bringt den Geist der Anfangsphase der letztendlich staatstragenden „Transición" von der diktatorischen zur parlamentarischen Monarchie auf den Punkt. Von dem utopiegetriebenen Aufbruchsgeist wurde anfangs auch die CNT getragen. In nur zwei Jahren wurde aus einer Untergrund-Organisation eine Massenbewegung.

Revolution als Programm

Die CNT organisierte Versammlungen mit Hunderttausenden Teilnehmern, Streiks und andere Protestaktionen. Mit ihren revolutionären Zielen überflügelte sie die linken Parteien, die sich um Kompromisse bemühten, bei weitem. Interne Konflikte und geheimdienstliche Sabotageakte sorgten allerdings dafür, dass die CNT nach einiger Zeit zunehmend an den Rand gedrängt wurde. Daher erzählt der Film auch vom Niedergang der von der CNT verkörperten Kraft der Utopie in der jungen spanischen Demokratie.

Vor der Kamera äußern sich viele Veteraninnen und Veteranen der CNT aus der damaligen Zeit. Einige davon wurden an den Originalschauplätzen des Untergrundkampfes gefilmt. Um die Erinnerungsberichte im realen Geschehen zu verorten, wird reichlich Archivmaterial verwendet.

Revolutionäre und Anarchisten

In diesen Berichten wird deutlich, dass es nicht nur an der auch nach Francos Tod evidenten staatlichen Repression lag, dass die CNT nach den Anfangserfolgen nicht wirklich Fuß fasste. 1976 war nicht 1936. Zu den traditionsbewussten Anarchosyndikalisten, die aus dem Exil zurückgekehrt waren, gesellten sich junge Menschen, die stark von den Neuen Sozialen Bewegungen und weltweit angesagten Subkulturen geprägt waren. Arbeiterrevolutionäre trafen auf radikale Feministinnen, Intellektuelle und Comicfans. So groß wie die Kluft zwischen den geistigen Sphären wurden auch die Fliehkräfte innerhalb der CNT.

„Präsentiert nicht eure Belesenheit, zeigt uns Lösungen“, brüllt ein wütender Gewerkschafter bei einer Versammlung, nachdem sich der Vorredner mehr oder weniger geistreich über Lenin ausgelassen hat. Eine Szene mit Symbolcharakter. Sie unterstreicht zugleich, wie fragil die „neue“ CNT war, nachdem ihr der gemeinsame Feind abhandengekommen war.

Der Hunger auf Neues

Neben dem Geschehen in der CNT fängt „El Entusiasmo“ auch die soziokulturelle Gemengelage im Post-Franco-Spanien ein. Der Hunger auf Neues war groß. Filme, die 20 Jahre lang verboten waren, kamen nun endlich in die Kinos. Auch psychedelischer Rock und experimentelles Theater erlebten eine Blütezeit und versetzten die Massen in Ekstase. Dementsprechend ist der Film über weite Strecken mit kratzenden Gitarrensounds unterlegt.

„El Entusiasmo“ gibt einen intensiven Einblick in eine Phase des politischen Übergangs, die hierzulande kaum bekannt ist. Allerdings hätte es dem mit schmalem Budget umgesetzten Langfilmdebüt des Regisseurs, Historikers und Kulturwissenschaftlers Louis E. Herrero gutgetan, das Publikum mit einem klareren und Fakten vermittelnden Erzählfaden an die Hand zu nehmen, anstatt ausschließlich auf O-Töne von Zeitzeug*innen und Expert*innen zu setzen. Sich daraus ein Puzzle zusammenzusetzen, ist mitunter mühsam.

Dennoch handelt es sich um eine bewegende Studie über das Potenzial und den Niedergang linksgerichteten Protestes. Auch, weil dabei Probleme und Fragen berührt werden, die bis heute ungelöst sind. Nicht nur in Spanien.

Info:  „El Entusiasmo“ (Spanien 2018), ein Dokumentarfilm von Louis E. Herrero, 80 Minuten
https://sabcat.media/filme/el-entusiasmo/
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