Film der Woche

Filmtipp „Dream Away“: Endzeitstimmung in Ägyptens Urlaubsparadies

Nils Michaelis08. Februar 2019
Film „Dream Away“: Auch die „lebende Statue“ Rami wird kaum noch gebraucht.
Film „Dream Away“: Auch die „lebende Statue“ Rami wird kaum noch gebraucht.
So poetisch und absurd kann ein Touristen-Hotspot sein: Die Dokufiktion „Dream Away“ porträtiert das ägyptische Sharm el Sheikh im Zeichen des Stillstandes. Der Sehnsuchtsort wurde zur Sackgasse.

Sharm el Sheikh war einmal ein großes Versprechen. Westliche Touristen fanden in dem ägyptischen Badeort ein künstliches Paradies mit Wüsten-Kulisse. Junge Ägypter strömten nach der Revolution von 2011 dorthin, um der Wirtschaftsmisere im Rest des Landes zu entgehen und ein wesentlich freieres Leben zu genießen. Gäste aus Rom oder Moskau standen für die Verheißungen Europas. Doch mit dem Arabischen Frühling erlebte der Tourismus im Land der Pharaonen einen Niedergang, der schließlich auch Sharm el Sheikh erfasste. Terroranschläge gaben dem fröhlichen Treiben den Rest.

Es fehlen Gäste, es fehlt Geld

„Dream Away“ erzählt davon, wie der Landstrich am Fuße des Sinai-Gebirges vom Sehnsuchtsort zur Sackgasse wurde. Zumindest für all die Animateure, Fahrer, DJs und Kellner, die den Urlaubsbetrieb aufrechterhalten. Künstlich, wohlgemerkt. Viele können oder wollen nicht zurück in ihr ungeliebtes früheres Leben mit all den konservativen Traditionen und gescheiterten Beziehungen. Vielen fehlt dafür auch das Geld, denn Gehälter werden im Zeichen der Krise gar nicht oder mit happigen Abstrichen gezahlt.

Ausländische Besucher sind so gut wie nie zu sehen. So bleiben die einst so hoffnungsvoll ans Rote Meer gestarteten jungen Männer und Frauen meistens unter sich.

Poetische Leere am Sinai

Das deutsch-ägyptische Regieteam Johanna Domke und Marouan Omara findet für die Leere und Verlassenheit immer wieder ebenso poetische wie absurde Bilder. Fette Beats in gleißender Morgensonne: Eine Gruppe von Animateurinnen in sehr kurzen Hosen startet mit breitem Grinsen zur morgendlichen Gruppengymnastik am Hotelpool. Doch es gibt niemanden, der ebenfalls die Arme recken und die Beine spreizen möchte. Nachts im Club: Der DJ geht voll in seinem Elektro-Set auf. Doch der einzige, der sich dazu bewegt, ist ein Raumpfleger, der den Dancefloor feucht aufwischt. Und Rami, die „lebendige Statue“ mit Cowboyhut und Gitarre, ist schon lange keinem mehr begegnet, der sich mit ihm fotografieren lassen möchte. Einsam hängt er auf der Strandpromenade herum oder setzt sich zu den Männern der Hotel-Wäscherei, denen ebenfalls langweilig ist.

Immer wieder sind Flugzeuge zu sehen, die gen Norden starten. Sie sind die neuen Sehnsuchtsorte der Gestrandeten. Und doch verströmt die Szenerie aus Sand, Wind und Bergen, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft der – mitunter noch nicht einmal vollendeten – Hotels und Restaurants abzeichnet, auch etwas Idyllisches, wenngleich man sich fragt: Welches Ungemach verbirgt sich wohl hinter all den schroff aufragenden Gipfeln?

Getrübtes Bild: Stillstand und Niedergang

Das ägyptische Regime von Präsident Abd al-Fattah as-Sisi hat sich vorgenommen, den für die Wirtschaft Ägyptens so essenziellen Tourismus wieder anzukurbeln. Zarte Pflänzchen des Erfolges sollen sich hier und da bereits zeigen. So dürften die Motive des Stillstandes, wenn nicht gar des Niedergangs, das von der Obrigkeit gewünschte Bild  trüben.

Allerdings nicht so sehr, dass es den Behörden wirklich wehtut. Vieles ist offenkundig inszeniert, das heißt, es wirkt entschärft und gibt nur einen Teil der Wahrheit preis. Den ägyptischen Zensoren musste „Dream Away“ als Spielfilm vorgelegt werden, sagte Domke in einem Interview. „Für einen Dokumentarfilm hätten wir niemals die Drehgenehmigung bekommen.“ So castete die Crew rund 200 Frauen und Männer aus Sharm el Sheikh. Sieben davon setzten mit den Regisseuren ihr Leben zwischen Trostlosigkeit und Hoffnung in Szene. Die Einblicke in den Alltag eines Zimmermädchens oder einer Animateurin erreichen durchaus dokumentarische Tiefe.

Realität und Fiktion verschwimmen

Doch immer wieder verschwimmen Realität und Fiktion miteinander. Immer wieder nimmt die Erzählung traumwandlerische Züge an. Wiederholt läuft ein Protagonist einem überdimensionierten Affen hinterher und berichtet voller Emphase von Nöten und Träumen. Doch der „echte“ Alltag in dem Badeparadies dürfte weitaus absurder sein.

Info: „Dream Away“ (Deutschland/Ägypten 2018), ein Film von Johanna Domke und Marouan Omara, 86 Minuten.

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