Film der Woche

Filmtipp „Der Dolmetscher“: Ein Roadmovie über die Schatten der Vergangenheit

Nils Michaelis01. April 2021
Sehr ungleiche „Zwillinge“: Ali Ungár (Jiří Menzel, links) und Georg Graubner (Peter Simonischek).
Sehr ungleiche „Zwillinge“: Ali Ungár (Jiří Menzel, links) und Georg Graubner (Peter Simonischek).
Opfersohn und Tätersohn erforschen die Geschichte ihrer Eltern im Zweiten Weltkrieg. Das Drama „Der Dolmetscher“ widmet sich traumatischen Spuren der Vergangenheit und bietet großes Schauspieler*innen-Kino. Jetzt ist es fürs Heimkino zu haben.

Die Reise seines Lebens nimmt hier ihren Anfang: Ein unscheinbarer älterer Herr mit beigem Mantel und Aktenkoffer bahnt sich seinen Weg durch Wien. Vor einem schmucken Gründerzeitbau stoppt Ali Ungár (Jiří Menzel). Dort erkundigt sich der aus der Slowakei angereiste Rentner nach SS-Hauptsturmführer Kurt Graubner. Der ließ im Zweiten Weltkrieg Ungárs jüdische Eltern erschießen. Doch anstelle des NS-Mörders öffnet sein Sohn Georg (Peter Simonischek) die Tür. Der linksintellektuelle Genussmensch und Ex-Lehrer ist so ziemlich das genaue Gegenteil des auf penible Korrektheit bedachten Besuchers.

Licht ins Dunkel der Vergangenheit

Der als Vollwaise aufgewachsene Ali Ungár hat viele Fragen zum Schicksal seiner Eltern. Möglicherweise hat er erst in letzter Zeit zugelassen, sie (sich) zu stellen. Antworten wird er so schnell nicht bekommen. Dafür muss sich der 80-Jährige mit Graubner Junior (ebenfalls jenseits der 70) auf Spurensuche in die Slowakei begeben. Denn nach dem Besuch des seltsamen Gastes aus dem Nachbarland überkommt auch den Nazi-Sohn das Bedürfnis, Licht ins Dunkel einer verdrängten Vergangenheit zu bringen. Und zwar, indem er mit Ali Ungár die Orte besucht, an denen der SS-Vater sein Unwesen trieb.

„Wir sind Zwillinge“, bekennt Georg Graubner scherzhaft gegenüber zwei jungen Frauen, die sie im Auto mitnehmen. Doch diese Bemerkung ist nicht aus der Luft gegriffen: Je länger die beiden Protagonisten gemeinsam unterwegs sind, desto bewusster wird den beiden die Verbindung, die wegen ihrer Familiengeschichte zwischen ihnen besteht.

Annäherung mit Hindernissen und Zwischenfällen

Gleichwohl verläuft die Annäherung zwischen beiden keinesfalls ohne Zwischenfälle. Das liegt nicht zuletzt an den gegensätzlichen Charakteren: Auf der einen Seite der verbissene Mann aus Bratislava, dem es einzig und allein darum geht, mehr über das Ende seiner Eltern zu erfahren. Auf der anderen Seite der hedonistische Wiener, der trotz des ernsten Hintergrunds der Reise auch auf Amüsement aus ist.

Im klassischen Stil eines Roadmovies erzählt „Der Dolmetscher“ von zwei Menschen, die im Zuge von Begegnungen und im Wechselspiel der Schauplätze eine Wandlung durchmachen. Dementsprechend wechselt auch die Tonalität des Films, der 2018 bei der Berlinale lief und als slowakischer Oscar-Kandidat ins Rennen ging.

Bestimmen anfangs schräger Humor und pointierte Wortgefechte die Erzählung, gewinnen im weiteren Verlauf nachdenkliche und melancholische Nuancen an Gewicht. Die Schatten der Vergangenheit werden immer stärker. Fast hat man den Eindruck, Ali Ungár und Georg Graubner würden sich vom Sog der Erfahrungen von Ort zu Ort treiben lassen, ohne zu wissen, wo die Reise enden soll. Auch die sich verdüsternde Szenerie, derer wir während der langen Einstellungen auf der Straße gewahr werden, vermittelt ein Gefühl von Unendlichkeit.

Viel Farbe für einen Unscheinbaren

Zugegeben: „Der Dolmetscher“ startet recht holprig und konstruiert. Trotz des historisch glaubhaften Kontextes mag man und frau sich zunächst nicht so recht auf die Geschichte einlassen. Je länger der Road Trip andauert, desto mehr nimmt uns das Ganze für sich ein. Das ist vor allem das Verdienst der Hauptdarsteller, die das besagte Spiel der Nuancen mit Leben füllen. Es ist schon erstaunlich, wie Oscar-Preisträger Jiří Menzel -  in den 60er-Jahren prägte er als Schauspieler und Regisseur die tschechoslowakische Nouvelle Vague – dem früheren Übersetzer Farbe verleiht. Denn dem geht es vor allem um eines: Bloß nicht auffallen!

Peter Simonischek lässt mitunter Erinnerungen an den durchgeknallten Vater aus „Toni Erdmann“ aufkommen und zieht doch noch ganz andere Register. Diesen Figuren würde man gerne noch viel weiter auf ihrem Weg folgen, wenngleich „Der Dolmetscher“ recht konventionell erzählt wird und dramaturgische Überraschungen rar gesät sind. Umso mutiger ist die Pointe am Schluss.

Die Nachkommen von Opfern und Tätern des Holocaust stellen sich ihren Traumata: Aus einer Materie, die seit einigen Jahren zunehmend Aufmerksamkeit in Wissenschaft, Film, Literatur und Presse findet, macht der slowakische Regisseur Martin Šulík unterm Strich vor allem großes Schauspieler- und Schauspielerinnen-Kino, das allerdings einige Fragen offenlässt.

Info:

„Der Dolmetscher“ (Slowakische Republik / Tschechische Republik / Österreich 2018), ein Film von Martin Martin Šulík, mit Peter Simonischek, Jiří Menzel u.a., 113 Minuten, ab 12 Jahre

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