Film der Woche

Filmtipp „Django“: Vom Nazi-Liebling zum Verfolgten

Nils Michaelis27. Oktober 2017
Filmtipp „Django“
Film der Woche: „Django“ Reinhardt (Reda Kateb) lebt durch und für seine Musik.
Die Nazis liebten seine Musik und ermordeten seine Verwandten: Das sinnliche Kinodrama „Django“ zeichnet den schwierigen Lebensweg von Jazzlegende Django Reinhardt im Zweiten Weltkrieg nach. Es ist auch die schmerzhafte Geschichte vom Untergang der Sinti unter Hitler.

Wie frei ist ein Künstler, wenn einflussreiche Funktionäre ihn vergöttern, die Welt, der er entstammt, aber hassen? Was muss passieren, damit er sich der Gefahr, die hinter der Umarmung seiner Feinde steckt, bewusst wird? Und was macht das mit ihm?

Künstler im Schatten der Macht

Das 20. Jahrhundert mit all seinen Gewaltherrschaften bietet etliche Geschichten über Gratwanderungen von Musikern, Schriftstellern oder Malern im Schatten der Macht. Der französische Filmemacher Ètienne Comar hat sich für sein Regiedebüt eine ganz besondere Figur ausgesucht: den legendären Jazz-Gitarristen und Gypsi Swinger Django Reinhardt.

Sinti und Roma waren für die Nazis „lebensunwert“. Zugleich strömten sie in die Konzertsäle des Sintos Reinhardt. So auch im Paris des Jahres 1943. Dort setzt die Handlung des Films ein. Deren zeitlicher Rahmen ist denkbar kurz, reicht er doch nur bis kurz nach Kriegsende. Das macht deutlich, dass es sich bei „Django“ um kein Bio-Pic im klassischen Sinne handelt. Dessen Gegenstand ist jene Phase, in der aus dem ignoranten bis naiven Künstler ein politisch denkender Mensch wird, der sich aus der besagten Umarmung löst und Verantwortung übernimmt. Und der sich trotzdem nur schwerlich von seinem Ideal trennen kann, vor allem für und durch seine Musik zu leben.

Nazis gegen Swing und „Negermusik“

Am Anfang von „Django“, dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, lernen wir alles andere als ein moralisches Vorbild kennen. Reinhardt ist selbstverliebt, unzuverlässig, hat Affären und kein Problem damit, seinen strahlenden Ruhm in den Jazzclubs der französischen Hauptstadt der Tatsache zu verdanken, dass die deutschen Besatzer seine Konkurrenz ausgeschaltet haben, indem sie die farbigen Jazzmusiker und ihre „Negermusik“ außer Landes jagten.

Nun thront er auf seinem Hocker vorm glitzernden Vorhang und seine flitzenden, hoch melodischen Griffe versetzen das Publikum in Verzückung. Damit das Ganze nicht zu wild wird, hat die Wehrmacht ebenso penible wie absurde Verhaltensregeln ausgegeben. Schließlich galt damals „Swing tanzen verboten!“, zumindest offiziell.

Der Hofierte wird zum Verfolgten

Reinhardt versteht es, trotzdem sein für damalige Zeiten geradezu orgiastisches Spiel durchzuziehen. Als ihn Offiziere für eine Deutschlandtournee verpflichten wollen, sieht er seine Autonomie als Musiker in Gefahr. Und lehnt das Angebot ab.

Der Hofierte wird zum Verfolgten. Dass ihm und seiner Band dort am Ende weitaus Schlimmeres drohen könnte, wird ihm erst nach und nach klar. Da ist er mit der schwangeren Ehefrau, seiner Mutter und den Brüdern längst auf der Flucht in Richtung Schweiz.

Wer ist dieser Hitler?

„Django“ erzählt nicht nur von einem Künstlerschicksal, sondern eben auch vom Untergang der Sinti unter Hitler. Letzteren will Reinhardt anfangs nicht einmal kennen, später bezeichnet er ihn als Clown. Es sind einige der wenigen Szenen, wo der Protagonist, der als Wegbereiter des europäischen Jazz gilt, seine Sicht auf die Dinge in Worten beschreibt.

Meist äußert er sich durch die Musik, die ihn gefunden hat, wie er selbst sagt. Hauptdarsteller Reda Kateb ist in vielen und vor allem ausgiebigen Sequenzen an der Gitarre zu erleben, zunächst flankiert von seinen wie aus dem Ei gepellten Bandkollegen, später unter deutlich anderen Umständen gemeinsam mit Verwandten, die zunehmend von den Behörden drangsaliert werden.

Die Kraft der Musik

Es sind Szenen von besonderer Intensität, hier offenbart sich die ganze Kraft der Musik, auch als eine Kraft, die sie denen gibt, die sie zum Klingen bringen, zumal im Angesicht tödlicher Gefahr. Durch das Wiedersehen mit seiner früheren Geliebten Louise (Cécile de France), die wie eine mysteriöse Frauenfigur des Film Noir jener Zeit in Szene gesetzt wird, kommt Django unwissentlich mit Widerstandskreisen in Berührung.

Mag sein, dass dieser Film, der überlieferte Episoden aus Reinhardts Leben mit reichlich Fiktion kombiniert, mehr will, als er in knapp zwei Stunden leisten kann. Auch der Schwenk hin zum Pathos gegen Ende ist Geschmackssache. Die mitunter fast schon schwelgerische 40er-Jahre-Ästhetik bei Kostümen und Szenenbild wird nicht jeden begeistern.

Intensives, schmerzhaftes Erlebnis

Gerade diese Stilebene wird indes durch die eher dokumentarischen Bilder vom späteren Leben im Verborgenen gebrochen. Als würden wir dabei zusehen, wie Reinhardt aus einem schönen Traum erwacht und dem wahren Zeitgeist ins Auge sieht. Diesen Prozess zu verfolgen, ist ein ebenso intensives wie schmerzhaftes Erlebnis.

Info: „Django – ein Leben für die Musik“ (Frankreich 2017), ein Film von Ètienne Comar, mit Reda Kateb, Cécile de France, Beata Palya u.a., 115 Minuten.

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