Film der Woche

Filmtipp „Courage“: Zeit des Erwachens in Belarus

Nils Michaelis02. Juli 2021
Denis Tarasenka beim Sonntagsmarsch im August 2020 in Minsk.
Denis Tarasenka beim Sonntagsmarsch im August 2020 in Minsk.
Die Massenproteste erlebten viele Menschen in Belarus als Befreiung. Der Dokumentarfilm „Courage“ begleitet drei Schauspieler*innen durch eine Zeit, als alles möglich schien. Ein beeindruckendes Zeugnis der Selbstbehauptung.

Was wäre das Beste für den kleinen Sohn? Dass seine Eltern ins Exil gehen? Oder dass sie dafür kämpfen, dass er in einem freien Land aufwächst? Auch um den Preis, dass das Kind dabei womöglich ein Elternteil verliert? Die Fragen, die sich Maryna und ihr Mann stellen, plagen zahllose weitere Eltern in Belarus. Auch heute, fast ein Jahr nach dem Beginn der Massenproteste gegen Gewaltherrscher Alexander Lukaschenko.

In jener Szene in einer Minsker Wohnung verdichtet sich das Drama eines ganzen Landes. Fast schon waren die monatelangen Demonstrationen gegen den seit 27 Jahren amtierenden Präsidenten, der sich im August 2020 bei gefälschten Wahlen ein weiteres Mal im Amt bestätigen ließ, wieder vergessen. Wieder mal hatte der Repressionsapparat Wirkung gezeigt. Als Lukaschenko Ende Mai ein Flugzeug mit dem regimekritischen Journalisten Roman Protassewitsch an Bord vom Himmel holen ließ, war Belarus wieder auf der Tagesordnung. Doch wie lange wird dies so bleiben, wenn sich nicht endlich das Blatt zugunsten der Opposition wendet?

Widerstand ist gefährlich

Wer sich mit dem System des ewigen Staatschefs Lukaschenko nicht abfinden will, lebt in der Ex-Sowjetrepublik gefährlich, braucht Ausdauer und vor allem Mut. Drei solcher Menschen stehen im Mittelpunkt des bei der Berlinale aufgeführten Dokumentarfilms von Aliaksei Paluyan. Der 1989 in Belarus geborenen Regisseur kam vor neun Jahren nach Deutschland, um an der Kunsthochschule Kassel Film und Fernsehen zu studieren. „Courage“ ist seine Abschlussarbeit.

Eine dieser drei Protagonist*innen ist Maryna. 2006 verlässt sie mit ihren Schauspielerkollegen Pavel und Denis das Staatstheater Minsk, um für das neu gegründete Belarus Free Theatre zu spielen. Es ist ihre Form von Zivilcourage. Die unter konspirativen Bedingungen gezeigten Aufführungen drehen sich um die Entführung von politischen Gegnern, die Todesstrafe und andere Tabuthemen. Ursprünglich wollte sich Paluyan ganz auf diesen ebenso künstlerischen wie politischen und auch psychologischen Prozess konzentrieren. Doch mit den Protesten, die auf die Wahlfarce vom 9. August 2020 folgten und die immer weder hunderttausende Menschen zusammenbrachten, bekam das Thema eine neue Dimension.

Eine andere Perspektive

„Courage“ ruft jene dramatischen Wochen, als Lukaschenko zu wanken schien, wieder in Erinnerung. Paluyan zeigt, wie Menschenmassen die Minsker Boulevards erobern und andere Bilder, die um die Welt gingen. Gleichwohl bieten einige – oftmals offenkundig heimlich entstandene – Aufnahmen noch ganz andere, weitaus intimere Eindrücke als die aus den Nachrichten bekannten Motive. Indem die Erzählung der Perspektive seiner Hauptfiguren folgt, erleben wir das unübersichtliche Geschehen auf den Straßen sozusagen aus der „Innenperspektive“.

Als Kontrast begleitet der Film Maryna, Pavel und Denis durch den Alltag, zum Beispiel bei den Proben für ein neues Theaterstück. Schon die Bildsprache lässt daran keinen Zweifel: Die Protesterfahrungen und die künstlerische Arbeit stehen in ständiger Wechselwirkung. Doch auch abseits des Fokus auf den Protagonist*innen liefert Paluyan immer wieder berührende und überraschende Momente. Zum Beispiel, wenn friedliche Demonstrant*innen das Gespräch mit einem vielleicht 20-jährigen Polizisten suchen und dieser sie mit zitternder Stimme abwimmelt. Auch die Szenen vor den Gefängnistoren, wo Angehörige auf Informationen über ihre festgenommenen Liebsten hoffen, bleiben haften.

Zeit der Hoffnung

Es sind Bilder, die Paluyan unter größter Gefahr aus dem Land schmuggelte, bevor Lukaschenko die Grenzen für Medienschaffende schließen ließ. Der in Deutschland lebende Filmemacher ist in mehrfacher Hinsicht Teil dieser Geschichte, die auch deswegen so berührt, weil wir – zumal vor dem Hintergrund des vorläufigen bitteren Endes – noch einmal mit den Hoffnungen und Erwartungen jener Zeit des Aufbruchs konfrontiert werden. Und auch, weil Paluyans gleichsam unaufdringlicher und präziser Blick uns die Menschen, um die es geht, wirklich nahebringt.

Was immer auch „Courage“ zu bewirken vermag: Dieses – vor dem besagten Hintergrund – überraschend sachliche Dokument des Protests hat ein großes Publikum verdient.

Info: „Courage“ (Deutschland 2021), ein Film von Aliaksei Paluyan, mit Maryna Yakubovich, Pavel Haradnitski u.a., 90 Minuten, OmU.

 

Im Kino

https://riseandshine-cinema.de/portfolio/courage

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