Film der Woche

Filmtipp: „Bohnenstange“: Das weibliche Gesicht des Krieges

Nils Michaelis16. Oktober 2020
Zwischen Schuld und Vergebung: Masha und Iya sind mehr als nur Leidensgenossinnen.
Zwischen Schuld und Vergebung: Masha und Iya sind mehr als nur Leidensgenossinnen.
Zwei traumatisierte Soldatinnen der Roten Armee wollen zurück in die Normalität: Das russische Drama „Bohnenstange“ erzählt von dem Versuch, die unsichtbaren Verletzungen des Krieges zu heilen.

1945 in Leningrad: Fast könnte man meinen, Iya ist zur Salzsäule erstarrt. In der Wäscherei eines Krankenhauses steht die junge Krankenschwester vollkommen regungslos im Gewusel zwischen blutigen Wäschestücken und dampfenden Waschzubern. Die anderen Schwestern beachten sie kaum. Für sie ist es alltäglich, dass die hochgewachsene und wortkarge Frau, der dieser Film seinen Namen verdankt, immer mal wieder für ein paar Minuten in Schockstarre verfällt.

Die Anfälle sind eine Folge der traumatischen Erlebnisse, die Iya als Soldatin der Roten Armee an der Front gemacht hat. Sie zählen zu jenen unsichtbaren Verletzungen des vor wenigen Monaten beendeten Zweiten Weltkrieges. Von ihnen erzählt der russische Regisseur Kantemir Balagov in seinem zweiten Langfilm. Ob auf der Krankenstation, in überfüllten Straßenbahnen oder daheim in der Gemeinschaftswohnung: Überall ist Iya von Menschen umgeben, die von jahrelangen Kämpfen und Belagerung – und ohnehin vom Alltag unter Stalin – gezeichnet sind. Die Vorstellung, dass aus gemeinsamem Leiden Gemeinschaft erwächst, ist allerdings allzu romantisch.

Drama um Schuld, Vergebung und Heilung

Nicht nur Iya ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Irgendwie zurück ins Leben kommen, allein das zählt. Doch wie stellt man das an? Bei ihr lebt ein kleiner Junge, den alle für ihren Sohn halten. Durch einen tragischen Zwischenfall kommt Pashka in Iyas Obhut ums Leben. Wenig später steht ihre ebenfalls aus der Armee entlassene Freundin Masha, die tatsächliche Mutter des Kindes, in ihrem Zimmer. Vor einigen Jahren ließ sie ihr Söhnchen bei Iya und zog als Soldatin bis nach Berlin. Auch sie trägt schwer an dem, was sie erlebt hat. Mit Pashkas Tod beginnt für Iya und Masha ein Drama um Schuld, Vergebung und Heilung, das man so noch nicht gesehen hat.

Für Masha ist klar: Iya hat ihr ein Leben genommen, also muss sie ihr ein neues geben. Die erzwungene Leihmutterschaft ist ihr Rezept für einen Neuanfang. Doch das, was sich in „Bohnenstange“ vollzieht, umfasst viel mehr als einen Deal, der Iya das Äußerste abverlangt. In diesem Drama offenbart sich der Weg einer ganzen Gesellschaft zurück zur „Normalität“, sofern diese damals in der UdSSR überhaupt möglich war. Auch geraten dabei gegenwärtige Krisen und Transformationsprozesse ins Bewusstsein.

„Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“

Balagovs Intention ist indes vor allem historisch begründet. Schätzungsweise eine Million Frauen dienten während des Zweiten Weltkrieges in der Roten Armee. In der heroischen Erinnerungskultur nach 1945 spielten sie kaum eine Rolle. Vor allem die belarussische Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch machte die Geschichte(n) dieser Sowjetbürgerinnen einem breiten Publikum bekannt. Ihr Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ bezeichnet Balagov als wichtigste Inspirationsquelle für seinen Film, der 2019 in Cannes in der Rubrik „Un Certain Regard“ für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

„Im Krieg hielten die Menschen aus, danach wurden sie verrückt“, heißt es in einem der Erinnerungsberichte in Alexijewitschs Buch. Was das bedeutet, ist in „Bohnenstange“ zu besichtigen. Den Sturm an Eindrücken, den der 29-jährige Regisseur mit einem sehr übersichtlichen Ensemble und Setting entfacht, wird man so schnell nicht wieder los. Leningrad, die geschundene Metropole: Alles scheint in düsterer Dämmerstimmung zu verharren. Und drängt zugleich zu einem verheißungsvollen, wenngleich diffusen Morgen.

Düstere Bilder von Leningrad nach dem Krieg

Und doch muss erst einmal das trübe Jetzt bewältigt werden. Das wissen vor allem die sterbenskranken Kriegsversehrten, deren Leiden Iya immer wieder verkürzt. Vor uns breitet sich eine Szenerie aus, die bei aller Schwere und Düsternis – endlose nordische Winternächte und eine ärmliche Beleuchtung bieten hierfür eine dankbare Kulisse – immer wieder auch kräftige Farbtupfer zu bieten hat. Sie stehen für die oft unverhofft aufflammende Lebensgier. Sie sind ein Versprechen, dessen Einlösung erkämpft werden muss.

Vor allem Masha ist dazu bis zur letzten Konsequenz bereit. Ihre Reaktion auf Pashkas Tod zählt zu den besonders verstörenden und zugleich hoffnungsvollen Szenen. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit liegen in diesem Film oft dicht beieinander. Balagov kostet derlei Momente in statischen Einstellungen so lange aus, bis es die Zuschauenden schmerzt.

Was nicht gezeigt wird

Dass diese emotionale Wucht niemals ihre Subtilität verliert, ist auch dem ebenso bestechenden wie ausdauernden Spiel der Hauptdarstellerinnen Viktoria Miroshnichenko (Iya) und Vasilisa Perelygina (Masha) zu verdanken. „Bohnenstange“ ist ein beklemmender und befreiender Kraftakt, der seine Wirkung auch all dem verdankt, was nicht in Bildern aufgelöst wird.

Info: „Bohnenstange“ (Russland 2019), Regie: Kantemir Balagov, Drehbuch: Kantemir Balagov/Alexander Terekhov, Kamera: Ksenia Sereda, mit Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov u.a., 134 Minuten, ab zwölf Jahre

 

Ab 22. Oktober im Kino