Film der Woche

Filmtipp „Unser Boden, unser Erbe“: Wie Profitgier unsere Ernährungsgrundlage gefährdet

Nils Michaelis09. Oktober 2020
Hier wird der Mensch ganz klein: Öko-Bauer Achim Heitmann bei der Arbeit.
Hier wird der Mensch ganz klein: Öko-Bauer Achim Heitmann bei der Arbeit.
Wie lange wird in Deutschland noch Getreide wachsen? Mit eindringlichen Bildern warnt der Dokumentarfilm „Unser Boden, unser Erbe“ vor den Folgen der Vernichtung fruchtbarer Böden und zeigt Lösungen auf.

Wem ist schon bewusst, dass er oder sie tagtäglich auf unserer Lebensgrundlage herumtrampelt? Die Rede ist vom Boden. Also von jener gerade einmal gut 30 Zentimeter tiefen Schicht, die sich über die Kontinente erstreckt und Landwirtschaft überhaupt erst möglich macht. Es ist ein höchst komplexes Gebilde, das voller Leben steckt und zur Senkung von Treibhausgasen beiträgt. Dieses Paradies ist allerdings bedroht: Jedes Jahr vernichtet die Menschheit zehn Millionen Hektar fruchtbaren Boden.

Auf Dauer zerstörerisch

Manchmal braucht es einen Perspektivenwechsel, um die Bedeutung und die Schönheit dessen zu erkennen, was uns umgibt. Der Dokumentarfilm „Unser Boden, unser Erbe“ wartet mit zahlreichen Luftaufnahmen von Feldern im Südwesten Deutschlands auf. In gemächlichem Tempo fällt der Blick auf den Wechsel von Strukturen und Bepflanzung. Regisseur Marc Uhlig geht es allerdings nicht allein um schöne Bilder. Wohl aber unterstreicht er mit der epischen Dimension dieser Aufnahmen sein Anliegen und stellt es in einen globalen Kontext.

Dieses Anliegen besteht darin, darauf hinzuweisen, was im Zeichen von anhaltender Bodenversiegelung, Klimawandel und einer allein auf maximale Erträge ausgerichtete, ergo auf Dauer zerstörerische Bewirtschaftung von Feldern auf dem Spiel steht: unsere Ernährung. Um seine Mahnung zu untermauern, trug er aus Gesprächen mit Forschern oder Öko-Aktivisten wie Ernst Ulrich von Weizsäcker oder Sarah Wiener zahlreiche Fakten und Denkanstöße zusammen.

Unsere Böden sind stark gefährdet

Wer hätte schon gewusst, dass unser Planet mehr als 2.000 Jahre braucht, um zehn Zentimeter fruchtbare Erde zu bilden? „Dennoch nutzen wir unsere Böden, als wären sie unerschöpflich“, heißt es im Presseheft. „Damit ist unsere Lebensmittelquelle gefährdet.“ Von Weizsäcker formuliert es vor der Kamera drastischer: „Wir haben in der heutigen, vollen Welt viel zu viele Menschen, die davon leben, alles zu zerstören. Dann ist nichts mehr übrig.“

Was heißt das für die Zukunft? Wie müssen sich die Landwirtschaft und die Gesellschaft ändern, damit wir lebendige Böden an kommende Generationen weitergeben können? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, belässt es Uhlig nicht bei der Theorie, sondern liefert praktische Lösungen. Zum Beispiel, indem er den Demeter-Bauern Achim Heitmann durch die Erntesaison begleitet. Hierbei wird deutlich, dass sich nachhaltige Landwirtschaft und Profit durchaus miteinander vertragen, wenngleich Letzterer härter zu erwirtschaften ist als in der konventionellen Landwirtschaft.

Was kann der Konsument tun?

Gerade bei Heitmanns Ausführungen beginnt man sich zu fragen: Was kann oder muss ich als Konsument dazu beitragen, um den Boden zu retten? Das liegt auch an den pointierten Einlassungen des Landwirts vom Bodensee. Kostprobe: „Ich wundere mich, dass der Mensch in der Stadt so wenig Existenzängste hat. Er ist absolut abhängig davon, dass auf dem Land etwas wächst. Und ich weiß, dass die konventionelle Landwirtschaft das nicht bringen wird.“

Aufschlussreich ist zudem, was Arne Zwick, Bürgermeister der Stadt Meßkirch, zu berichten hat. Für neu zu verpachtende landwirtschaftliche Flächen hat die von dem CDU-Politiker geführte Verwaltung rigide Bodenschutzrichtlinien durchgesetzt.

Schöne Bilder ohne Kitsch

Ob ein Kürbis, eine Kartoffelpflanze oder Menschen bei der Feldarbeit: Immer wieder nutzt Uhlig Kameraeinstellungen, die das Natürliche und Unverfälschte ihrer Objekte oder einer Szenerie hervorkehren und damit unterstreichen, wie erhaltenswert all das ist, was wir sehen. Es sind eindringliche Bilder frei von jedem Kitsch. Das Idyll wird sowieso immer wieder gebrochen. Nicht nur, indem deutlich wird, mit welchem Aufwand und finanziellen Risiko Öko-Anbau verbunden ist.

Uhlig zeigt zudem auf, welche unbequemen Entscheidungen Politik und Ökonomie noch bevorstehen: „Die Landwirtschaft kann keine Landwirtschaft gegen den Willen der Gesellschaft betreiben.“ Mit diesen Worten spielt Werner Kunz, ein sehr reflektierter Bauernverbandschef aus dem Badischen, den Ball an jeden und jede von uns zurück.

Ungewohnte und überraschende Perspektiven

Bei Argumentation und Bildsprache setzt „Unser Boden, unser Erbe“ weniger auf Didaktik und Apokalypse, sondern auf ungewohnte und überraschende Perspektiven und Einblicke in die Erzeugung unserer Ernährung. Das könnte es vielen Menschen, die sich selten mit Ökologie befassen, schmackhaft machen, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das wie kaum ein anderes entscheidende Zukunftsfragen aufwirft.

Info: „Unser Boden, unser Erbe“ (Deutschland 2019), ein Film von Marc Uhlig, Kamera: Michael Arnieri, Marc Uhlig, 79 Minuten.

https://www.wfilm.de/unser-boden-unser-erbe/

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