Film der Woche

Filmtipp „Baghdad In My Shadow“: Emigration zwischen Traum und Trauma

Nils Michaelis01. Oktober 2021
Bittere Erfahrung: Amal (Zahraa Ghandour) wird von ihrer Vergangenheit eingeholt.
Bittere Erfahrung: Amal (Zahraa Ghandour) wird von ihrer Vergangenheit eingeholt.
Menschen können einem Unrechtsstaat entkommen, nicht aber ihren dortigen Erfahrungen. Das zeigt das packende Filmdrama „Baghdad In My Shadow“ anhand von Schicksalen irakischer Migrant*innen in London.

Was Taufiq in den Kellern des Geheimdienstes von Saddam Hussein erlebte, wird er nie vergessen. Nicht nur seine Hände sind von jener Zeit in Bagdad gezeichnet. Wie so viele andere Iraker begann der alternde Poet, der noch immer auf den Durchbruch mit arabischer Lyrik wartet, in London ein neues Leben. Doch die Schatten der Vergangenheit kehren auch nach Jahrzehnten im Exil immer wieder zurück. Erst recht, als er eines Tages auf ein Polizeirevier bestellt wird.

Mit seinen Problemen ist Taufiq nicht allein. Im Café Abu Nawas trifft er Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Der beliebte Treffpunkt für Exil-Iraker*innen – tatsächlich beherbergt die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien die größte irakische Community im Ausland – ist Dreh- und Angelpunkt des Dramas. Dort kommt eine Reihe von linksgerichteten Menschen zusammen, die gegen das Regime der Baath-Partei opponierten und auch mit dem wachsenden religiösen Einfluss im heutigen Irak wenig anfangen können. Die britische Insel wurde ihnen zur neuen Heimat, sie genießen die Freiheit, selbst wenn sie sich nicht gänzlich akzeptiert fühlen. Das für sie verlorene Zweistromland wurde ihnen zur Sehnsucht und Hoffnung, die sie regelmäßig, mitunter ironisch und selbstironisch, beschwören.

Der Neffe wird zum Islamisten

Die Männer und Frauen teilen die Erfahrungen von Migrantendasein. Und doch kreuzen sich dort auch die Wege von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum Beispiel Amal. In London tauchte sie unter, um ihrem Ehemann zu entkommen. Oder Muhanad. Der homosexuelle IT-Tüftler lebt erst seit kurzem in der britischen Hauptstadt. Auch dort scheut er sich vor einem Outing. Und da wäre Taufiqs Neffe Nasseer. Vor einiger Zeit entwickelte er sich zum fanatischen Islamisten, der all das hasst, was sich Amal und Muhanad erträumen. Taufíq geht der Sache auf den Grund und wird dadurch mit den dunklen Seiten seiner eigenen Biografie konfrontiert. Derweil nimmt eine tödliche Dynamik ihren Lauf.

„Baghdad In My Shadow“ steckt voller Andeutungen im Hinblick auf einen „anderen“ Irak. Das zeigt sich bereits am Titel. Im irakischen Arabisch gibt es ein Wort, das sich sowohl mit Schatten als auch mit Erinnerung übersetzen lässt. Eben diese Doppeldeutigkeit prägt die Beziehung vieler Personen in diesem Film zum Irak und seiner Hauptstadt. Was auch bedeutet, dass sie sich zwischen den konservativen Traditionen des Landes ihrer Vorfahren und der individualistischen Londoner Gesellschaft hin- und hergerissen fühlen.

Trennlinien innerhalb der Gemeinschaft

Das gilt insbesondere für jene drei jungen Protagonist*innen. Regisseur und Co-Drehbuchautor Samir (so lautet sein Künstlername) positioniert sie als Symbolfiguren beziehungsweise Zielobjekte all dessen, was er an konservativen (arabischen) Gesellschaften kritisiert: die Verachtung gegenüber eigenständigen Frauen, Homophobie und religiöse Verblendung. Aber auch über sie hinaus sind im Café Abu Nawas überraschende Widersprüche und Trennlinien zu beobachten.

Es braucht eine Weile, bis sich dieses Drama den Zuschauenden in seiner ganzen Tiefe erschließt. Angesichts der großen Zahl an Auftretenden gibt es viele Verbindungen und Erzählungen in der Erzählung zu entschlüsseln. Die etlichen zeitlichen Sprünge machen das nicht leichter. Wegen des stetigen Wechsels zwischen düsteren und lichten Stimmungen – das gilt auch für die Bildsprache – muss sich das Publikum auch in Sachen Atmosphäre immer wieder umstellen. Am Ende steht aber ein stimmiges Ganzes, mag es angesichts der vielen Aspekte zur irakischen Community in Großbritannien mitunter auch etwas überladen anmuten.

Brücken zwischen Kulturen bauen

Ebenso unmissverständlich wie subtil verpackt ist aber die Botschaft: Dieser atmosphärisch dichte, spannungsreich inszenierte und zum Teil im Irak gedrehte Film will Brücken bauen, nicht nur zwischen ausgewanderten Iraker*innen und ihrem neuen Lebensmittelpunkt, sondern generell zwischen Kulturen, zumal in Zeiten anhaltender Migrationsbewegungen und des vielerorts grassierenden Rassismus.

Für Samir hat all das eine biografische Dimension. 1955 wurde der Filmemacher in Bagdad geboren und lebt seit den 60er-Jahren in der Schweiz. Der Geschichte seiner weltweit verstreuten Familie widmete er sich in dem Dokumentarfilm „Iraqi Odyssey“. Mit seinem, wie er es nennt, „staatenlos-humanistischen“ Drama, das den so oft missbrauchten Begriff „Parallelgesellschaften“ hinterfragt, setzt er die Aufarbeitung dessen fort, was ihn gleich einem Schatten verfolgt.

Info: „Baghdad In My Shadow“ (Schweiz, Deutschland, UK 2019), ein Film von Samir, Kamera: Kamera Ngo The Chau, mit Haytham Abdulrazaq, Zahraa Ghandour, Muhanad Waseem Abbas, Maxim Mehmet u.a., 105 Minuten, OmU

Im Kino

https://www.arsenalfilm.de/baghdad-in-my-shadow/index.htm
 

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