Film der Woche

Filmtipp „Bad Luck Banging or Loony Porn“: Ein Sexvideo und die Folgen

Nils Michaelis09. Juli 2021
Vom Vorbild zum Sündenbock: Lehrerin Emi (Katia Pascariu) in der Klemme.
Vom Vorbild zum Sündenbock: Lehrerin Emi (Katia Pascariu) in der Klemme.
Das private Sexvideo einer Lehrerin landet ungewollt im Netz und zieht ein irrwitziges Strafgericht nach sich, das noch ganz andere Themen berührt. Der Berlinale-Filmsieger stellt die Frage: Was sind die wahren Obszönitäten der heutigen Zeit?

Wer offenen Auges durch die Straßen einer Stadt zieht, kann viel über die grotesken Züge unserer Zivilisation lernen. Genau diesen Effekt hat Emis Tour durch Bukarest für die Zuschauenden. Männer in viel zu großen Autos werden schnell aggressiv und vulgär. Eine Frau an der Supermarktkasse muss sich von einer anderen Kundin in der Warteschlange dafür verhöhnen lassen, ihren Einkauf nicht bezahlen zu können. Und immer wieder sehen wir vollgestopfte Regale mit Waren, deren Sinn sich nicht erschließt.

Nicht nur die sommerlichen Temperaturen sorgen für eine aufgeheizte Stimmung. Auch die Pandemie hinterlässt Spuren, wie nicht zuletzt die allgegenwärtigen Masken beweisen. Die durch Rumäniens Hauptstadt hetzende, eher unscheinbar wirkende Emi nimmt das alles kaum wahr. Sie hat andere Sorgen. Ihre Existenz steht auf dem Spiel.

Was ist obszön?

Das besagte Video zeigt die Lehrerin mit ihrem Mann beim ausschweifenden Sex und geht nicht nur in den WhatsApp-Gruppen ihrer Schüler*innen viral. Um zu klären, wie es mit der im Internet als „Porno-Lehrerin“ titulierten Pädagogin weitergeht, wurde ein Elternabend einberufen. Über weite Strecken zeigt der Film, wie sich die angespannte Emi Richtung Schule bewegt und sich währenddessen die Schlinge immer enger um sie legt.

Bei der anschließenden Runde auf dem Schulhof kommt allerdings weit mehr auf den Tisch als ihre erotischen Neigungen. Regisseur Radu Jude präsentiert eine überdrehte Szenerie, die nahelegt, dass weniger die expliziten Szenen des Sexvideos, sondern die kruden Einlassungen der Elternschaft über die rumänische Gesellschaft – stellvertretend für andere moderne Gesellschaften – obszön sind.

Drama und Komödie zugleich

Radu Jude kleidet die Handlung ins Gewand einer lakonisch bis bizarr inszenierten Komödie, verlässt diese Form aber auch immer wieder. Das erste Kapitel bietet den Einstieg in Emis Drama und hastet mit ihr dem Showdown in der offenbar vor allem von gut situierten Kindern besuchten Schule entgegen. Dem Kaleidoskop von Zufallsbegegnungen im urbanen Gedränge folgt im zweiten Kapitel eine essayistische Aneinanderreihung von Szenen zu Stichworten der rumänischen Geschichte und Gegenwart.

Diese Schlaglichter bilden das Fundament für die Quintessenz von Kapitel drei: die wilden Vorwürfe, mit denen die Eltern die Lehrerin konfrontieren. Plötzlich ist sie der Sündenbock für alles, was die aufgebrachte Menge für „progressiv“, ergo verderblich hält. Fragen wie „Sind Sie etwa Jüdin?“ zeigen, wie präsent die dunkelsten Seiten von Rumäniens Historie noch immer sind.

Ein Film ohne Tabus

Radu Judes bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneter Film kennt keine Tabus. Weder inhaltlich, noch konzeptionell, noch ästhetisch. Für diesen Zugriff ist der rumänische Künstler bekannt. Man denke nur an die ebenfalls preisgekrönte Tragikomödie „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ über eine Theaterperformance, die Rumäniens Rolle im Zweiten Weltkrieg und beim Holocaust aufarbeitet.

Allerdings werden all die Überspitzungen immer wieder durch Bezüge zum realen Geschehen in Europa geerdet. Manch eine reaktionäre Einlassung, die Emi über sich ergehen lässt, kommt einem angesichts des Rechtsrucks in einigen EU-Staaten und auch im Hinblick auf Wortbeiträge von AfD-Politiker*innen hierzulande merkwürdig vertraut vor.

Skizzenhafter Heimatfilm nicht ohne Moral

Das essayistische Zwischenspiel in der Filmmitte mag dem Erzählfluss abträglich sein, jedoch entsteht erst so der geistige Überbau dieses Films, der Fragment bleibt. Dem 1977 geborenen Regisseur geht es nicht um Endgültigkeit, weder im Sinn einer in sich geschlossenen Geschichte noch eines moralischen Urteils. Freilich lässt sich hinter dieser Uneindeutigkeit und der offenen Form durchaus ein moralischer oder geistiger Standpunkt vermuten.

Diese Komödie, die sich einer klaren Form verweigert, soll als „Skizze eines Heimatfilms“ verstanden werden. Genau dieses Skizzenhafte, das viel Raum für Deutungen lässt, macht den Reiz dieses auf ungewohnte Weise sehr vielsagenden und mit Zumutungen nicht geizenden Films aus, der obendrein auch ein experimenteller Spiegel der mitunter hitzigen Corona-Zeit ist.

Info: „Bad Luck Banging or Loony Porn“ (Rumänien/Luxemburg/Tschechische Republik/Kroatien 202,1 ein Film von Radu Jude, mit Katia Pascariu, Claudia leremia, Olimpia Malai, Nicodim Ungureanu u.a., 106 Minuten, FSK ab 18 Jahren

https://www.neuevisionen.de/

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