Film der Woche

Filmtipp „Atomkraft Forever“: Der Reaktor als Beziehungsgeschichte

Nils Michaelis17. September 2021
Alltag: In Gundremmingen gehört das Atomkraftwerk selbstverständlich dazu.
Alltag: In Gundremmingen gehört das Atomkraftwerk selbstverständlich dazu.
Auch nach dem Atomausstieg wird Deutschland noch über Generationen mit der Kernenergie zu tun haben. Der Dokumentarfilm „Atomkraft Forever“ spürt dem nuklearen Zeitalter an vielerlei Orten nach und wagt einen Blick in die Zukunft.

Für viele Menschen in Gundremmingen ist das Atomkraftwerk so wichtig wie die Kirche im Dorf. Und so lieb und teuer wie ein Verwandter, den man nicht verlieren möchte. Auf jeden Fall eine Institution, die neben dem großen Fortschrittsversprechen auch ziemlich viel Geld in die bayerisch-schwäbische Provinz gebracht hat. Abschiedsschmerz und Nostalgie liegen in den Worten einer Wirtin, wenn sie vor der Kamera von früher erzählt. Voraussichtlich Ende dieses Jahres geht der letzte Block des 1966 errichteten AKW vom Netz. Dabei wird es nicht bleiben: Bis Ende des kommenden Jahres werden sämtliche sechs in Deutschland noch aktiven Kernkraftwerke abgeschaltet.

Der Ausstieg aus der atomaren Energieerzeugung bedeutet allerdings keinesfalls das Aus des Atomzeitalters in der Bundesrepublik. Allein deswegen nicht, weil diese nicht nur von Lobbyisten so titulierte „saubere Energie“ beachtliche Mengen strahlenden Mülls hinterlässt. Noch immer ist kein Endlager gefunden, um diese Hinterlassenschaften für eine Million Jahre sicher aufzubewahren. Im Film wird die Zahl von 1.900 Castorbehältern genannt. Es ist einer von vielen Momenten, in denen es Zuschauenden leicht gemacht wird, über die Vorstellungskraft, aber auch dank zentraler Fakten einen Zugang zum erschöpfend diskutierten, und dennoch häufig sehr abstrakten Thema Atomausstieg zu finden.

Andere Länder wollen vom Atomausstieg nichts wissen

Das Werk des Hamburger Dokumentarfilmers Carsten Rau widmet sich aber nicht nur den Langzeitfolgen der nuklearen Energiewirtschaft in Deutschland. Der Titel (deutsch: „Atomkraft für immer“) schlägt die Brücke zu einem weiteren Aspekt: Während hierzulande die letzten Reaktoren stillgelegt werden, denken viele andere Länder gar nicht daran. Von 27 EU-Staaten betreiben 13 Atomkraftwerke. Und der Ausbau geht weiter, vor allem in Frankreich. Dort glauben viele noch an das Versprechen, dass Atomstrom den Wohlstand sichert. In einem südfranzösischen Kernforschungszentrum schauen wir Forscher*innen über die Schulter, die daran arbeiten, Kernreaktoren, wie sie sinngemäß sagen, noch besser und sicherer zu machen. Wollten wir nicht immer schon mal sehen, wie gebrauchte Brennstäbe von innen aussehen? Während Rau an diesem Ort einen Forscher*innengeist einfängt, der atomkritische Fragen der Gegenwart durchaus mitdenkt, wirkt die Konferenz junger Nuklearingenieur*innen in der Zentrale des Atomkonzerns Areva in Paris völlig aus der Zeit gefallen. Deutschlands Atomausstieg erntet dort Kopfschütteln. Ein ähnliches Wechselbad der Eindrücke bietet sich bei der Tour durch das seit 1995 im Rückbau befindliche Kernkraftwerk Greifswald oder im Atommüllzwischenlager Gorleben.

In Interviews macht Carsten Rau keinen Hehl aus seiner kritischen Meinung zur Kernenergie. Feine Nuancen machen diese Haltung auch im Film erkennbar. Unterm Strich bleibt es aber dem Publikum überlassen, sich ein eigenes Bild zu machen oder sich einem solchen zumindest anzunähern. Futter gibt es dafür reichlich: Vor allem Interviews mit Menschen, die auf verschiedenste Weise mit dem Atom verbunden sind – sei es als Unterstützer*in oder als Gegner*in. Aber auch Filme aus Ost und West, entstanden während der Hochphase des Atomzeitalters. Sie nehmen die Argumente heutiger Befürworter vorweg, sind manchmal aber auch unfreiwillig komisch. Zwischendurch bündeln eingeblendete Textpassagen wichtige Fakten.

Die psychologischen Folgen des Umbruchs

Der Film gewinnt auch dadurch, dass viele Gesprächspartner*innen viel mehr sind als das: Sie sind Akteure einer Erzählung. Als solche bekommen sie viel Raum, um zu beschreiben, wie und warum sie so eng mit der Atomenergie – oder auch mit einem konkreten Kraftwerk – verbandelt sind. So wird der Atomausstieg auch auf psychologischer Ebene greifbar. Dass man diesen Geschichten als Elementen eines großen Ganzen so gerne folgt, liegt aber auch an der Bildsprache. Im Wechselspiel von Totalen, Halbtotalen und Drohnenaufnahmen wird die besondere Atmosphäre der Schauplätze subtil eingefangen. Das wie ein gestrandetes Raumschiff in der Landschaft liegende Atomkraftwerk Greifswald erweist sich als besonders dankbares Motiv.

Klar in der Haltung, aber offen und empathisch im Stil: „Atomkraft Forever“ ist der richtige Film  zu richtigen Zeit. Weil es darum geht, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie komplex der Atomausstieg als gesellschaftlicher Prozess, aber auch im Hinblick auf die Sicherung der Energieversorgung, ist. Rau konfrontiert Gegner und Befürworter der Kernenergie mit unbequemen Aspekten. Dass diese Materie bis hin zu kleinsten Verästelungen äußerst unterhaltsam und atmosphärisch aufbereitet wird, ist ein weiterer Pluspunkt.

Info: „Atomkraft Forever“ (Deutschland 2020), ein Film von Carsten Rau, Kamera: Andrzej Król, Schnitt: Stephan Haase, 94 Minuten.

https://www.camino-film.com/filme/atomkraftforever/

Im Kino

 

weiterführender Artikel