Film der Woche

Filmtipp „Aggregat“: Die gestörte Beziehung zwischen Politik und Bürgern

Nils Michaelis30. November 2018
Immer wieder Dresden: Pegida-Anhänger im Clinch mit Journalisten.
Immer wieder Dresden: Pegida-Anhänger im Clinch mit Journalisten.
Was läuft schief zwischen Politik und Bevölkerung in Deutschland? Der Dokumentarfilm „Aggregat“ versammelt beunruhigende Einblicke aus vielerlei Perspektiven, verzichtet aber auf Erklärungen.

Ob sogenannte Wutbürger oder zunehmend von Krawall und kalkuliertem Tabubruch geprägte politische Debatten: Mitunter beschleicht einen das Gefühl, dass sich im demokratischen Miteinander etwas verschiebt. Und niemand weiß, wohin das Ganze führt. Ist die Demokratie in Gefahr, wenn immer mehr frustrierte Menschen auf der Straße und Rechtspopulisten in den Parlamenten gegen das „System“ hetzen?

Derlei Fragen beschäftigten auch die Regisseurin Marie Wilke („Staatsdiener“), als sie begann, an  „Aggregat“ zu arbeiten. Es war zu einer Zeit, als AfD und Teile von CDU und CSU begonnen hatten, das Thema Zuwanderung zur Überlebensfrage dieser Republik zu stilisieren. Zwischen den Jahren 2016 und 2017 begleitete die 44-jährige Filmemacherin Politiker und Journalisten, um dem, wie sie sagt, „Beziehungsproblem“ zwischen Politik und Bevölkerung nachzugehen. Ihr besonderes Interesse galt dabei den Rollenbildern von Politikern, vergangenen Demütigungen im Bewusstsein der Bürger sowie Missverständnissen auf beiden Seiten.

Bilder ohne Erklärungen und Botschaften

Der Titel ist nicht im Sinne eines klar definierten Aggregatzustandes gemeint. Vielmehr geht es um ein Ganzes von nicht miteinander verbundenen Teilen. Nach dem Motto: Demokratie ist ein großer Begriff. Aber wie sehen die Einzelteile aus? Wer macht mit und wer nicht? Wie wird über Politik gesprochen? Welche Rolle spielen die Medien dabei? „Aggregat“ ist nicht als dokumentarische Erzählung konzipiert, sondern als eine Sammlung von Bildern, Eindrücken und Bruchstücken der politischen und medialen Gegenwart. Und zwar ohne Erklärungen, von einer klaren Botschaft ganz zu schweigen.

Wilke legt sich nicht fest, damit sich die Zuschauer mittels der unkommentierten Bilder selbst ein Urteil bilden. Dass sie diesen Ansatz in Interviews immer wieder betont, darf wohl als Kritik an den im Film exemplarisch begleiteten Medien verstanden werden. Werden sie ihrer Rolle als Sphäre der Kommunikation zwischen Bürgern und Politikern gerecht?

Frust, Hass und Angst

Ungeachtet jenes offenen Ansatzes folgt der Film einer klaren Struktur. Jedem Schauplatz gilt ein einzelnes Kapitel, das per Schwarzblende vom Rest getrennt wird. Dabei gibt es einige Irritationen auszuhalten. Bei Führungen im Reichstagsgebäude werden simulierte Abstimmungen zur Lachnummer. Im Infomobil des Bundestags in Dresden erleben Mitarbeiter Frust und Hass aufgebrachter Besucher. Bei einem Workshop von Meißener SPD-Kommunalpolitikern zu Strategien des Umgangs mit rechtspopulistischen Thesen ist vor allem Ratlosigkeit zu spüren. Als der Tross von Bundespräsident Joachim Gauck die Dresdner Semperoper erreicht, brüllt die Pegida-Menge „Volksverräter“. Ein Protestierer will Geflüchtete in Käfige sperren. Außerdem ist zu erleben, welche spezifischen Sichtweisen und Interessen mitschwingen, wenn Mitarbeiter von taz, MDR und „Bild“ mit den Gefahren von Rechts zu tun haben.

Es gibt aber auch Szenen, die positiv stimmen. Etwa die Tour mit dem Hallenser SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby durch die Schrebergärten. Ein „Küchentischgespräch“, das Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) an einem Abend im Erzgebirge veranstaltet, zeigt, dass Politiker und Bürger durchaus miteinander in ein ernsthaftes Gespräch kommen können, wenn man sich Mühe gibt. „Objektiv geht es dem Land so gut wie seit 25 Jahren nicht mehr“, sagt Dulig. „Und die Stimmung ist so schlecht wie seit 25 Jahren nicht mehr.“ Warum das so ist, wird eher schemenhaft deutlich.

Zuschauer als Teil des Geschehens

Viele Szenen wurden ganz bewusst mit statischer Kamera ohne klaren Fokus festgehalten, sodass sich das Publikum selbst orientieren muss. Gerade diese nüchterne Ästhetik schafft das Bewusstsein für manch krasses Detail. Mitunter wird die distanzierte Haltung auch aufgegeben, etwa inmitten jenes brüllenden Pegida-Pulks in Dresden. Die Zuschauer wähnen sich als Teil des Geschehens und durchleben besonders gespenstische Momente.

Es bleibt Ansichtssache, ob „Aggregat“ als definitive Momentaufnahme Deutschlands gesehen werden kann. Hierfür hätte Wilke wohl doch deutlicher Position beziehen und sich stärker auf Lösungsansätze konzentrieren müssen. Wohl aber gibt der Film wichtige Hinweise dazu, wo es in dieser gelebten Demokratie knirscht.

 

Info: „Aggregat“ (Deutschland 2018), ein Film von Marie Wilke, 92 Minuten

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