Filmtipp

Film „Zwischen den Stühlen“: Junge Pädagogen im Ausnahmezustand

Nils Michaelis19. Mai 2017
Für immer Brennpunktschule? Katja Wolf plagen schwere Zweifel über ihre berufliche Zukunft.
Für immer Brennpunktschule? Katja Wolf plagen schwere Zweifel über ihre berufliche Zukunft.
Wenn Theorie auf Praxis trifft, beginnt das große Drama: Der Dokumentarfilm „Zwischen den Stühlen“ begleitet drei Lehreranwärter durch ihren Alltag. Er enthüllt mit einer sensiblen und humorvollen Erzählweise so manche Bauchlandung und Existenzkrise.

Viele deutsche Schulen kämpfen mit Lehrermangel, gerade in schwierigen Quartieren. Einer der Gründe ist, dass etliche Pädagogen am Burn-out-Syndrom leiden. Was manch einer belächelt, hat einen ernsten Hintergrund: Eine hohe Zahl an Lehrern ist ihrem Job nicht gewachsen oder einfach ungeeignet dafür. Schätzungen gehen von 25 bis 40 Prozent aus.

Böses Erwachen im Schulreferendariat

Viele merken das erst, wenn es zu spät ist. Zum Beispiel, wenn sie nach dem Studium im zweijährigen Referendariat ihre praktische Ausbildung durchlaufen. Was für ein Kontrast zu den Jahren an der Uni, wo ihnen fast ausschließlich theoretisches Wissen vermittelt wurde!

Was geht in den Referendaren vor, wenn sie zum ersten Mal auf Schüler losgelassen werden? Und was bedeutet es für die Kinder, von diesen auf vielen Gebieten unerfahrenen Menschen auf das Leben vorbereitet zu werden? Das fragte sich Regisseur Jakob Schmidt.

Die Schulausbildung muss sich ändern

Für das Lehrerkind steht fest: Die Lehrerausbildung in Deutschland muss sich grundlegend ändern, also mehr Praxisbezug bekommen. Auch damit dem pädagogischen Nachwuchs von morgen jene Existenzängste erspart bleiben, die die Protagonisten seines mehrfach ausgezeichneten Langfilmdebüts plagen.

Drei Jahre lang, vom ersten Schultag bis zur Abschlussprüfung, begleitete der 1989 geborene Filmemacher eine Gruppe von Berliner Referendaren. Drei von ihnen finden sich in dem Film wieder. Ganz bewusst entschied sich Schmidt für „Überzeugungstäter“, die sich zum Wagnis des Lehrerberufs berufen fühlen, anstatt sich aus Mangel an Alternativen dafür entschieden zu haben. Umso heftiger fällt so manche Bauchlandung aus.

Tägliches Chaos in der Brennpunktschule

Katja Wolf ist Tochter einer Lehrerin und unterrichtet an einer Gesamtschule. Je länger sie sich im täglichen Chaos der sogenannten Brennpunktschule behaupten muss, desto größer werden die Zweifel, ob der Job der richtige ist.

Ganz anders Ralf Credner. Mit einer fast schon bräsig anmutenden Selbstsicherheit sucht der angehende Gymnasiallehrer im Deutschunterricht den geistigen Anspruch. Tatsächlich ist er ein Gestrauchelter: Als Schulverweigerer flog er vom Gymnasium und machte sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Seine Schüler versucht er zu animieren, pragmatisch durchs Leben zu gehen.

Beliebt bei den Schülern, nicht bei den Ausbildern

Gänzlich idealistisch agiert die Grundschullehrerin Anna Kuhnhenn. Sie sieht sich als Verbündete der Kinder, klagt darüber, wie sie im Schulleben eingeengt werden, anstatt in ihrer Individualität und Kreativität gefördert zu werden. Ihr Mangel an Distanz macht sie beliebt bei den Kleinen, verschafft ihr aber einige Probleme bei den Ausbildern.

Es geht um verschiedene Probleme und Temperamente: Doch alle drei eint die merkwürdige Erfahrung, Noten zu geben und zugleich selbst benotet zu werden. Oder Kinder zum Stillsitzen zu ermahnen und später vom Ausbilder wegen Unaufmerksamkeit angezählt zu werden. Also zwischen den Stühlen zu sitzen.  „Eigentlich bin ich nur ein halber Lehrer“: Mit diesen Worten stellt sich Credner bei seinen Schülern vor.

Dramatik vor der Examensprüfung

Es sind im Grunde genommen alltägliche, alles andere als außergewöhnliche Szenen, möchte man zunächst meinen. Doch wenn sich die drei Protagonisten gegenüber älteren Kollegen für ihre Methoden rechtfertigen müssen, geht es dabei immer auch um ihr Selbstverständnis, als Mensch wie als Amtsperson. Und das kann durchaus dramatische und existenzielle Züge annehmen.

Nicht nur, aber gerade, wenn die Examensprüfung ansteht, wie nicht zuletzt die Einzelinterviews zeigen. Schon der Selbstzweifel an sich ist so ungewohnt wie aufschlussreich: Schließlich kollidiert er mit dem Credo der Ausbildung, sich bloß nicht zu hinterfragen, wenn man junge Menschen formen soll. Die wenigsten Zuschauer dürften ihre eigenen Lehrer jemals in einer derartigen Verfassung erlebt haben.

Ist Deutschlands Bildungssystem noch zeitgemäß?

Mit einer ebenso sensiblen wie humorvollen Erzählweise blickt der Film hinter die Kulissen einer Institution, die über die Zukunft einer ganzen Generation von Kindern entscheidet. Schmidt drehte mit einem minimalen Team und die Kamera bleibt meist auf Distanz, und doch überrascht es, wie unbefangen Kinder und Lehrende agieren. Ist Deutschlands Bildungssystem noch zeitgemäß? Diese Frage schwingt bei den Beobachtungen immer mit. Dass Lehrer viel früher und umfassender auf das echte Leben vorbereitet werden müssen, liegt nach dieser knapp zweistündigen Doku auf der Hand.

 

Info: „Zwischen den Stühlen“ (Deutschland 2016), ein Film von Jakob Schmidt, 102 Minuten.

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