Interview mit Ilona Ziok zur Doku über Fritz Bauer

„Dieser Film hat mich sehr viel Kraft gekostet“

19. Juli 2010

vorwärts.de: Frau Ziok, wie kamen Sie dazu, einen Film über Fritz Bauer zu machen?

Ilona Ziok: Ich bin auf Bauer gestoßen, als ich für meinen Film "Der Junker und der Kommunist" recherchierte. Darin geht es um zwei Männer, die Hitler Widerstand leisteten: den
Kommunisten Fritz Perlitz und den Grafen Carl-Hans Hardenberg, der zu den Verschwörern gehörte, die das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 geplant hatten. Dabei habe ich erfahren, dass es
einem gewissen Dr. Fritz Bauer als Generalstaatsanwalt von Niedersachsen gelang, die Attentäter des 20. Juli in dem so genannten Remer-Prozess 1952 in Braunschweig zu rehabilitieren; keine
leichte Aufgabe, da solche Verfahren damals mehr als unerwünscht waren.

Sie kannten ihn vorher gar nicht?

Nein, ich habe Abitur in Frankfurt am Main gemacht und mir war Fritz Bauer nicht bekannt. Das war für mich ein ziemlicher Schock, weil ich meinte, ein gebildeter Mensch zu sein, aber von
ihm noch nie etwas gehört hatte.

Zwar gehöre ich einer anderen Generation an, aber das ist keine Entschuldigung. Wenn so ein Mann in einer Stadt wie Frankfurt tätig war, dort Aufsehen erregende Prozesse führte und andere
wichtige Dinge in der Politik bewirkte, dann muss er doch präsent sein!

War es schwierig, die richtigen Gesprächspartner zu finden?

Die Leute zu finden war nicht so schwer. Hatte ich einen, verwies der mich auf den nächsten. Einige hatten Berührungsängste und fragten sich wohl, was das für ein Film würde, weil Bauers
Tod Rätsel aufgibt - bis heute.



Wann haben Sie mit der Arbeit an dem Film begonnen?


2003 / 2004. Ich habe fünf, sechs Jahre daran gearbeitet. Dieser Film hat mich sehr viel Kraft gekostet.

Was war so schwierig daran?

Die Finanzierung. Ich habe mich um fast jede Filmförderung bemüht, aber viele Absagen erhalten.

Hatten Sie mit diesen Schwierigkeiten gerechnet?

Nein, weil ich zuvor einen Film gemacht habe, der um die Welt ging: "The Sound of Silents - Der Stummfilmpianist" über den letzten authentischen Stummfilmbegleiter der 20er Jahre Willy
Sommerfeld gibt es inzwischen in 17 Sprachen und er trägt sogar das Prädikat "filmhistorische Sensation". Normalerweise erhält ein Regisseur nach so einem Erfolg problemlos Geld für sein nächstes
Projekt. Bei dem Film über Fritz Bauer war das nicht der Fall.

Und wie erklären Sie sich das?

Fritz Bauer war kein Nazi-Opfer, sondern jemand, der Nazi-Täter zur Rechenschaft zog. Dafür wurde er im Nachkriegs-Deutschland sofort mit dem Beinamen "Nestbeschmutzer" belohnt. Vielleicht
verbindet man das immer noch mit seinem Namen?

Viele nannten ihn auch "Rächer". Ein Titel der Ihnen missfällt?

Man muss sich vorstellen, was für eine Zeit das war: Fast jede Familie war vorbelastet, beinahe überall gab es noch Nazis, die nie zur Rechenschaft gezogen worden waren. Wie auch anders.
Nicht so viele waren im Widerstand…

Und dann kommt da einer zurück, ein Jude, der den Gaskammern entkommen ist, und der plötzlich in hoher Position war. Bauer war ein Fremder für die meisten Bundesbürger und sie hatten das
Gefühl: "Dieser Überlebende kommt und will über uns richten."

Dabei hat er im Remer-Prozess sogar vergessen, überhaupt ein Strafmaß zu beantragen. Ihm ging es nicht darum, Generalmajor Remer zu bestrafen, der durch die Lande zog und die Attentäter des
20. Juli verunglimpfte, sondern er nutzte diese Verunglimpfung, um die Widerständischen zu rehabilitieren, indem er bewies, dass man gegen einen Unrechtsstaats keinen Vaterlandsverrat begehen
kann.

Wie nennen Sie Fritz Bauer, wenn er kein Rächer war?

Er war ein Generalstaatsanwalt, der sich bewusst war, dass man die deutsche Schuld nicht vergraben kann. Man kann die Geschichte nicht abschneiden, nicht sagen: Jetzt beginnen wir neu mit
der Demokratie, aber mit den ganzen alten Nazis im Boot. Bauer wollte, dass Deutschland zu dem steht, was passiert ist.

Aber damals wurde Auschwitz verschwiegen, es hat niemanden interessiert, was passiert ist. Die Dokumente, die als Beweise für den Auschwitz-Prozess gebraucht wurden, kamen größtenteils aus
Polen, trotz des Kalten Krieges gab es da eine gute Zusammenarbeit.

Ihr Film trägt neben dem Namen Fritz Bauers den Zusatz "Tod auf Raten". Warum?

Ich finde, dieser Titel trifft genau Bauers Leben im Nachkriegsdeutschland.

Das hört sich nach einem langsamen Sterben vor dem Sterben an. Deprimierend.

Genau, es geht um den Prozess seines Sterbens. Sterben nicht im physischen Sinne, sondern in jeder Hinsicht. Mein Film zeigt das langsame Sterben Fritz Bauers, nicht nur als Person, auch in
seiner Funktion.

Das Sterben seiner Arbeit, könnte man auch sagen. Wie die Gesellschaft, vor allem aber die Justiz, ihn dorthin gebracht haben, wo sein Leben endete. Aber heute sieht man überall, dass seine
Ideen überlebten! Daher auch der Satz des Neffen am Ende des Films: "But he won." - Damit meint er Bauers Rolle als Wegbereiter für unsere heutige Demokratie.



Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt.


Ein natürlicher Tod ist ausgeschlossen. Ich kenne die Gutachten: Bauer hatte fünf Schlaftabletten im Magen, von denen zwei bereits tödlich waren. Außerdem zwei Promille Alkohol, obwohl er
nie getrunken hat. Da fragt man sich, wie kam das alles in seinen Magen. Vieles spricht gegen Selbstmord, so sagen etwa seine Freunde, ein Fritz Bauer hätte sich niemals nackt zum Sterben in die
Wanne gelegt, denn er war sehr prüde. Mord kann man aber auch nicht nachweisen, denn als die Ermittler kamen, war die Wohnung aufgeräumt und leer, alle Unterlagen verschwunden. Dubios ist auch,
dass keine Obduktion nach dem Strafgesetz veranlasst wurde.



Was üblich gewesen wäre.


Ja, absolut. Das sagen Staatsanwälte, und Bauers Testamentsvollstrecker wiederholt es gleich zweimal, dass das üblich gewesen wäre.

Bauers Neffe sagt in ihrem Film: Gründe genug, ihn umzubringen, hätte es gegeben. Bauer hat zu Lebzeiten viele Morddrohungen und Schmähungen erhalten. Hat er nach Ihrer Einschätzung denn
mit diesem Widerstand, der ihm und seiner Arbeit entgegengebracht wurde, gerechnet?


Ich glaube, am Anfang nicht. Als er nach Deutschland zurück kam, dachte er wohl, alle würden an einer Aufarbeitung der NS-Verbrechen interessiert sein. Er wurde eines Besseren belehrt. Er
hat wegen der Morddrohungen sogar eine Pistole getragen. Aber an die deutsche Jugend hat er geglaubt.

Vor allem in der Justiz saßen aber viele ehemalige NS-Funktionäre.

Bauer war umgeben von Nazis. Er wusste selbst nicht, wer für und wer gegen ihn war. Das zeigt die Braunbuch-Affäre, die ich leider nicht mehr im Film untergebracht habe. Die DDR hatte zur
Buchmesse 1967 in einer Neuauflage die Namen ehemaliger NS-Täter und ihre aktuelle Funktion herausgebracht. Bauer, zu der Zeit hessischer Generalstaatsanwalt, war gerade nicht in Frankfurt und
sein Stellvertreter ließ das Buch beschlagnahmen, obwohl er dazu nicht befugt war. Ausgerechnet Bauer, der dies nie zugelassen hätte, wenn er davon gewusst hätte, wurde dafür dann angegriffen.
Heute weiß man, dass fast alle Anschuldigungen im Braunbuch zutreffend waren.



"Fritz Bauer - Tod auf Raten" hat eine große Resonanz hervorgerufen - obwohl er noch gar nicht richtig angelaufen ist. Er wurde bei der Berlinale gezeigt, da waren alle Vorstellungen
ausverkauft, außerdem gibt es bundesweit Sondervorführungen, auch in den Justizbehörden.


Ja, der Film war wohl einer der gefragtesten Filme der Berlinale, wie man uns informierte. Damit hätte keiner von uns gerechnet, nachdem die Finanzierung so schwierig war. Und es waren
nicht nur ausländische Berlinale-Besucher, sondern deutsche Cineasten und vor allem auch ein junges Publik, die kamen um den Film zu sehen.



Das ist eine schöne Bestätigung, oder?


Ich denke das zeigt, dass ich richtig lag, mich nicht beirren zu lassen. Obwohl mir jeder gesagt hat: ,Mach´s Dir doch nicht so schwer. Mach doch einen Film, den Du leichter finanziert
bekommst.´ Aber bei jeder Schwierigkeit dachte ich mir: Jetzt erst Recht.

Warum ist Ihnen dieser Film so wichtig?

Weil man im Rückblick sieht, wie klar und richtig Fritz Bauer gedacht hat - für die Zukunft der Demokratie. Das war für mich das Wichtige. Und ich hoffe, dass der Film dazu beiträgt, dass
man sich mit seiner Arbeit als Jurist noch intensiver und viel mehr beschäftigt. Bauer hat nämlich unglaublich viel publiziert.

Warum ist die Beschäftigung mit Fritz Bauer heute noch nötig?

Die deutsche Demokratie wäre ohne Bauer nicht die, die sie jetzt ist, denn sein Einsatz für sie hat ein Umdenken bewirkt.

Stellen Sie sich vor, es hätte den Auschwitz-Prozess nicht gegeben, die Euthanasie-Prozesse nicht. Hier war Fritz Bauer der Wegbereiter für eine kritische Auseinandersetzung mit der
Geschichte des Nationalsozialismus und deren Tätern, aber auch Wegbereiter der Politik der "Wiedergutmachung", das heißt für die Anerkennung der Opfer des NS-Unrechtsregimes. Mit dem Prozess
gegen Remer hat Bauer die Anerkennung des NS-Regimes als Unrechtregime erreicht und eine Neubewertung des Widerstands vom 20. Juli als Ausdruck von Zivilcourage und Widerstandsrecht etabliert.
Den Mutigen, die damals gegen Hitler ihr Leben aufs Spiel setzten ist endlich Gerechtigkeit widerfahren.

Heute ist dies ein anerkannter Teil der öffentlichen Erinnerungspolitik.

Diesen Wandel und noch viel mehr verdanken wir Fritz Bauer. Ich hoffe, dass der Film dazu beiträgt, dies zu verstehen. Überlegen Sie, wo wäre unser Land heute ohne Dr. Fritz Bauer? Ich
möchte gar nicht darüber nachdenken, ich wäre bestimmt nicht in Deutschland.

Ilona Ziok wurde in 1968 in Polen geboren und ist in England, Deutschland und Frankreich aufgewachsen. Sie studierte Film, Theater und Politik in Frankfurt, New York und
Moskau. Seit 1990 hat die Dokumentarfilmerin eine eigene Produktionsfirma. Ilona Ziok lebt in Berlin.

Filme: "Kurt Gerrons Karussell" (Deutschland, 1999), "The Sound of Silents - Der Stummfilmpianist" (Deutschland, Tschechien, 2005), "Der Junker und der Kommunist" (Deutschland,
2009), "Fritz Bauer - Tod auf Raten" (Deutschland, 2010)

Links:

www.fritz-bauer-film.de

www.fritz-bauer-institut.de