In einem Land, das es nicht mehr gibt

Film über die DDR-Modebranche: Der Teufel trägt nicht Prada

Kai Doering06. Oktober 2022
Gegen alle Widerstände: Suzie, kritisch beäugt von ihren Kolleginnen im Kabelwerk.
Gegen alle Widerstände: Suzie, kritisch beäugt von ihren Kolleginnen im Kabelwerk.
Regisseurin Aelrun Goette beleuchtet ein bisher weitgehend unbekanntes Kapitel der DDR-Geschichte. „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ zeigt sie die Modebranche im Arbeiter- und Bauernstaat – und wirft große menschliche Fragen auf.

Hätte sie nur das Buch nicht dabeigehabt. Als die zwei Volkspolizisten die 18-jährige Suzie (Marlene Burow) wegen eines Aufnähers auf ihrer Jacke stoppen und ihre Tasche durchsuchen, halten sie es sofort in der Hand: „1984“ von George Orwell, ein in der DDR verbotenes Werk. Am Ende kann Suzie froh sein, dass sie nicht ins Gefängnis kommt, doch der Traum vom Studium und der Karriere als Schriftstellerin ist passé. Stattdessen heißt es Bleche bohren im Kabelwerk Oberspree.

Die Model-Karriere als Weg in die Freheit

Für Suzie ist schnell klar: Sie muss hier raus. Aber wie? Eine zufällige Begegnung ebnet ihr den Weg in die Freiheit. Bei einer Straßenbahnfahrt fotografiert sie ein Mann mit Oberlippenbart und Lederjacke durch die Scheibe. Kurz darauf erscheint das Foto in der „Sibylle“, der „Vogue des Ostens“. Aus Suzie wird – kritisch beäugt vom Vater und den Kolleginnen im Kabelwerk – ein „Mannequin“. Den Begriff „Model“ gab es in der DDR nicht.

Doch das vermeintlich leichte, freie Leben bringt neue Einschränkungen für Suzie mit sich. Nach einem Auftritt auf der Messe in Leipzig wird die Stasi auf die junge Frau aufmerksam, will sie über ihre neuen Freunde, den Fotografen „Coyote“ und den Kostümbildner Rudi ausfragen. Für die Karriere soll sich Suzie als IM verpflichten. Als Coyote, dessen Fotos aus politischen Gründen in der DDR nicht gedruckt werden dürfen, in den Westen geht und Rudi von der Stasi verhaftet und zusammengeschlagen wird, muss Suzie sich entscheiden.

Die DDR mit anderen Augen sehen

33 Jahre nach dem Mauerfall wirft „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ einen intimen Blick auf einen medial bisher sehr unterbelichteten Bereich der DDR-Geschichte: die Modebranche. Mit dem Segen und auf Geheiß des Politbüros tourten Mannequins durch das Land, um die Mode des Arbeiter- und Bauernstaates zu präsentieren und Wohlfühlatmosphäre zu verbreiten. Die Mode war politisch.

„Ich habe gespürt, dass das Thema eine wunderbare Möglichkeit bietet, den Blick auf den Osten zu erweitern“, sagt Drehbuchautorin und Regisseurin Aelrun Goette, die selbst einige Jahre für den „VHB Exquisit“ und die „Sibylle“ als Mannequin arbeitete. Ihr Film enthält viel Autobiografisches. Vieles beruht auf wahren Begebenheiten. Sie wolle die „Menschen einladen, die untergegangene DDR auch mal mit anderen Augen zu sehen“, sagt Goette. Das ist ihr gelungen.

Und dann fällt die Mauer

Das liegt vor allem an den tollen Schauspieler*innen wie Jördis Triebel, die Suzie im Kabelwerk unter ihre Fittiche nimmt, oder Claudia Michelsen, die – leicht diabolisch – die Chefredakteurin der „Sibylle“ verkörpert. Der Teufel trägt hier nicht Prada. Als sie von einer erfolgreichen Modenschau aus Leipzig zurückgekommen sind, fragt sie Suzie rhetorisch: „Was ist es dir wert, deinen Traum zu leben?“ Es ist die Frage, die über dem gesamten Film thront.

Ein anderer prägender Satz stammt von Rudi, der mit einer Underground-Gruppe eine alternative Modenschau plant – und sie am Ende mit Suzies Hilfe auch umsetzt. Kurz nachdem Coyote „rübergemacht“ hat, sagt er zu Suzie: „Entweder du bist frei, dann bist du es überall. Sonst nutzt dir auch der Westen nichts.“ Drei Monate später fällt die Mauer.

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