vorwärts-Debatte

Feministische Vaterschaft: Alles andere wäre unanständig

Nils Pickert05. Oktober 2017
Grillen ist nur etwas für echte Männer? Je mehr wir uns auf stereotype Rollenbilder und sexistische Strukturen ein- und verlassen, umso beengter wird unser Weltbild, meint Nils Pickert – und plädiert deshalb für die feministische Vaterschaft.
Grillen ist nur etwas für echte Männer? Je mehr wir uns auf stereotype Rollenbilder und sexistische Strukturen ein- und verlassen, umso beengter wird unser Weltbild, meint Nils Pickert – und plädiert deshalb für die feministische Vaterschaft.
Sollten Väter ihre Kinder feministisch erziehen? Auf jeden Fall, meint Nils Pickert, Chefredakteur von „Pinkstinks“ und Vater von zwei Mädchen und zwei Jungen. Alles andere wäre unanständig. Ein Plädoyer

Momentan wird viel von und über Töchterväter geredet. Zum Beispiel hat sich der Autor und Moderator Nilz Bokelberg unlängst in einem Beitrag für die „Zeit“ zu Wort gemeldet und geschildert, wie ihm kurz vor der Volljährigkeit seiner Tochter aufgegangen ist, dass Gleichberechtigung längst nicht erreicht ist. Und auch Martin Schulz hat im Bundestagswahlkampf per Kurznachrichtendienst Twitter verlauten lassen, dass ihn der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen als Vater einer Tochter wütend macht und er abgeschafft werden muss.

Als Vater einer Tochter sieht man vieles anders

So weit, so gut. Meinungsstarke, einflussreiche Männer, denen in der Öffentlichkeit ein Podium geboten wird, nutzen diese Gelegenheit, um sich für Geschlechtergerechtigkeit stark zu machen. So gut dann wiederum auch nicht. Gerade die Seite, von der sich die Verfasser und wohl auch manch anderer Applaus versprochen haben, ist allenfalls mäßig beeindruckt, wenn nicht gar unterwältigt. „Töchter hätten lieber eine Welt, in der sich Männer einfach so für andere (auch für Frauen!) interessieren“, formulierte in diesem Zusammenhang eine kluge feministische Bloggerin.

Einfach so im Sinne von: Einfach so aus Wertschätzung für andere, die diskriminiert und denen ihre Rechte vorenthalten werden. Aber auch im Sinne von: Einfach so aus Wertschätzung für einen selbst, weil man in einer diskriminierenden, entrechtenden Gesellschaft immer Gefahr läuft, der oder die Nächste zu sein. Trotzdem kenne ich dieses Gefühl als Vater von zwei Töchtern nur zu gut. Es fühlt sich anders an, etwas über das Rockverbot an einigen deutschen Schulen zu lesen, als tatsächlich Vater einer zwölfjährigen Tochter zu sein, der man ständig meint mitteilen zu müssen, wie sie sich gefälligst zu kleiden habe.

Feminismus ist nicht die Verteidigung von Privilegien

Frauen und Mädchen, so scheint es, sind Bomben, deren Detonationskraft im sozialen Gefüge vorausschauend entfernt werden muss: Trag das nicht, gib dich nicht so aufreizend, geh nicht dorthin, sei lieb, hab nicht zu viel Sex, lass dich nicht vergewaltigen! Dass sie angesichts der permanenten Zurichtungsversuche auf entschärfte, genehme Versionen ihrer selbst nicht gerade in Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn Mann dann doch mal auf den Trichter kommt, sollte nicht verwunden.

Vielmehr müsste klar sein, dass Feminismus sich nicht darin erschöpfen kann, die eigenen und über Freund*innen und Angehörige erweiterten Privilegien zu verteidigen. Quotenregelungen erst dann diskutieren zu wollen, wenn das eigene Töchterchen trotz Topausbildung ständig ins Hintertreffen gerät, heißt eben auch, zu lange nicht diskutieren zu wollen. Trotzdem sollte man das Potential von persönlich betroffenen Vätern nicht verschenken. Übrigens auch nicht die von Jungsvätern.

Auch Jungen profitieren vom Aufbrechen von Klischees

Als Vater von zwei Söhnen weiß ich zudem, dass diese Problematik in gewisser Weise auch Jungen betrifft. Sie mögen zwar wie ich privilegiert aufwachsen, sind dabei aber doch unfrei: Reiß dich zusammen, hör auf zu heulen, zieh das durch, geh ran, greif, sei ein Mann, nicht weich, nicht zart, nicht verletzlich Sei kein Mädchen und vor allem nicht schwul!

Je mehr wir uns auf stereotype Rollenbilder und sexistische Strukturen ein- und verlassen, umso beengter wird unser Weltbild. Lediglich die Freiheit, unser Sozialverhalten nicht an die Realität anpassen zu müssen, bleibt davon unberührt. Wir wollen nicht darauf verzichten, unsere alltäglichen Interaktionen im Autopilot ablaufen zu lassen. Führungsstarke Frauen und zart-weiche Männer? Nix da: Hier Venus, da Mars, das wurde schließlich so festgelegt. Updates sind nicht vorgesehen. Es ist als würden wir mit einem völlig veralteten Betriebssystem operieren und uns trotz quälend langsamer Geschwindigkeit, zahlloser Bugs und ständiger Abstürze nicht auf eine neuere Version einlassen wollen. Alles so anstrengend und wenig selbsterklärend. Dann lieber nicht.

Und deshalb ja: selbstverständlich feministische Vaterschaft. Anstrengende, aufreibende, immer wieder auch scheiternde, „was bist du nur für ein linksgrünversiffter Feminazi“ Vaterschaft. Alles andere wäre, wie die Berliner Rapperin Sookee einmal bemerkte, angesichts der herrschenden Verhältnisse einfach nur unanständig.

Feminismus – brauchen wir das noch?
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