Belastende Stereotype

Wie der Feminismus Männern das Leben retten kann

Melanie Schröder04. Januar 2018
Weinen
Weinen kann emotional entlastend sein, auch für Männer.
Echte Männer sind stark, hart und mutig. So lautet das Vorurteil über Männlichkeit. Das Problem: Männer übernehmen diese Stereotype, was sie häufig erheblich eingeschränkt. Der Feminismus könnte ihnen helfen, aus dieser Falle zu entkommen.

Im Allgemeinen werden Männer als das privilegierte Geschlecht angesehen, werden ihnen doch Eigenschaften wie Mut, Durchsetzungsvermögen und Stärke bescheinigt. Doch ohne diese These in Abrede zu stellen: Viele dieser Vorurteile über Männlichkeit stellen sich bei genauerer Betrachtung als ziemlich einschränkend heraus. Der britische Autor Jack Urwin hat sich in seinem Buch „Boys don’t cry“ diesen Stereotypen angenommen und berichtet, wie sie Männern Schaden zufügen.

Härte als Wesenszug

Urwin beschreibt in seinem Werk, wie schon kleinen Jungen von Kindesbeinen an beigebracht wird, was es ausmacht, ein Mann zu sein. Der schnell dahin gesagte Satz „Jungen weinen nicht“, den Eltern im Eifer des Gefechts gerne mal fallen lassen, bleibt nicht ohne Folgen. Jungen lernen, alle Formen des emotionalen Ausdrucks zugunsten ihrer Männlichkeit zu vermeiden und weinen als Erwachsene auch dann nicht, wenn es für sie emotional entlastend sein könnte. Denn wer Härte als männlichen Wesenszug verinnerlicht hat, tut sich natürlich schwer damit, Ängste und Schwächen offen zuzugeben, sich gegenüber Freunden und Familie zu öffnen oder ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.  

Der Autor führt die gesundheitlichen Probleme vieler Männer auf Vorurteile über maskulines Verhalten zurück, die belastend sind. Männer leben riskanter und achten weniger auf ihre Gesundheit. Und bringen sich so unter Umständen um Lebensjahre: Sie werden derzeit im Schnitt etwa 78 Jahre alt, während Frauen ein Lebensalter von 83 Jahren erreichen. Auch die ungewöhnlich hohe Selbstmordrate unter Männern basiert laut Urwin auf ihrer emotionalen Verschlossenheit: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Männer das Leben nehmen, ist mehr als dreimal so hoch wie die von Frauen.

Von Generation zu Generation

Auslöser für Urwins Buch über die Bürde der Männlichkeit war der frühe Tod seines Vaters. Dieser erlag einem Herzanfall. Nach seinem Tod stellte man fest, dass er bereits zuvor einen Herzinfarkt gehabt hatte. Offenbar war ihm dieses Problem auch bekannt gewesen: In seiner Jackentasche fand man ein entsprechendes rezeptfreies Medikament. Doch das war für Urwins Vater kein Grund, seiner Familie von seinen Herzproblemen zu erzählen oder sich rechtzeitig in ärztliche Behandlung zu begeben. So ist der Tod seines Vaters für Urwin Ergebnis der Macht der Vorurteile über Männlichkeit, die ihn letztendlich das Leben gekostet haben.

Diese krankmachenden Vorstellungen über Männlichkeit werden von Generation zu Generation weitergegeben. Urwin umschreibt sie als „vererbtes Leiden“: Männer werden von Männern aufgezogen, die ihre Gefühle nicht ausdrücken können und so die „toxische Männlichkeit“ an ihre Söhne weitergeben.

Männliche Genderstereotype

Der Feminismus kann helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen: Steht er doch für die Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen die Genderstereotype, die Frauen – und eben auch Männer – einschränken und belasten. Deshalb können viele Probleme, die durch geschlechtsspezifische Vorurteile entstehen, mit dem Kampf für Gleichberechtigung bekämpft werden. Männer sollten sich also aus purem Eigennutz dazu berufen fühlen, für Gleichberechtigung einzutreten. Und sich als Feministen zu bezeichnen.

Jack Urwin: Boys don’t cry. Nautilus Flugschrift, Hamburg 2017. 232 Seiten, 16,90 Euro

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Kommentare

Ich sehe nicht, dass

Ich sehe nicht, dass Vertreterinnen des Feminismus sich bisher in breiter Linie für Männer eingesetzt hätten - wäre ja toll, wenn es so wäre. Männer sterben etwa sechs Jahre früher als Frauen (Gender Life Gab), sind zu über 90 % von Arbeitsunfällen und Obdachlosigkeit betroffen, haben eine höhere Selbstmordrate, haben wesentlich schlechtere Bildungsabschlüsse (nur noch etwa 1/3 män. Abiturienten), sind in Sorgerechtsfällen oft benachteiligt (viele Väter kämpfen immer noch darum, Ihr Kind auch nur sehen zu dürfen). Männliche Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt haben nur wenig Anlaufstellen (es gibt analog zu den 400 Frauenhäusern in D kaum entsprechende Angebote für mänliche Gewaltopfer). Das Amt der Gleichstellungsbeauftragten dürfen nach Gesetz bis heute keine Männer ausüben. Auch erleben Alleinerziehende Väter wie die Mutter oft eine Doppelbelastung. Wenn nun aber der Feminismus uns Männer helfen soll, "zu weinen" und unsere "toxische Männlichkeit" (sic) zu überwinden, aber nicht bereit ist, für konkrete Gleichberechtigung (z. B. im Sorgerecht, im Gesundheitswesen, bei Anlaufstellen für Gewaltopfer etc.) einzutreten, dann wirken solche Aussagen geradezu zynisch.

Feminismus

Ich lese: "Der Feminismus kann helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen: Steht er doch für die Gleichberechtigung der Geschlechter." Ich frage: Seit wann zielt der Feminismus auf eine Gleichberechtigung der Geschlechter? Das sehe ich nicht. Ich bäte doch um Belege für diese gewagte These. M. E. ist der Feminismus in erster Linie eine Kampfansage an die wirkliche oder angebliche Herrschaft des Mannes über die wirkliche oder angebliche Unterdrückung der Frau, ohne jede Obergrenze, was den Anteil der Frau an der Herrschaft angeht. Die Quote meint doch nur das angestrebte Minimum an Mitherrschaft.