Filmtipp

„Familie Brasch“: Der langsame Tod des Musterclans

Nils Michaelis17. August 2018
Familie Brasch
Glückliche Tage? Bei den Braschs knirscht es gewaltig.
Ein perfekter Funktionär erzieht seine Söhne ungewollt zu Dissidenten: Die Dokumentation „Familie Brasch“ erzählt vom Niedergang eines prominenten Clans in der DDR.

Wenn Eltern von einem rücksichtslosen Idealismus geprägt sind, müssen die Kinder oft darunter leiden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Familie Brasch. Nach dem Zweiten Weltkrieg kommen die aus jüdischen Familien stammenden Exil-Kommunisten Horst und Gerda Brasch in die Sowjetische Besatzungszone. Horst Brasch will helfen, ein, wie er meint, besseres Deutschland aufzubauen. In der DDR bringt er es bis zum stellvertretenden Kulturminister. Seine Lieben trimmt er auf Linientreue.

Die drei Söhne verweigern sich indes schon als Jugendliche einem systemkonformen Weg ins real existierende sozialistische Leben, selbst wenn sie manch ein politisches Ideal des Vaters teilen. Später etablieren sich Thomas, Klaus und Peter in der von der Stasi kritisch beäugten Kulturszene. Schon früh zeichnen sich Konflikte ab, an denen der Clan letztendlich zerbrechen wird. Kreative Schaffenskraft, ein exzessiver Lebensstil, aber auch unverarbeitete Konflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben von Thomas, Klaus und Peter Brasch, das in allen drei Fällen früh endet.

Auch die Autorin und Radiomoderatorin Marion Brasch entstammt diesem Kreis. Sie ist zudem die einzige Überlebende. In ihrem Roman „Ab jetzt ist Ruhe – Roman meiner fabelhaften Familie“ beschreibt sie aus der Perspektive des Nesthäkchens den Niedergang ihrer Funktionärsfamilie. Die für versierte Produktionen über gebrochene DDR-Biografien bekannte Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel ließ sich davon, aber auch von Heinrich von Breloers Dokudrama „Die Manns“, zu „Familie Brasch“ inspirieren.

Rebellion und Verrat

Dementsprechend will Hendel ihr Werk als „,Buddenbrooks‘ in DDR-Ausgabe“ verstanden wissen. Das mag großspurig klingen, doch wird damit der Anspruch deutlich, den Verfall eines Clans in seiner ganzen Dimension zu erfassen. Dieser Prozess ist voller kleiner Dramen, wenn nicht gar Tragödien, die sich immer wieder um Rebellion und Verrat ranken. Als vor 50 Jahren die Panzer des Warschauer Paktes den Prager Frühling niederwalzten, waren in der DDR vor allem viele junge Menschen in Aufruhr. Thomas (Jahrgang 1945), der älteste und prominenteste der Brüder, verteilt mit seiner Freundin, der Liedermacherin Bettina Wegner, Flugblätter. Nach einer Anzeige von Vater Horst landen beide im Gefängnis. Und der Patriarch verliert seinen Posten. Ende der 70er-Jahre, nach dem Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, geht Thomas Brasch mit seiner Partnerin Katharina Thalbach und deren Tochter in den Westen. Dort wird Thomas Brasch zum gefeierten Schriftsteller und Filmemacher (zwei seiner Arbeiten laufen in Cannes), ohne sich von den dortigen Eliten vereinnahmen zu lassen. Auch Peter Brasch kommt wegen der Biermann-Affäre in Bedrängnis und schlägt sich in der DDR später als Texter von Hörspielen und Schallplatten für Kinder durch. Klaus (geboren 1950) wird schon als 14-jähriger Schüler von der Stasi überwacht. Beim Armeedienst verweigert er den Befehl. Trotzdem gelingt ihm eine Karriere als Theater- und Filmschauspieler. Mit 30 Jahren stirbt er an einem Cocktail aus Alkohol und Schafmitteln. Peter und Thomas folgen ihm im Jahr 2001 ins Grab.

Vielerlei Perspektiven

Wie kam es, dass diese drei Brüder – aus Sicht der regimetreuen Eltern – so früh auf die schiefe Bahn gerieten? Und wie fand die kleine Schwester ihren, wie es damals schien, angepassten Weg ins Leben? Hendel geht all dem nach, indem sie sich jeden einzelnen Protagonisten in gesonderten Kapiteln herauspickt und die Erinnerungsberichte der Wegbegleiter miteinander kombiniert. Unter anderem kommen Katharina Thalbach, Bettina Wegner, der Schriftsteller Christoph Hein und der frühere Regimekritiker Florian Havemann zu Wort. In vielen dieser Einlassungen kommt immer wieder ein bislang kaum beachteter Generationenkonflikt zum Ausdruck: Fast alle Zeitzeugen entstammen den Eliten des SED-Staates, doch den Vorstellungen ihrer Eltern wollten sie sich nicht beugen. Und auch das Ende der DDR brachte individuelle Sinnkrisen mit sich.

Hendel vermittelt all das weniger als eine klassische Erzählung, die auf ein tragisches Ende, also auf den frühen Tod dreier Brüder und ihrer Mutter, Kurs nimmt. Vielmehr liefert sie eine äußerst subjektiv gehaltene, vom ständigen Perspektivwechsel geprägte Collage. Das ist vielleicht kein allzu großer epischer Wurf, wohl aber ein anschaulicher Blick auf die „68er“ jenseits des Eisernen Vorhangs. Hendel rückt zudem eine zeitlose Frage ins Bewusstsein: Was sollten Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben?

Info: „Familie Brasch“ (Deutschland 2018), ein Film von Annekatrin Hendel, mit Marion Brasch, Katharina Thalbach, Bettina Wegner, Florian Havemann u.a., 90 Minuten. Jetzt im Kino.

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