25. Todestag

Fall der Mauer: Als Willy Brandt die Deutschen vor falschen Illusionen warnte

Klaus-Henning Rosen08. Oktober 2017
„Keiner soll in diesem Augenblick so tun, als wüsste er ganz genau, in welcher konkreten Form die Menschen in den beiden Staaten in ein neues Verhältnis zueinander geraten werden.“ Willy Brandt am 10. November 1989 auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses.
„Keiner soll in diesem Augenblick so tun, als wüsste er ganz genau, in welcher konkreten Form die Menschen in den beiden Staaten in ein neues Verhältnis zueinander geraten werden.“ Willy Brandt am 10. November 1989 auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses.
Einen Tag nach Öffnung der Mauer, am 10. November 1989, hielt Willy Brandt eine Rede auf dem Balkon des Schöneberger Rathaus in Berlin. Darin ermahnte der Alt-Kanzler die Deutschen, die Wiedervereinigung nicht als selbstverständlich anzusehen. Heute zeigt sich, wie weitsichtig Brandt damals war.

In seinem gerade erschienenen Buch „Grenzland - Meine Zeit mit Willy Brandt“ erinert sich der langjährige Büroleiter Willy Brandts Klaus-Henning Rosen Brandts Besuch in Berlin am 10. November 1989 sowie an seine Rede auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses. Wir dokumentieren den entsprechenden Buchauszug.

Schon während der Sitzung des Abgeordnetenhauses war Dunkelheit über Berlin eingebrochen. Die Dauer der Debatte führte bei den auf dem John-F.-Kennedy-Platz vor dem Rathaus Wartenden zu Unmut, es wurden Rufe und Pfi ffe laut.

Bei der Veranstaltung im Anschluss an die Sitzung des Abgeordnetenhauses auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg – so zeigen es die Bilder der Fernsehnachrichten – wurde Willy Brandt gefeiert. Es waren junge Menschen, sehr viele aus der DDR, die in großer Zahl, so erinnert sich (der damalige Regierende Bürgermeister Walter) Momper und so zeigen es die Bilder, nach Westberlin gekommen waren.

„Es liegt noch eine Menge vor uns“

(Bundeskanzler Helmut) Kohl machte seiner Verärgerung ein erstes Mal während der Begrüßungsworte Mompers Luft. Der lobte den Freiheitswillen des Volkes der DDR-Bürger und deren unverbrauchte demokratische Kultur, ihre „Abneigung gegen die Ellbogengesellschaft „, was er den Westdeutschen als Beispiel anpries. Das provozierte die hörbare Zwischenbemerkung von Kohl: „Lenin spricht!“

Willy Brandt hatte natürlich mitbekommen, was sich am Rande eines Tages entwickelte, der eigentlich ein fröhlicher hatte sein sollen. Er sprach von diesem „schönen Tag nach einem langen Weg“, mahnte aber, dass wir uns erst an einer Zwischenstation befi nden. „Es liegt noch eine ganze Menge vor uns“ und „es wird jetzt viel davon abhängen, ob wir uns, wir Deutschen hüben und drüben der geschichtlichen Situation gewachsen erweisen.“

Brandts Warnung, Kohls Zorn

Das Zusammenrücken der Deutschen werde sich anders verwirklichen, als von den meisten erwartet. Und er warnte, „[…] keiner soll in diesem Augenblick so tun, als wüsste er ganz genau, in welcher konkreten Form die Menschen in den beiden Staaten in ein neues Verhältnis zueinander geraten werden“. Willy Brandt vermied es, die Souveränität der DDR in diesem Moment in irgendeiner Weise infrage zu stellen. Dennoch ließ er seine Sorge fühlen, Ungeschicklichkeiten auf dem weiteren Weg könnten zu vielen Scherben führen. Er warnte vor der Illusion, die Dinge würden wieder so, wie sie einmal waren.

Der Zorn des Bundeskanzlers, der ans Ende der Rednerliste gerückt war, wurde ein weiteres Mal geschürt, als der Regierende Bürgermeister Momper den Außenminister Genscher aufforderte, vor der Ansprache des Bundeskanzlers die spontan von der DDR geöffneten Grenzübergänge vorzutragen. Der tat das betont gründlich, weil er wohl die Unruhe seines Bundeskanzlers spürte.

Kohl ungeschickte Polenreise

Der Grund für die zunehmend aggressive Stimmung gegen den Bundeskanzler war nicht so richtig auszumachen. Eher schon, warum ihn die Zwischenrufe „Bitburg“ und „Annaberg“ provozierten. Bei der Suche für eine symbolische Versöhnungsgeste beim gerade zu Ende gegangen Staatsbesuch war es zu Ungeschicklichkeiten gekommen. Die gerieten nicht immer zum Erfolg.

Wenig Beifall hatte beispielsweise der Handschlag mit dem US-Präsidenten Reagan über den Gräbern des Soldatenfriedhofs Bitburg gefunden, weil man dem Bundeskanzler nicht gesagt hatte, dass dies eine Geste auch über den Gräbern von SS-Soldaten war. Bei der Planung der Polenreise wollte Kohl möglicherweise die Sühnegeste Willy Brandts am 8. Dezember 1971 vor dem Denkmal der ermordeten Juden in Warschau als ihm einzig angemessene Geste der Demut gegenüber den jüdischen Opfern aufgreifen. Den Vorschlag des (CDU-)Fraktionsvorsitzenden Alfred Dregger zu einer vergleichbaren Geste Kohls auf der Westerplatte, wo der 2. Weltkrieg begonnen hatte, als das bleibende Bild des Besuchs lehnte die polnische Regierung ab.

Ein Vorgeschmack auf die Einheitsverhandlungen

Als Fehlgriff erwies sich auch die Idee, wohl auch mit Blick auf die Vertriebenenverbände, den Annaberg in Schlesien zu besuchen, denn diese katholische Wallfahrtsstätte war in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg Symbol für den polnischen Widerstand und die nationale Unabhängigkeit geworden.

Die Diskussion im Abgeordnetenhaus und die Pfiffe gegen Kohl waren ein Vorgeschmack auf die Schärfe der Debatte bis zur Unterzeichnung des Einigungsvertrages am 3. Oktober 1990 und der Selbstauflösung der DDR. Als die Repräsentanten auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses das Deutschlandlied anstimmten, allesamt ersichtlich nicht sehr tonsicher, gab es Gelächter. Schade, ein großer Tag endete in Missklang; die Runde eilte auseinander, Kohl zu einer CDU-Veranstaltung auf dem Kurfürstendamm. Demonstrative Gemeinsamkeit, die jetzt schön gewesen wäre, blieb aus.

Klaus-Henning Rosen: Grenzland. Meine Zeit mit Willy Brandt, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., ISBN 978-3-8012-0493-8, 26 Euro

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