Kulturdebatte zur Eurokrise

„Europa, wo stehst Du?“

Marisa Strobel01. März 2015
Alltag in Zeiten der Eurokrise: Obdachlose in Athen.
Wie hat die Eurokrise die europäische Werte- und Kulturgemeinschaft verändert? Darüber diskutierten Künstler und Intellektuelle aus Deutschland, Griechenland, Rumänien und den Balkanstaaten am Freitagabend in der Berliner Akademie der Künste.

„Wenn man sagt, Europa ist in keinem guten Zustand, dann wird kaum jemand widersprechen.“ Wenig optimistisch begrüßte der Präsident der Akademie der Künste Klaus Staeck seine Gäste am Freitagabend in Berlin zum Podiumsabend „Europa?“.

Seit fünf Jahren lastet die Staatsschuldenkrise auf Griechenland und der Europäischen Union. Ein Ende ist noch immer nicht in Sicht. Der Umgang mit der Krise ist aber nicht nur eine ökonomische Frage, sondern auch eine gesellschaftliche.

Europa in der Wertekrise

In den einzelnen Mitgliedsstaaten wächst die Unzufriedenheit mit der Krisenpolitik. Während das Vertrauen in Europa in Teilen der Bevölkerung schwindet, gewinnen populistische Aktionen und Parteien an Zustimmung. Jüngstes Beispiel: die Boulevardzeitung „Bild“, die im Vorfeld einer Bundestagsabstimmung zu Griechenlands zweitem Hilfspaket mit einer Selfie-Aktion für ein „Nein“ gegen „gierige Griechen“ hetzt.

Grund genug nachzufragen, was diese Eurokrise eigentlich mit Europa, mit unserer Werte- und Kulturgemeinschaft macht. „Wie viel Europa darf es sein?“, unter dieser Fragestellung diskutierten 2014 Künstler und Gelehrte in Serbien, Rumänien und Griechenland auf Einladung unter anderem der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Die wichtigsten Ergebnisse ihrer Diskussionen präsentierten Vertreter am Freitag in der Akademie der Künste in Berlin. 

Rumänien: Land der zwei Seelen

Über die Beziehung von Rumänien zu Europa sprachen an diesem Abend der rumänische Philosoph und Kunsthistoriker Andrei Pleşu und die Politikwissenschaftlerin Raluca Alexandrescu. Insgesamt herrsche im Land eine Skepsis gegenüber Europa, die sich im Mangel an Möglichkeiten begründe, erklärte Alexandrescu. Zudem kollidiere die rumänische Selbstauffassung, einzigartig zu sein, mit dem westlichen Modernisierungsprozess, der wiederum notwendig sei, um zur EU dazu zu gehören. 

Sie zeichneten das Bild eines zerrissenen Volkes. „Wir haben das Problem, dass wir uns fühlen wie der Osten des Westens und der Westen des Ostens“, sagte Pleşu. Eine spannende Situation, die einem das Gefühl gebe, eine Brücke, ein Vermittler zu sein zwischen beiden Seiten. „Aber“, warnte der Philosoph, „es kann auch einen Mangel an Identität bedeuten, weil man weder genug westlich noch genug östlich ist.“ 

Bedrohte Kultur in Griechenland 

Gemeinsam mit dem Moderator Aris Fioretos, Vize-Präsident der Akademie für Dichtung, skizzierten die Journalistin Mikela Chartoulari und der Verleger Argyris Kastaniotis ein Porträt über Griechenlands Kulturlandschaft in Zeiten der Krise. „Das erste Opfer der Krisenpolitik war der Sozialstaat“, berichtete Chartoulari. Diese Abschaffung habe zu gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Ungleichheiten geführt.

So ist der Zugang zu Literatur durch die Krise enorm erschwert worden. Unter anderem seien in den vergangenen acht Jahren 700 Schulbibliotheken geschlossen worden, die Steuer auf Bücher wurde erhöht, berichtete Chartoulari. Um 50 Prozent sei der Buchmarkt in Griechenland eingebrochen. Die Schuld daran sieht sie auch in der Politik. „Das Buch wurde vom Staat nicht mehr als Kulturgut angesehen“, kritisierte die griechische Journalistin. Wie sehr aber Bildung und Demokratie zusammengehören, das verdeutlichte auch Kastaniotis: „Wenn man kein kritisches Denken lernt, ist man sehr anfällig für Propaganda.“ Genau dieses kritische Hinterfragen werde jedoch von griechischen Schülern nicht abverlangt. Stattdessen müssten sie „nur auswendig Gelerntes ausspucken“, so der Verleger. 

„Es liegt an uns, die Dinge zu verändern“, resümierte Kastaniotis, der trotz der schwierigen Marktsituation auch Werke von Autoren wie Herta Müller publiziert und diese über Bestseller querfinanziert. „Wir sind der Staat. Aber diese Erzählform wurde uns nicht eingetrichtert, die müssen wir uns selbst beibringen.“ 

Der Balkan ist europamüde

Deprimierend sei das Bild von Europa, das in der Debatte in Belgrad entstand, erzählte auch Dubravka Stojanovic. Die schärfste Kritik sei dabei aus den EU-Mitgliedsländern des Balkans gekommen, während das frühere Jugoslawien mit einem nostalgischen Blick verklärt werde. Diese Unzufriedenheit mit Europa begründete die Historikern mit der Entstehungsgeschichte der Länder. So hätten sie nach dem Ende Jugoslawiens nach einem neuen Sündenbock für ihre Probleme gesucht, welchen Kroatien und Slowenien in der EU gefunden hätten. „Der Balkan ist der Spiegel Europas: er ist erweiterungsmüde“, resümierte Stojanovic. Seine Anziehungskraft könne Europa nur wiedergewinnen, wenn es in der Bevölkerung wieder mit Problemlösen assoziiert werde, statt wie derzeit mit dem „kalten Markt“ und „der eigenen Identitätsaufgabe“. 

Im Balkan werde Europa zu oft gleichgesetzt mit Geld, kritisierte die Redakteurin Ana Pejovic. Dabei gehe es um tiefere, abstraktere Werte. Diese Werte zu verstehen, müsse man den Menschen in Serbien erst noch beibringen, und sieht darin eine wichtige Aufgabe in dem Literaturaustausch. „Die Leute glauben an nichts mehr, das ist das Problem. Wir müssen sie wieder zu glaubenden Menschen machen“, sagte auch Stojanovic.

„Es sind die unveräußerlichen, universellen Menschenrechte, die Europa zusammenhalten, und es ist die Kultur“, hatte Staeck in seiner Rede zu Beginn des Abends gesagt. Welche wichtige Rolle dabei das Verbreiten und Lesen von Büchern spielt, machte nicht zuletzt diese Veranstaltung aufs Neue deutlich.

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