Todestag

Die erste „Miss Bundestag“ – Erinnerung an Annemarie Renger

Renate Faerber-Husemann02. März 2022
Annemarie Renger
Die SPD-Politikerin Annemarie Renger mit ihrem heiß geliebten Boxer Rocky.
Vor über 100 Jahren wurde das deutsche Frauenwahlrecht durchgesetzt. Zu den Frauen, die seitdem die Politik der SPD mitbestimmten, gehörte die ehemalige Bundestagspräsidentin Annemarie Renger, die vor vierzehn Jahren verstorben ist. Eine Erinnerung.

Annemarie Renger (7. Oktober 1919 – 3. März 2008) war eine furchtlose Frau, die sich von keinem Mann die Butter vom Brot nehmen ließ. So hat sie sich beispielsweise nach der Bundestagswahl1972, aus der die SPD erstmals als stärkste Fraktion hervorging, selbst für das Amt als Bundestagspräsidentin vorgeschlagen – was damals sehr missbilligt wurde und als überaus unweiblich galt. Ihr Kommentar später dazu: „Glauben Sie, man hätte mich sonst genommen?“

Streit gehört zum Parlamentarismus

Es war eine doppelte Premiere: Zum ersten Mal hatte der Bundestag eine Präsidentin, zum ersten Mal hatte die SPD Anspruch auf dieses protokollarisch zweithöchste Amt im Staat. Bald schon hatte die 1919 in Leipzig geborene und in Berlin aufgewachsene Renger bei Genossen wie bei politischen Gegnern den Ruf, eine kompetente, allerdings wenig zimperliche Präsidentin zu sein. Die Ruppigkeit der leidenschaftlichen Skatspielerin war gefürchtet in der SPD. Streit gehöre zum Parlamentarismus, war das Credo der Frau, die fast 40 Jahre lang im Parlament saß. „Der Bundestag ist kein Mädchenpensionat, in dem alles so gesittet zugeht“, war einer ihrer viel zitierten Sprüche. Nach einem Jahr im Amt war die elegante Erscheinung mit dem stets wohlfrisierten Kopf in Umfragen die beliebteste deutsche Politikerin. „Miss Bundestag“ nannten die Journalisten sie.

Renger war die Tochter des SPD-Arbeiterführers Fritz Wildung, jüngstes von sieben Kindern. Der Vater verlor 1933 seine Arbeit, die Familie musste von 150 Mark Arbeitslosenunterstützung leben. Renger musste das Gymnasium verlassen, denn für das Schulgeld reichten die Mittel nicht. 1938 heiratete sie Emil Renger, im gleichen Jahr kam Sohn Rolf zur Welt. Wenige Jahre später war sie Witwe. Ihr Mann – und drei ihrer Brüder – kamen im Krieg ums Leben.

Opposition ist schwierig

Für Renger gab es deshalb zwei Zeitrechnungen: Vor dem 8. Mai 1945 und danach. Vor 1945 – das waren zwölf Jahre Nazi-Elend, Ausgrenzung, verweigerte Bildungschancen. Danach begann ihr wirkliches Leben an der Seite des ersten SPD-Vorsitzenden nach dem Krieg, Kurt Schumacher. Sie war seine Sekretärin und die engste Gefährtin des damals schon schwer kranken Mannes, der gezeichnet war von zehn Jahren in Konzentrastionslagern und Gefängnissen. Wie er definierte sie sich über die Arbeiterbewegung und die leidvollen Erfahrungen während der Nazizeit. Ihr Verständnis für die nachfolgende Generation, die sogenannten 68er, die sich ihrer Meinung nach eher an der eigenen Partei abarbeitete als am politischen Gegner, war gering.

Wenige Jahre vor ihrem Tod sagte sie in einem Interview: „Wir haben die Regierung Brandt und die Regierung Schmidt bis zur letzten Minute gestützt. Weil wir die Erfahrung gemacht hatten in unserem Leben, dass es sich lohnt, in der Regierung zu sein, denn da kann man etwas erreichen, in der Opposition ist das sehr viel schwieriger.“

„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“

Für Renger gehörten SPD und Gewerkschaften stets zusammen. Ihre große Popularität nutzte sie für ein Thema, das damals eher wenig populär war. Sie kämpfte für berufstätige Frauen, vor allem für Arbeiterinnen, und startete die Aktion „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.“ Von einer politischen Frauenquote dagegen hielt sie  nichts. Schließlich hatte sie es ja auch aus eigener Kraft geschafft. Später korrigierte sie sich: „Es lag mir nicht, das mit der Quote. Aber es ist doch erfolgreich gewesen.“

Nach ihrem Lebensmotto gefragt, zitierte einmal Kurt Schumacher: „Freiheit ist der größte Wert.“ Gleich danach kam für sie immer ihre Familie. Mit Enkelin, Urenkelin und dem Boxer Rocky lebte sie in ihrem schönen Haus hoch über dem Rhein bei Bonn. Bis kurz vor ihrem Tod fuhr sie mit ihrem hellblauen Sportwagen (Boxer Rocky stets auf dem Beifahrersitz) fast täglich nach Bonn in den ehemaligen Bundestag, wo sie noch ein Büro hatte.

Sie war wirklich etwas Besonderes: Persönlich bescheiden, klar bis zur Ruppigkeit, dabei, wenn sie wollte, von einem Charme und einer Natürlichkeit, die die unterschiedlichsten Menschen für sie einnahm – auch wenn sie ihre politischen Meinungen nicht teilten.

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