Rechtsextremismus

„Jetzt erst recht!“: Brandanschlag auf SPD-Politikerin in Neukölln

Robert Kiesel12. Juli 2017
Ausgebrannt: Der Wagen von Gabriela Gebhardt. Hinter dem Anschlag werden Rechtsextreme vermutet.

Eine Kooperation mit bnr.de

Berlin-Neukölln gilt vielen als Inbegriff von „Multi-Kulti“, dennoch wird der Bezirk seit Monaten von einer mutmaßlich rechtsextremen Anschlagsserie terrorisiert. Nun traf es erneut eine Politikerin der SPD.

Nach dem Brandanschlag auf das Privatauto von Gabriela Gebhardt im Berliner Bezirk Neukölln zeigt sich die SPD-Kommunalpolitikerin entschlossen: „Ich lasse mich nicht einschüchtern und werde meine Arbeit fortsetzen, jetzt erst recht! Für mich hat der Kampf gegen Rechtsextremismus und für Demokratie, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit jetzt erst richtig begonnen“, erklärte Gebhardt im Gespräch mit vorwärts.de. Ihr Wagen war von bislang unbekannten Tätern in der Nacht von Montag auf Dienstag angezündet worden und brannte komplett aus. Abgefackelt wurde zudem das Auto eines Mitglieds im „Aktionsbündnis Rudow“. Die Taten reihen sich ein in eine Serie von Brandanschlägen und Attacken, die aus Sicht von Polizei und Beobachtern von Angehörigen der rechtsextremen Szene begangen werden.

Brandanschlag Berlin Neukölln
Der Wagen von Gabriela Gebhardt brannte komplett aus.

„Angriff auf die Demokratie“

„Ich gehe davon aus, dass der Anschlag mir und meinem politischen Engagement gegolten hat. Das war ein gezielter Angriff auf mich als Politikerin und damit auch auf die Demokratie“, erklärte Gebhardt weiter und wies darauf hin, dass vor ihr bereits zwei andere SPD-Vertreter Opfer von Brandanschlägen geworden waren. Mit Miriam Blumenthal hatte es im Januar dieses Jahres eine Vertreterin des sozialistischen Kinder- und Jugendverbandes „Die Falken“ getroffen. Auch ihr Auto hatten bislang unbekannte Täter angezündet, Blumenthal konnte den Brand selbst löschen.

Die SPD in Berlin verurteilte die neuerlichen Attacken als „feigen Anschlag“. Die Landesgeschäftsführerin Anett Seltz erklärte: „Es ist beschämend, dass sich in einer Nacht gleich zwei eindeutig rechts motivierte Taten in Neukölln ereignet haben. Neukölln bleibt ein bunter Bezirk. Dies gilt es zu verteidigen.“ Fritz Felgentreu, Bundestagsabgeordneter und Direktkandidat aus Neukölln, ergänzte: „Die Rechtsextremisten sollen sich nicht einbilden, dass sie uns mit solchen Aktionen beeindrucken können. Wir werden der Gewalt niemals weichen. Solidarität und Zivilcourage werden sich durchsetzen.“

Polizei ermittelt ersten Tatverdächtigen

Inzwischen gibt es Anzeichen dafür, dass die Ermittlungen gegen die Hintermänner der Anschlagsserie erste Ergebnisse zutage fördern. Laut „blicknachrechts“ wurde im Zusammenhang mit den Taten die Wohnung eines bekannten Rechtsextremisten durchsucht, der als Tatverdächtiger gilt. Ein Bericht der „Berliner Morgenpost“ bestätigt das. Demzufolge habe der Mann einst für die NPD kandidiert und gehört zum Umfeld der Neonazi-Gruppierung „Nationaler Widerstand Berlin“, einer der gewalttätigsten Neonazi-Formationen der Hauptstadt.

Das Interview mit Gabriela Gebhardt im Wortlaut:

Gabriela Gebhardt ist Bürgerdeputierte im Ausschuss Gesundheit der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Neukölln.

Frau Gebhardt, nach dem Brandanschlag auf ihr Auto werden die Täter in der rechten Szene verortet. Teilen Sie die Vermutung?

Ich gehe davon aus, dass der Anschlag mir und meinem politischen Engagement gegolten hat. Das war ein gezielter Angriff auf mich als Politikerin und damit auch auf die Demokratie. Der Verdacht ist mir durch die Sicherheitsbehörden vor Ort bestätigt worden.

Die Tat reiht sich ein in eine Serie von Attacken, die Neukölln seit Monaten in Atem hält. Tut die Polizei genug, um die Taten aufzuklären?

Das kann und möchte ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass die Polizei vor Ort sehr gute Arbeit geleistet hat. Ich gehe davon aus, dass im Hintergrund viele Dinge unternommen werden, von denen die Öffentlichkeit nichts mitbekommt. Ich hoffe, dass der oder die Täter gefasst und gerecht verurteilt werden.

Welche Auswirkungen hat der Anschlag auf ihre politische Arbeit vor Ort?

Ich lasse mich nicht einschüchtern und werde meine Arbeit fortsetzen, jetzt erst recht! Für mich hat der Kampf gegen Rechtsextremismus und für Demokratie, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit jetzt erst richtig begonnen. Bei künftigen Demonstrationen gegen Rechtsextremismus wird man mich ganz sicher in den ersten Reihen sehen.

Neukölln gilt als Bezirk, in dem sich viele Menschen klar gegen Rassismus und zu Vielfalt bekennen. Wie waren die Reaktionen auf die Attacke?

Die Solidarität war überwältigend. Wir haben hier vor Ort eine wunderbare Gemeinschaft, die durch den Vorfall eher noch gestärkt wurde. Ich fühle mich sehr gestärkt und geborgen, auch durch die Reaktionen aus den Reihen der SPD. Diese Tat macht uns eher noch stärker.

Tags: 

Eine Kooperation mit bnr.de

weiterführender Artikel