Symbolpolitik

Warum Erdogan die Hagia Sophia wieder zur Moschee gemacht hat

Kristina Karasu24. Juli 2020
Nach 85 Jahren soll die Hagia Sophia in Istanbul wieder als Moschee genutzt werden.
Nach 85 Jahren soll die Hagia Sophia in Istanbul wieder als Moschee genutzt werden.
Ab dem 24. Juli wird die Hagia Sophia als Moschee genutzt, viele religiös-nationalistische Türk*innen jubeln. Erdogan nutzt diese Trumpfkarte, um von Wirtschaftskrise, außenpolitischer Isolation und sinkenden Zustimmungswerten abzulenken. Langfristig könnte ihm das aber teuer zu stehen kommen.

Von außen wirkt sie unscheinbar, doch wer sie betritt, dem raubt die Hagia Sophia den Atem: die gigantische Kuppel scheint fast zu schweben, an den Wänden funkeln prächtige Mosaike, durch die Fenster dringt goldene Lichtstrahlen. Selbst wer nicht gläubig ist, fühlt hier einen Hauch von Übersinnlichkeit.

Millionen von Menschen strömen Jahr für Jahr in dieses architektonische Meisterwerk und UNESCO-Weltkulturerbe in Istanbul. Erbaut wurde sie im sechsten Jahrhundert als Basilika, galt in der Spätantike als achtes Weltwunder. Sie zeugt zugleich von der wechselvollen Geschichte der Stadt: über Jahrhunderte war sie im damaligen byzantinischen Konstantinopel Hauptsitz der christlichen Kirche. Als der osmanische Sultan Mehmet II. im Jahr 1453 die Stadt eroberte, ließ er die Hagia Sophia symbolträchtig in eine Moschee verwandeln, besiegelte damit den Sieg der islamischen über die christliche Vorherrschaft der Stadt.

Und ebenso symbolträchtig ließ der türkische Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk die Moschee 1934 in ein Museum verwandeln, als Zeichen für die Säkularisierung und Westgewandtheit seines Landes. Anfang Juli nun erklärte das oberste türkische Verwaltungsgericht diese Entscheidung für unrecht und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verkündete, die Hagia Sophia werde wieder in eine Moschee verwandelt. Das kann man als Fortsetzung dieser Symbolpolitik lesen.

Umwidmung als „Befreiung der Türkei“

„Der Traum einer Hagia Sophia, von deren Minaretten wieder zum Gebet gerufen wird, repräsentiert die Idee der Befreiung der Türkei von der Herrschaft der westlichen Welt“, erklärt etwa Ibrahim Kiras, Chefredakteur der religiös-konservativen Zeitung Karar: „Zudem erinnert die Hagia Sophia an unsere ruhmreiche Geschichte und lässt uns die Niederlagen vergessen, die wir in jüngerer Zeit intellektuell, wirtschaftlich, politisch und militärisch gegenüber dem Westen erlitten haben. Sie ist das Symbol der Hoffnung, diese majestätische Vergangenheit eines Tages wiederzubeleben.“

Tatsächlich präsentiert sich Erdogan gerne als Nachfolger des Sultans Mehmet II. So betete Erdogan vergangenes Jahr mit tausenden von Anhänger*innen auf einem großen Platz genau so, wie es Mehmet II. im Jahr 1453 – schon damals sehr publikumswirksam - mit seinem Heer getan hatte, bevor er die Stadt eroberte. Wenn am 24. Juli zum ersten Mal wieder in der Hagia Sophia ein Gottesdienst abgehalten wird, wird Erdogan selbstverständlich mit seiner ganzen Familie zugegen sein.

Langer Streit um ein politisches Heiligtum

Die Hagia Sophia wieder in eine Moschee zu verwandeln ist seit Jahrzehnten ein Wunsch der türkischen Rechten, sehnsuchtsvolle Gedichte wurden geschrieben und das Thema pünktlich zu jedem Wahlkampf von islamisch-konservativen Politikern auf die Tagesordnung gepackt. Doch Erdogan selbst schreckte jahrelang davor zurück, wusste er doch um die negativen Reaktionen aus dem Ausland, insbesondere aus der christlich-orthodoxen Welt. Für die gilt die Hagia Sophia noch immer als besonderes Heiligtum. Noch letztes Jahr erklärte Erdogan, der Preis für eine Umwandlung sei zu hoch, Moscheen in Europa etwa könnten in Gefahr geraten. Was hat sich also in diesem Jahr geändert?

Erdogan steht unter enormem Druck, die seit zwei Jahren anhaltende Wirtschaftskrise hat sich durch Corona noch einmal enorm verstärkt. Wegen Massenarbeitslosigkeit und dem stetige Werteverfall kämpfen viele Türken ums Überleben. Die Opposition hat seit den Kommunalwahlen 2019 an Aufwind gewonnen, Erdogans einstige Weggefährten Ahmet Davutolgu und Ali Babacan haben in den letzten Monaten eigene Parteien gegründet, sein Rückhalt in der eigenen Partei schwindet.

Erdogan als Getriebener der Rechten

Seit Einführung seines autoritären Präsidialsystems ist Erdogan zudem in einer Koalition mit der ultrarechten MHP, die er mit der Hagia Sophia-Entscheidung befriedigen konnte. Und nicht nur das – auch vielen anderen, nationalistisch-religiös gesinnten Türk*innen kann er sich so als starker Führer präsentieren, der wagte, was jahrzehntelang niemand wagte. Effektiv konnte Erdogan nun die Tagesordnung ändern – zumindest für einige Tage oder Wochen. Ob es ihm dauerhaft aus der Patsche hilft, ja ihm sogar helfen würde vorgezogene Neuwahlen im Herbst oder Frühling zu gewinnen, wie mancher in Ankara bereits munkelt, ist jedoch höchst fraglich.

Die Opposition reagiert verhalten auf die Entscheidung, wagte nur wenig Kritik. Hinter vorgehaltener Hand zeigen sich jedoch viele säkular gesinnte Türk*innen entsetzt. Selbst viele religiöse, aber regierungskritische Türk*innen halten die Umwandlung für einen unnötigen Schritt, der die Türkei international weiter isolieren könnte.

Konflikt mit Griechenland spitzt sich zu

Das Timing der Entscheidung ist außenpolitisch nicht zufällig gewählt. Die Beziehungen zu Griechenland, dem größten Kritiker der Hagia-Sophia-Entscheidung, befinden sich seit Monaten auf einem Tiefpunkt. Grund dafür sind etwa Erdgasbohrungen der Türkei im Mittelmeer und die Öffnung ihrer Grenzen Richtung Europa für Flüchtlinge Ende Februar. Zudem hat die europäische Union sehr zum Missfallen Ankaras und der riesigen türkischen Tourismusbranche ihre Corona-Reisewarnung für die Türkei bis zum 31. August verlängert. Für die Türkei bedeutet das eine immense wirtschaftliche Katastrophe. Zugleich scheint Erdogan nun nicht mehr auf die vielen christlichen Tourist*innen Rücksicht nehmen zu müssen, wegen denen er wohl lange auf eine Umwandlung der Hagia Sophia verzichtet hat.

Gleichzeitig versucht Erdogan, das Ausland zu beschwichtigen. Die Ängste, das kulturelle Erbe der Hagia Sophia könne verloren gehen, seien vollkommen unbegründet. Die nächsten sechs Monate würden sorgfältige Vorbereitungen getroffen, betont der Präsident: „Wir bereiten sie auf eine Weise vor, dass jeder der hierher kommt, ob aus der islamischen, nichtmuslimischen oder christlichen Welt, den schönsten Beweis erhält, wie wir dass Erbe, dass wir von unseren Vorfahren übernommen haben, in die Zukunft tragen.“ Sein Tourismus-Minister erklärte, das Budget für Restaurierungen sei enorm erhöht worden sei. Die Fresken, die wegen des Bilderverbots des Islams beim Gebet stören könnten, erwäge man mit besonderer Lasertechnik während der Gebetszeiten zu verdunkeln. Und das Gotteshaus stehe von nun an allen kostenlos offen. Das zumindest ist eine positive Nachricht – denn bisher wurden vor allem von ausländischen Besucher*innen enorme Eintrittspreise verlangt.

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