Lohnungleichheit

Equal Pay Day: Warum die Rentenlücke so groß ist

Alexandra Wagner19. März 2016
Equal Pay Day in München, 2014
Dass es einen Gender Pay Gap gibt, also eine Lohnlücke zwischen Männern und Frauen, ist bekannt. Daraus entsteht wiederum der weniger bekannte Gender Pension Gap: Frauen beziehen niedrigere Renten als Männer. Und das hat viel, aber nicht nur mit dem niedrigeren Erwerbseinkommen von Frauen zu tun.

Frauen beziehen durchschnittlich niedrigere Renten als Männer. Wen wundert das, wo doch inzwischen hinlänglich bekannt ist, dass die Erwerbseinkommen der Frauen immer noch 21 Prozent unter denen der Männer liegen? Erstaunt ist man aber, wenn Fachleute die Rentenlücke berechnen und sich dabei ein Wert von 57 Prozent ergibt. Dies bedeutet: Frauen erhalten im Durchschnitt nur 43 Prozent der Alterssicherungseinkommen der Männer! Wie kann das sein?

Diskrepanz zwischen gewünschter und realisierter Arbeitszeit

Die Antwort ist einfach: In der Rente widerspiegelt sich der gesamte Erwerbsverlauf. Neben den Entgelten werden auch die Zeiten der Erwerbstätigkeit berücksichtigt. Deshalb ist es nicht nur der geringere Verdienst, der sich in den niedrigeren Renten der Frauen zeigt. Es sind die vielen verschiedenen Formen der Erwerbsbeteiligung, bei denen es erhebliche Geschlechterunterschiede gibt: Frauen sind seltener als Männer erwerbstätig, arbeiten häufiger als Männer in Teilzeit und sind meist diejenigen, die eine Auszeit nehmen, wenn in der Familie Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen sind. Frauen haben deshalb – über ihr gesamtes Leben betrachtet – im Vergleich zu den Männern weniger Erwerbsjahre mit durchschnittlich weniger Arbeitsstunden pro Woche und einem geringeren Entgelt für die geleistete Arbeit. Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Frauen mit Minijobs gar nicht rentenversichert ist.

Hinter diesen geschlechtsbezogenen Ungleichheiten mögen im Einzelfall unterschiedliche Lebensentwürfe und dazu gehörige Vorstellungen von der Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern stehen. Für die politische Debatte ist jedoch entscheidend, dass ein großer Teil der niedrigeren Frauenerwerbsbeteiligung unfreiwillig erfolgt, wie sich in der Diskrepanz zwischen gewünschten und realisierten Arbeitszeiten zeigt. Frauen benennen das unbefriedigende Angebot an öffentlicher Kinderbetreuung und an Vollzeitstellen mit flexiblen Arbeitszeiten als wesentliche Gründe für ihre oft reduzierte Erwerbstätigkeit. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist häufig immer noch ein schwieriger Balanceakt. In dieser Situation wählen Paare oft das sogenannte „modernisierte Ernährermodell“, bei dem eine Person – häufig die mit dem niedrigeren Erwerbseinkommen und den geringeren Karrierechancen – die Arbeitszeit reduziert und den Großteil der Familienarbeit übernimmt.

Geschlechterunterschiede wachsen in der „Familienphase“

Es ist kein Zufall, dass die Rentenlücke in Ostdeutschland mit 35 Prozent deutlich niedriger ist als in Westdeutschland, wo sie bei 61 Prozent liegt. Neben unterschiedlichen Geschlechterrollenbildern unterstützt auch die deutlich bessere Infrastruktur für die Kinderbetreuung hier die stärker egalitäre Erwerbsbeteiligung. In Westdeutschland nehmen Frauen im Zeitverlauf deutlich häufiger am Arbeitsmarktgeschehen teil. Der Trend steigender Frauenerwerbstätigkeit zeigt sich in einer Reduzierung der Rentenlücke von ca. 70 Prozent Anfang der 1990er Jahre auf die oben genannten 57 Prozent in 2011.

Auch wenn sich die Rentenkluft nahezu kontinuierlich verringerte, kann von einer Entwarnung keine Rede sein. Die Entgeltlücke liegt immer noch bei mehr als einem Fünftel. Der Anteil der Frauen am Arbeitsvolumen betrug 2014 nur 41 Prozent, obwohl Frauen 49 Prozent der Beschäftigten stellten. Die Kluft zwischen Frauenanteilen an Beschäftigung und Arbeitszeit – aktuell 8,4 Prozentpunkte – ist seit Anfang der 1990er Jahre sogar angestiegen. Die Geschlechterunterschiede sind bei den jüngeren Altersgruppen eher gering, wachsen aber deutlich, wenn die sogenannte „Familienphase“ beginnt. Eine stärker partnerschaftlich und egalitär orientierte Arbeitsteilung in den Familien braucht neben einer Veränderung von individuellen Geschlechterrollenbildern auch und vor allem einen Wandel der sozialen Normen, eine familienfreundliche Gestaltung der Arbeitswelt durch kürzere Normarbeitszeiten bei steigendem Einfluss der Beschäftigten auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit sowie eine Aufwertung von Tätigkeiten in den sozialen und Pflegeberufen durch höhere Entgelte.

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